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Unter dem Vulkan in Pucon: Eine kleine Tour durch Chile (Teil 2: Patagonien)

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Nachdem uns diese Stadt in ihren Bann gezogen hat, geben wir unserer Reise eine andere Note. Wir fahren rund 800 Kilometer gen Süden ins Outdoor-Zentrum Pucon. Dort treffen wir Mathias Boss, der vor 15 Jahren mit seiner Familie nach Chile ausgewandert ist. Damals gab es in Antilco noch keinen Strom. Das, was einmal seine Ranch werden würde, war nur über eine wacklige Holzbrücke erreichbar. Und bis heute muss er immer darauf gefasst sein, dass ihm die Elemente zu schaffen machen. Der gelernte Automechaniker nämlich wohnt zu Füßen des Vulkans Villarrica.

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Dennoch sitzt der 51-Jährige heute fest im Sattel. Er beherbergt rund 20 Pferde der einheimischen Rasse Criollos Chilenos, mit denen er Expeditionen durch Nordpatagonien anbietet.

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Es ist ein sonniger Morgen Mitte Oktober, als Matthias uns verspricht, dass wir während unserer halbtägigen Tour drei Vulkane zu sehen bekommen werden. Als wir aufbrechen, reiten wir zunächst über die Hauptstraße, was in der geographischen Mitte Chiles einem nahezu autofreien Schotterweg gleichkommt.

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Während am Wegesrand heimische Boldo-Sträucher und importierte Kirschbäume ein opulentes Blütenmeer formieren, blicken wir auf die Ausläufer der Voranden. Das einfache Leben, sinniert Matthias, hat ihn dazu bewogen, hier einen Neustart zu wagen. „Die Wälder da oben sind unberührt. Hektik kennen wir nicht.“

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Pink cowgirl

Nach einer Weile biegen wir um eine Ecke. „Da vorne ist er“, sagt Boss. Er meint den schneebedeckten Villarrica, der in 2840 Metern Höhe bedächtig seine Rauchwölkchen in den azurblauen Himmel ausstößt. Nun ist es Zeit für einen kleinen Galopp. Seine Pferde nämlich sind nicht darauf getrimmt, Touristen apathisch durch die Landschaft zu tragen. „Nein, die haben Charakter.“

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Später, beim Barbecue im heimischen Garten, kommen die Spezialitäten der Region auf den Tisch: Steak und Chorizo, dazu Pebre, eine scharfe Sauce mit Tomaten, Zwiebeln und Koriander.

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„Was ihr heute gesehen habt“, sagt Matthias, „war noch gar nichts“. Erst bei einem einwöchigen Ritt durch die menschenleeren Anden würden sich das Land und die Einsamkeit so richtig erschließen.

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Am nächsten Tag sind wir schon weit vor Sonnenaufgang auf den Beinen. Wir wollen den Villarrica besteigen, wofür es geeigneter Ausrüstung bedarf. Mit Rucksack und Eispickel stehen wir gegen 8 Uhr an der Talstation eines kleinen Skigebiets. Weil es abermals ein sonniger Tag zu werden scheint, geben die drei Bergführer ihr OK für den Aufstieg. Wie die anderen zwölf Expeditionsteilnehmer, weiß auch Annerieke aus dem niederländischen Groningen nicht so recht, ob ihr heute ein kleines, oder vielleicht doch eher ein größeres Abenteuer bevorsteht.

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1650 Höhenmeter liegen vor uns. Und weil der Frühling noch jung ist, führt lediglich die erste halbe Stunde durch Geröllfelder. Danach geht es durch Schnee.

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Die erfahrenen Guides geben einen bewährten Rhythmus vor: 50 Minuten im Gänsemarsch über Trampelpfade klettern, anschließend zehn Minuten Pause zum Essen, Trinken und Auftragen von Sonnenmilch.

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So ist der Berg binnen fünf bis sechs Stunden zu bewältigen – vorausgesetzt, dass der Vulkan sein Temperament zügelt. Für solche Fälle befindet sich im Gepäck eine Gasmaske. Und dann ist die sofortige Umkehr angesagt.

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Die ersten drei Stunden geht der Plan auch für Annerieke mühelos auf. In der intensiver werdenden Sonne aber wird der Schnee immer sulziger. Der Ausblick auf die Anden muss nun häufiger als Entschädigung für den kräftezehrenden Aufstieg herhalten. Auf 2800 Metern Höhe – auch die Holländerin ist längst erschöpft – ziehen plötzlich Wolken auf. Binnen Minuten schlägt das Wetter um.

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Die Guides beraten kurz, ob wir die Expedition im Nebel fortsetzten können. Sie sprechen von einer „außergewöhnlichen Situation“, doch weil es nur noch ein paar Minuten bis zum Gipfel sind, sehen sie keine Gefahr.

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Als es oben noch einmal aufklart, können wir sogar kurz in den Vulkankessel blicken. Im eisigen Wind ziehen wir rasch unsere Schneeanzüge an, um uns für die originelle Art des Abstiegs zu wappnen: In vorgefertigten Rinnen rutschen wir auf einem Plastikteller den Berg hinunter – mit dem Eispickel als einziger Bremse. Annerieke ruft durch den Nebel, dass es sich wohl eher um ein größeres Abenteuer handelt.

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Als Belohnung für die Strapazen zische ich mir auf dem Weg nach untern erstmal mein Gipfelbier, das mir oben aus gegebenem Anlass verwehrt geblieben ist. Danach geht es zur weiteren Belohnung noch ein paar Tage im Hotel Antumalal.

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Erneut wähnen wir uns in einer anderen Zeit, denn das von einem Schüler des amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright erbaute Haus ist ebenso großartig wie unwahrscheinlich.

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In dem organisch in die Landschaft integrierten Flachbau blicken wir vom Bett aus ungehindert auf den Villaricca-See. Und das original aus den 50er Jahren stammende Mobiliar sieht aus wie aus der US-Fernsehserie „Mad Men“.

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Doch es war nicht Protagonist Don Draper, der es sich hier hat gut gehen lassen, dafür aber Hollywood-Ikone James Stewart und Königin Elisabeth II. Am letzten Außenposten der Zivilisation vor den noch weithin wilden Anden vereinen sich so alte und neue Welt.

Informationen:

Anreise:

Mit LAN Chile via Madrid nach Santiago de Chile (ab 900 Euro), dann per Mietwagen oder mit dem gut ausgebauten Überlandbussystem weiter bis nach Valparaiso und Pucon, für die Einreise ist ein sechs Monate gültiger Reisepass erforderlich, die beste Reisezeit ist von Oktober bis April.

Pucon ist das regionale Zentrum für Outdoor-Aktivitäten mit vielen Restaurants uns Bars.

Unterkunft Pucon:

Hotel Antumalal, gebaut von einem Schüler Frank Lloyd Wrights, mit Originalmöbeln aus den 50er Jahren und Ausblick über den Villarica-See, zwei Kilometer außerhalb von Pucon ab 200 Euro

Hotel Gudenschwager, eher einfache Unterkunft in Pucon, ab 80 Euro

Aktivitäten:

Matthias Boss bietet mit Ausgangspunkt der Ranch Antilco (30 Minuten von Pucon) Ausritte von einem halben Tag bis zu zehntägigen Andenüberquerungen an, Unterkunft in Cottages möglich.

Die Firma Aguaventura in Pucon bietet begleitete Aufstiege auf den Vulkan Villarica an, für die Zugangsregistrierung zum Nationalpark ist ein Reisepass erforderlich, je nach Ausrüstungsbedarf ab 80 Euro

Die Termas Geometricas (etwa zwei Stunden außerhalb von Pucon) können nur per Pkw erreicht werden, Eintritt etwa 20 Euro.

Unterkunft Valparaiso:

Hotel Palacio Astoreca, in einer frisch renovierten Kolonial-Villa gelegenes Boutique Hotel, an 230 US Dollar

Informationen:

chiletourism.travel

lan.com

antumalal.com

hogudens.com

antilco.com

aguaventura.com

hotelpalacioastoreca.com

Ralf Johnen, Februar 2013

Die Reise wurde von Tourismo Chile unterstützt.

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Valparaiso, mon amour – ein Rundgang durch die chilenische Hafenstadt (Teil 1)

Es gibt diese Orte: Man kommt hin und weiß nicht mehr wohin mit diesem Übermaß an Liebe. Valparaiso ist so ein Ort. Die chilenische Hafenstadt ist gebaut auf 45 Hügeln.

Die Häuser sind bunt, viele Konstruktionen sind ein kühnes Vabanquespiel mit den physikalischen Gesetzen. Jeder scheint hier sein eigenes Stromkabel zu haben. Gelegentlich ragen Araukarien in den Himmel, die chilenischen Nadelbäume mit dem synthetisch anmutetenden Körperbau.  Aus kleinen Boutiquen ist Musik von Velvet Underground zu hören. Und dann ist da noch der Blick auf das Meer.

Es ist Donnerstagmittag und ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass ich gerade zum ersten Mal alleine durch eine südamerikanische Stadt laufe. Gegründet wurde sie nie offiziell, doch die Besiedlung reicht bis 1544 zurück – und die Stadt ist damit eine der ältesten des Kontinents. Bis zum Bau des Panama-Kanals war Valparaiso – oder Valpo, wie die Locals sagen, für Seeleute nach der Umrundung von Kap Horn stets der erste Anlaufpunkt zurück in der Zivilisation. Und die verruchte Aura der Hafenstadt lebt bis heute fort. Im Reiseführer wird behauptet, die Einheimischen sagen, dass es in manchen Gegenden nicht ganz ungefährlich sein soll.

Ich laufe über den Cerro Alegre, der 2003 gemeinsam mit den anderen Hügeln der City zum Weltkulturerbe ernannt wurde. Wegen der steilen Straßen, an deren Rändern die oftmals mit Wellblech verkleideten Bauten stehen. Und wegen der „Ascensores“, der klapprigen Standaufzüge, die die Überwindung der beträchtlichen Höhenunterschiede nach Zahlung von 300 bis 500 Pesos (45 bis 80 Eurocent) erleichtern.

Von den einstmals 29 Ascensores stehen heute noch 15. Doch zurzeit sind nur vier in Betrieb. Der Unterhalt der Konstruktionen im chilenischen Erdbebengebiet ist nicht einfach. Und Valparaiso hat kaum Geld für die Restaurierung. Die Politik interessiert sich zur Bespaßung einer kleinen Yuppie-Elite mehr für den Bau einer Shopping Mall, wofür die denkmalgeschützten Hafenhallen weichen sollen. Zwar regt sich Widerstand, doch es ist völlig offen, ob die Melancholiker siegen oder die Investoren.

Der Welterbestatus, sagt Michael, ein eingewanderter Thüringer, kann eben nicht alles zum Guten richten. Aber doch einiges. Am Cerro Cencepcion und am Cerro Alegre werden die im Kolonialstil gebauten Villen von Geschäftsleuten gekauft, die aus der amerikanisierten Hauptstadt Santiago stammen, aber auch aus Großbritannien und den USA. Leute, die Geld wittern, aber nicht nur in Aktien investieren wollen. Das, so Michael, könne man beklagen. Andererseits sind fast alle Häuser auf Holzbasis errichtet, ein gefundenes Fressen für die allgegenwärtigen Termiten.

Das frische Kapital bleibt nicht ohne Auswirkungen auf das Stadtbild: Allerorten wird das Kopfsteinpflaster ausgesbessert, meist aber nur halbherzig. Die Aufhübschung wurde mal in Angriff genommen, die Vollendung aber auf unbestimmte Zeit verschoben.

Auf den Hügeln tummelt sich so mancher, der in Köln oder Berlin als Hipster beschimpft würde. NIcht weniger präsent aber sind Dreadlock-Hippies, verträumte Künstlergestalten und die Werke subversiver Graffitikünstler. Neben ein paar melancholischen Bohemiens waren sie es, die sich zuerst für den Erhalt dieses bemerkenswerten Ortes interessiert haben. Dafür haben sie auch die Gegenwart unzähliger streunender Hunde geduldet. (Fortsetzung folgt)