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Schlafen am Hafen: Deutschlands erstes Containerhotel in Warnemünde

Das „DockInn“ in Warnemünde ist eine der ungewöhnlichsten Unterkünfte in Deutschland. Dort schlafen die Gäste, wo schon mal massenweise Bananen über die Weltmeere schipperten. In ausrangierten Überseecontainern. Es ist das erste Containerhotel der Republik.

„Da mussten Kleingärten weichen.“ Der Taxifahrer zieht ein so grimmiges Gesicht, dass ich erwäge, gleich wieder auszusteigen. Aber ich ertrage das angespannte Schweigen ein paar Minuten während der Benz rollt, und dann sind wir schon da. Zum Zollamt 4, 18119 Rostock. Um genau zu sein: Rostock-Warnemünde.  Neuer Wohnpark Am Molenfeuer. Dort, wo die Kleingärten waren.

Ja, dort, wo die Kleingärten waren gibt es neuerdings ein paar minder schicke Neubauten, ein Parkhaus im  Entstehen und ein paar aufeinander geschichtete Überseecontainer mit dem Schriftzug „DockInn“, Deutschlands erstes Containerhotel, das jetzt gerade in der Dunkelheit vor mir glitzert.

Illuminiertes Frachtgut?

Umstritten war es, weil der ganze Wohnpark umstritten war, und weil wieder mal in Rostock entschieden wurde, was in Warnemünde geschieht. Hotel-Mitarbeiterin Petra, die mich in dem Containerstapel umherführt, sieht in dem Projekt eher einen Beitrag zur Revitalisierung Warnemündes, das jahrelang unter Einwohnerschwund litt: „Größtenteils war das Areal eine Brache.“ Außerdem gebe es nun neben der Jugendherberge endlich eine erschwingliche Bleibe in Warnemünde, für Touristen, die nicht so viel Geld haben. Bei 19 Euro die Nacht im Zimmer mit Doppelstockbetten geht es los.

Petra Cavet ist überzeugt: Das „DockInn“ ist urbane Revitalisierung

Deshalb redet Petra auch nicht nur einfach von Touristen. „Flashbacker sind unsere Kernzielgruppe.“ Ehemalige Backpacker, die es Jahre später, oft aufgrund knapper Finanzen, als Familienväter und -mütter wieder seien, sagt Petra. Wie zum Beleg kommt in diesem Moment, ein Mann mit Rucksack und Kleinkind auf dem Arm in die Lobby spaziert. Und wird gleich von einem ohrenbetäubenden Lärm empfangen, ein paar Knirpse spielen mit einem Softball Fußball, und keiner stört sich dran.

Erst ne runde kicken und dann einchecken? Kein Problem

Im Gegenteil: Zwei mobile Tore gehören zum Inventar sowie ein Kicker. Ein Stockwerk höher gibt es auch eine kleine Spielhalle mit antiquierten Fipper-Automaten, die aber gerade synchron den Geist aufgegeben hat. Petra kontrlliert die Steckdose, aber die Automaten beginnen nicht zu leuchten.

Die alten Kicker haben die Macher des Hostels in Wien aufgetrieben – gerade funktionieren sie aber nicht

Doch der Grund, aus dem die Leute kommen, sind die Container. Ein Hotel aus Containern bauen? Was sich so einfach anhört wie Lego, war ein Prozess von fünf Jahren. Ein Statiker legte fest, dass jeder siebte der weitgereisten Kisten mit einem Querkreuz stabilisiert werden musste. „Wie verhalten sich 67 Container bei Windstärke 8, so was wusste erstmal niemand“, sagt Petra.

Ein Sourviershop darf nicht fehlen, und natürlich residiert er ebenfalls in einem Überseecontainer

Jetzt schlafen Gäste dort, wo zum Beispiel schon mal 20 Tonnen Bananen im Bauch eines Containerschiffes auf Weltreise waren. Nach tropischen Früchten riecht es nicht mehr in den 25 Quadratmeter großen Kisten, dafür aber nach neuen Möbeln und Anstrich.

Doppelzimmer: Schlafwiese wäre übertrieben – 40 Fuß-High Cube Container haben nun man eine normierte Größe

Außer der länglichen Quaderform, erinnert das gemütlich funktionale Innere der Container mit Schlafbereich, Bad und Wohnzimmerecke mit Flatscreen kaum noch an den einstigen Bestimmungszweck. Das Erlebnis im Container zu schlafen, spielt sich mehr im Kopf ab.

Schlicht, schick, TV: Für die Dorms und Suiten wurden je zwei Container miteinander verbunden

Real ist aber, dass die „Doppelzimmer“ eben nur knapp 2,5 Meter breit sind, wer die „Suite“ bucht, bekommt zwei längseits miteinander verbundene Container, was den Wohlfühlfaktor enorm steigert.

4er- und 8er-Dorms: Billiger schläft, wer sich einfach auch stapelt

Als ich von meinem Container auf die Freiluftplattform im oberen Stockwerk trete, sehe ich die Bahnstation „Warnemünde Werft“ gegenüber, wo die Flashbacker idealerweise ankommen können und sollen. Dahinter ein paar Hafenkräne. Eine ziemlich industrielle Aussicht, denke ich.  Ein idealer Standort für ein Hotel? Nein. Für ein „DockInn“? Ja!

Room with a view – da würde man was anderes assoziieren

Denn das Containerhostel erhebt die Kulisse zum Konzept. Warenumschlag, Schiffsbau und Schifffahrt haben in Warnemünde lange Tradition. „Hier war der einzige Tiefseehafen der DDR“, sagt Philipp Rose, der für das örtliche Touristenbüro Stadtführungen macht und mich netterweise mitnimmt. „Sozialismus hin Sozialismus her, Handel musste getrieben werden“, meint er, als wir in der Gruppe am Alten Strom entlang gehen.

Alter Strom – da, wo früher die wichtigen Schiffe verkehrten. Heute gibt es auf der Mittelmole leckere Fischbrötchen, sagt Philipp

Eine recht neumodische Geschäftsidee sind die so genannten Begleitfahrten, Hafenrundfahrten, die damit enden, dass man neben einem auslaufenden Kreuzfahrtschiff bis zu Mole entlang tuckert. Ich entere zu diesem Zweck das Fahrgastschiff MS „Käpp’n Brass“ und bekomme von Kapitän Wolfgang Sense noch mehr Geschichte zu hören.

Nächte Abfahrt 12.00 Uhr, als wir an Bord gehen, wird es wie aus Eimern schütten

„Im Jahr 1046 wurde hier der erste Kutter gebaut, 1951 das erste Stahlschiff“, tönt er über die Außenlautsprecher. Er rattert die Fakten runter und klingt dabei eintönig, aber auch irgendwie begeistert vom Stoff.  Die ersten Stückgutfrachter der DDR seien hier auf Kiel gelegt worden. In einem, der MS „Dresden“, sei mittlerweile das Schiffbau- und Schifffahrtsmuseum Rostock untergebracht – die Ausstellungen erzählen von Schiffsbau- und Fahrgastschifffahrt in der DDR, von der Bedeutung des Hafen als Umschlagplatz seit dem Mittelalter.

Kräne gucken: Auf einer Hafenrundfahrt gibt es für den geneigten Passagier immer etwas zu sehen

Heute aber liegt ein Kreuzfahrtschiff am Terminal vertäut, das gleich nach St.-Petersburg ablegt. Im Rahmen einer „Begleitfahrt“ bis zur Mole hat Kapitän Sense die kleine „Käpp’n Brass“ hinter der großen „AidaMar“ positioniert. Die Fahrgäste haben sich aus ihrer Lethargie bei Bier und Kochwürstchen gelöst und strömen ans Oberdeck.

Gleich geht es los: Die „AidaMar“ macht sich auf den Weg nach St-Petersburg

Neben mir ruft eine Frau in ihr Handy und winkt wie wild Richtung Schiff: „Da biste ja! Und trinkst schon Bier.“ Sie hat auf einer der Terrassen am Heck des Schiffsriesen ihren Vater ausgemacht, wie sie mir erklärt, als ich sie wohl etwas begriffsstutzig ansehe. Dann sehe ich ihn auch – mit etwas wie Bernstein Funkelndem in der Hand, sein in der Sonne glitzerndes Bier.

Aufgeschäumt und abgelegt: Das ist der große Moment einer jeden Begleitfahrt

Am Heck des Schiffsriesen verschwinden surrend dicke Taue in großen Öffnungen, dann ertönt ein Schiffshorn, das in etlichen Antworten kleinerer Schiffe seinen Widerhall findet. Das Wasser beginnt zu quirlen, selbst in 100 Metern Entfernung tanzen die Wirbel, und mir wird ein bisschen schwindelig als ich zu lange hinschaue.

Bis zur Mole begleiten die Ausflugsboote den Schiffsriesen wie die Möwen einen Kutter

Während das Passagierschiff schnell Fahrt in Richtung offenem Meer aufnimmt, steigt an den Mole eine kleines Fest. Jedesmal, wenn ein Kreuzfahrtriese aufbricht, sei die Atmosphäre so toll, sagt Silvia Grahl, unter Deck eben mit Würstchen und Bier allerhand zu tun hatte, jetzt aber tatenlos am Tresen herumsteht.

Menschen an der Mole: Wenn ein Schiffsriese die Leinen losmacht, ist das ein soziales Event

Da ich auf die Kost an Bord der „Käpp’n Brass“ verzichtet habe, packt mich später der Hunger, als ich den breiten Sandstrand Warnemünde entlang laufe. Schon zu DDR-Zeiten war der Laden im Vorzeigehotel „Neptun“ von Warnemünde „kult“, sagt Hans Schneider, der stellvertretende Restaurantleiter der Broiler-Bar, in die ich eingekehrt bin.

Kultiges vom Grill: Die Broiler waren schon zu DDR-Zeiten bekannt, zumindest in Rostock und Umgebung

„Lass mal ’nen Broiler essen, hat man zum Beispiel nach der Zeugnisausgabe gesagt“, erinnert sich Hans. Denn Pommes gehörten zur Mangelware, und braungeröstetes Hähnchen hatte man auch nicht alle Tage. Weil seit jeher auch keine Reservierungen angenommen werden, muss man noch heute warten. Statt Anstehen bekommt man allerdings so einen runden Surrer, der sich meldet sobald ein Tisch frei ist. Alt dagegen sind noch die Barhocker.

Es ist angerichtet: Hans arbeitet schon sehr lange in der Broiler-Bar und hat es bis zum stellvertretenden Restaurant-Chef gebracht

Mit Broiler im Magen entscheide ich mich für die Fortsetzung des Spaziergang an der steifen Brise. Der Sandstrand von Warnemünde gilt als der breiteste an der deutschen Ostsee. Und ein bisschen Wellengang ist immer, dafür sorgt allein der rege Fährbetrieb nach Gedser, Trelleborg und Gdynia. Imposant schieben sich die Schiffe am Leuchtturm vorbei ins Meer, der 1897/98 errichtet wurde und schnell zum Wahrzeichen des einstigen Fischerdorfes avancierte.

Jetzt teils mit Hybrid-Technik: Die Fähren, die von und nach Warnemünde fahren

Dann treffe ich auf Wolfgang Berger, den Betreiber eines Strandtrampolins gegenüber vom „Neptun“. Auch er war früher manchmal Broiler essen. In der DDR war er Schweißer in einer Rostocker Werft. „Wenn ich von der Arbeit kam, bin ich manchmal in die Nachtbar gegangen – bis morgens um vier! Das war im Keller des alten Teepotts“. Der brannte irgendwann ab, und Honecker ließ das muschelartige Gebäude errichten, das noch heute das östliche Ende der Strandpromemade verziert, aber als eine Art Mini-Mall jeglichen Reiz verloren hat. „Es war nicht alles schlecht früher.“ Berger grinst leicht verschämt.

Früher war vielleicht nicht alles besser, aber manches: Wolfgang verteufelt die DDR nicht

Ich erzähle ihm vom neumodischen „DockInn“, das er, na klar, auch kennt, wie sich im gleichen Moment herausstellt. Ehemalige Werftarbeiter fühlten sich an ihren einstigen Arbeitsplatz im Staatsbetrieb erinnert, wenn sie die Decke der Lobby mit den offen verlaufenden Rohren und Leitungen sähen, hatte mir Petra berichtet. „Wirklich?“ Wolfgang wirkt etwas ungläubig. „Da schaue ich aber mal vorbei.“

Da fehlt noch die Deckenverkleidung – das sagten ein paar Gäste tatsächlich

So sieht’s aus, das „DockInn“

 

Information

Anreise: Mit der Bahn bis Rostock, weiter bis zur S-Bahn-Haltestelle „Warnemünder Werft“, gegenüber vom Bahnsteig sieht man gleich das „DockInn“. Mit dem Auto über A19 oder A20.

Unterkunft: Das „DockInn“ hat 64 Zimmer mit 188 Betten. Es gibt Doppelzimmer, Suiten, die aus zwei Container bestehen sowie Vier- bzw. Acht-Bett-Dorms mit Stockbetten. Übernachtung ab 19 Euro. Nebenan hat eine Kletterhalle eröffnet, im Obergeschoss gibt es eine Sauna.

Ausflug: Hafenrundfahrt mit einem der Anbieter vom Alten Strom aus, der ehemaligen Hafeneinfahrt. // Mit der Pkw-Fähre für 3 Euro nach Hohe Düne übersetzen (www.weisse-flotte.de) und weiter nach Markgrafenheide, wo der Strand weniger frequentiert ist und das neue Stranddrestaurant „Blaue Boje“ leckere Fischgerichte serviert.

Stadtführungen: www.rostock.de

Teepott und Leuchtturm: Gleich zwei Warnemünder Wahrzeichen auf einen Schlag

Text und Bilder: Stefan Weißenborn

(Die Reise wurde unterstützt von: „DockInn“, „Grillstube Broiler“ , Fahrgastschifffahrt „Käppn’n Brass“ und Strandrestaurant „Blaue Boje“).

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