Cumberland Island Im US-Bundesstaat Georgia

Leicht euphorisiert passieren wir die Grenze. Uns war nicht wirklich bewusst, dass wir nach Florida kommen würden. Und nach einem deutschen Winter haben wir schon unangenehmere Botschaften gelesen als: „Welcome to the sunshine state“.

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Wir steuern den Hafen von Fernandina Beach auf Amelia Island an, denn von hier aus fahren die Boote nach Cumberland Island, der südlichsten Insel Georgias.

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Der Ort ist verschlafen an diesem Märzmorgen. Auf dem Strand hoppeln ein paar Strandläufer und Austernfischer umher. Wir vertreiben uns die Zeit, indem wir mir einem Plastik-Hai flirten.

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Bald legt das Bötchen an, dass zwischen Florida und Cumberland hin- und herpendelt. Außer uns an Bord: Eine Handvoll Tagestouristen sowie Richard und Marylane aus Brooklyn.

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Während der 30-minütigen Fahrt werden wir von Delfinen verfolgt, die geschickt unseren Kameralinsen entweichen. Streng genommen könnten wir auch nach Cumberland Island schwimmen, denn die Insel ist nur ein paar Hundert Meter vom Festland entfernt. Anders als das benachbarte Jeckyll Island aber ist Cumberland nicht mit einer Brücke an das Festland angebunden. Auf der 27 Kilometer langen Insel dürfen sich nie mehr als 300 Personen aufhalten.

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Am Bootsanleger werden wir von einem Wagen aufgelesen, der uns über unasphaltierte Wege zum Greyfield Inn kutschiert – dem einzigen Hotel auf Cumberland. Eine weiß getünchte Kolonialvilla, die von knorrigen Virginia-Eichen umringt ist. Bäume, deren Astgeflechte bis zum Erdboden hinunterwachsen und die deshalb stets ein wenig müde wirken. Die Äste sind garniert mit „Spanish Moss“ – was den Bäumen gleichzeitig etwas Gespenstisches verleiht.

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Cumberland war schon im 16. Jahrhundert besiedelt, als die Insel zu spanisch Florida gehörte. Um 1880 dann hat Thomas Carnegie das Eiland als Winterrefugium für die Industrillenfamilie erworben. Seine Frau Lucy schließlich war es, die Greyfield im Jahr 1900 für eine ihrer Töchter errichtet hat.

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Als wir unsere Zimmer beziehen, wähnen wir uns wie in einem Faulkner-Roman. Viktorianisch anmutendes Mobiliar, an der Decke surren Ventilatoren. Keine Fernseher, kein Internet. Nur die schwere, feuchte Luft. Und ein Südstaaten-Kleinod, das es zu entdecken gilt.

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Über einen verwunschenen Pfad schlendern wir in Richtung Strand. Der Boden ist mit einem Dickicht aus Sägepalmen bewachsen, eine Etage höher schirmen die moosbehangenen Virginia-Eichen das Sonnenlicht ab.

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Der Strand an der Atlantikseite ist menschenleer am späten Nachmittag. Baden aber, so hat man uns gewarnt, sollten wir hier nicht. Stachelrochen sind in diesen Gefilden keine Seltenheit. Auch wurde uns von zwei Hai-Attacken berichtet, die noch nicht lange zurückliegen. Typisch amerikanische Paranoia, bescheiden wir. Zumindest bis wir mit den Knien im Wasser stehen.

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Als wir wieder am Strand sind, beoabchten wir den etwas ungelenk wirkenden Landeanflug eines Vogels. Wie ein nasser Sack lässt sich schwarze Vieh auf den Sand plumpsen. Er sie aus wie eine Mischung aus einem Truthahn und einem Geier. Später erfahren wir, dass wir mit dieser Einschätzung nicht ganz falsch liegen, denn es handelt sich um einen Truthahngeier. Deutlich gewitzter sieht das schon der Austernfischer aus.

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Später erkunden wir den Südwestzipfel der Insel. Dort staunen wir nicht schlecht, als wir auf eine kapitale Ruine stoßen. Der Palast ist derart auffällig verfallen, als wollte er sich um einen Platz auf dem Palatin in Rom bewerben.

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Wir inspizieren das Gelände und fragen uns, was hier wohl passiert ist. Vor meinen Augen taucht Bette Davis auf. Sunset Boulevard revisited.

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Als wir weitergehen, stoßen wir auf die Überreste eine Fuhrparks, den der Rost so zersetzt hat, dass nur noch die obere Hälfte übrig ist.

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Voller wirrer Phantasien radeln wir zurück zum Greyfield, wo inzwischen der Kamin angeworfen wurde. Wir entscheiden uns jedoch für die Veranda, wo wir ein eiskaltes Bier englischer Provenienz trinken.

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Beim Abendessen im ehrwürdigen Speisesaal sitzen uns Richard und Marylane gegenüber. Beide haben die 70 gerade überschritten. Vor ein paar Monaten haben sie sich kennengelernt – und nun sind sie inoffiziell in Flitterwochen. Er ist Jura-Professor, der sich immer noch an der Columbia Universität tummelt. Nachdem er von seinen Reisen nach Dresden, Weimar und Berlin erzählt hat, fragt er ob wir Dungeness Mansion gesehen haben.

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„Das verfallene Schloss“, sagt sie, „wurde von den Carnegies erbaut“. Doch Thomas hat die Fertigstellung nicht erlebt, er starb 1886 an einer Lungenentzündung. 1959, ergänzt er, wurde das Anwesen bei einem Feuer zerstört. Seitdem ist Dungeness seinem Schicksal überlassen. Nach einem trinkseeligen Abend stehen wir früh auf. Zwar steht Cumberland unter Naturschutz, das aber hält die Bewohner nicht davon ab, Touren an Bord eines Pick-Ups anzubieten. Um 9 Uhr geht es los. Fahrer Drew bahnt sich seinen holprigen Weg über den selben Pfad, den wir tags zuvor als Strandzugang gewählt haben.

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Mit 60 Sachen bürstet er über den Strand. Ebenfalls an Bord ist Janet, die sich als Teilzeitnaturkundlerin vorstellt. Die Insel, sagt sie, ist ein Vogelparadies. Die Geländewagen machen ihnen nichts aus.

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Kurz vor dem Nordende biegen wir wieder ins Inland ein. Bald sehen wir wilde Pferde, die auf Cumberland ein unbehelligtes Dasein führen.

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Dann geraten wir abermals ins Staunen. Vor uns steht ein neoklassizistischer Palast. Strahlend weiß und in gutem Zustand. „Plum Orchard„, erklärt Janet.

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Noch so ein prunkvolles Anwesen, das auf die Carnegies zurückgeht. Auch Plum Orchard steht seit Jahrzehnten leer – doch das Gebäude befindet sich nun im Besitz der Cumberland Island National Seashore, die zum Verbund der Nationalparks gehört.

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Als wir das Anwesen umrunden, entdecken wir einen zugewachsenen Teich, an dessen Rand sich – für das bloße Augen kaum erkennbar – ein etwa vier Meter langer Alligator in der Sonne fläzt.

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Später erreichen eine Siedlung. Sie ist nach Robert Stafford benannt, der im 19. Jahrhundert auf seiner Plantage 150 Sklaven gehalten hat.

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So unscheinbar diese Insel auch sein mag, so sehr lauert doch an jeder Ecke die Geschichte. Das lernen wir auch, als wir ein parkendes Sportflugzeug sehen.

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„Hier“, sagt Janes, „ist John F. Kennedy Junior gelandet. „John John“, wie er in der Öffentlichkeit genannt wurde, hat 1996 auf Cumberland Carolyn Bessette geheiratet. In einer schlichten Kapelle, fernab von allen Paparazzi, die ihn Zeit seines Lebens verfolgt haben.

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John John war mit Gogo Fernandez befreundet, die wir zurück in Greyfield treffen. Gogo ist eine gut aussehende Frau Ende 50, die auf Cumberland Modeschmuck entwirft. Sie – eine Enkelin von Thomas und Lucy Carnegie – verwaltet Greyfield, das 1962 zum Hotel umgebaut wurde. Sie genießt das ursprüngliche Leben hier, sagt sie. Nur manchmal besteigt sie das Sportflugzeug, um aufs Festland zu fliegen. Zum einfachen gehört natürlich auch, dass sie nicht viel über die Celebrities plaudert, die sie beherbergt hat.

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Nach 24 Stunden verlassen wir die Insel, ebenso wie wir sie erreicht haben. Aber wir sind noch ein bisschen euphorisierter. Wir betreten das Festland mit dem deutlichen Bewusstsein, dass wir einen Ort gesehen haben, wie sie im Amerika des 21. Jahrhundert rar geworden sind.

Informationen:

Die Küstenregion Georgias ist von Deutschland aus am besten über Atlanta erreichbar. Verschiedene Fluggesellschaften (Lufthansa, Delta) fliegen nonstop. Die Autofahrt dauert etwa fünf Stunden. Ein Mietwagen ist unbedingt erforderlich. Ich mag “Sunnycars” ganz gerne, wegen der transparenten Preisgestaltung.

Die besten Reisezeiten sind die Perioden von Mitte März bis Mitte Mai sowie von Mitte September bis Ende Oktober. In beiden Perioden sind Tage mit Temperaturen von 25 bis 30 Grad warm und die Nächte frisch. Das Frühjahr ist besonders schön, denn Georgia besitzt den Spitznamen “Peach State” (Pfirsischstaat), überall auf dem Festland blühen Obstbäume. Der Sommer ist schwül und sehr warm. Reisende sollten Insektenschutz nicht vergessen.

Der Besuch von Cumberland Island sollte wegen der sehr limitierten Übernachtungsmöglichkeiten rechtzeitig geplant werden. Das günstigste Zimmer im Greyfield Inn kostet zurzeit 425 US-Dollar – pro Nacht.

Weitere Übernachtungsmöglichkeiten bestehen auf Zeltplätzen. Alles hierzu auf der Homepage des National Park Service.

Weiterführend Informationen auch zu anderen Attraktionen Georgias (die Metropole Atlanta oder die progressive Musterstadt Athens) auf der deutschsprachigen Webseite des Tourismusbüros.

georgiaonmymind.de

greyfieldinn.com

sunnycars.de

Ralf Johnen, März 2013

Die Reise wurde vom Tourismusbüro des Bundesstaates Georgia unterstützt.

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