Der Choreograph, die Zöllner und ich

Ein Bild aus Zeiten, als die Schweiz und ich noch miteinander konnten

„Soso“, dachte ich. „Die Schweiz ist also dem Schengener Abkommen beigetreten“. Dann konnte ja auch ich wieder dorthinfahren. Diese Option schien mir lange Zeit verwehrt, nachdem ich im Sommer 2008 bei grellem Gegenlicht auf einer Zürcher Ausfallstraße eine Ampel bei Rot überfahren hatte. Humorlos ließen die Eidgenossen seinerzeit per Einschrieben wissen, Delikte dieser Art mit 650 Fränkli oder wahlweise auch drei Tagen Haft zu ahnden. Anlass für mich, meine Devisen fortan andernorts auszugeben und auf die Wandertouren im Land der 20 Euro-Pizzen zu verzichten.

Doch der Zeitungsbericht im Frühjahr 2010 gab Anlass zur Hoffnung, dass ich vielleicht doch noch mal eine Flasche Fendant an Bord eines Ausflugdampfers auf dem Vierwaldstättersee würde trinken können. Als ein paar Tage später ein

Postkartenmotiv am Vierwaldstättersee

Kollege mit der Bitte anrief, einen Regisseur in Zürich zu interviewen, wog ich kurz ab: Grenzkontrollen gab es ja nicht mehr. Und ich würde wenigstens einen anderen Schweizer See inspizieren können. Flug und Logis übernahm die örtliche Oper. Nach einigem Zögern willigte ich ein. Konnte ich wenigstens damit angeben, die Gefahr nicht zu scheuen.

Am Reisetag allerdings musste ich feststellen, dass der Kollege mir etwas verschwiegen hatte, was meine Entscheidungsfindung hätte beeinflussen können: Mein Interviewpartner sollte ein Mann mit dem schönen schweizer Namen Heinz Spoerli sein, der zum Kapriziösen neigender Choreograph des örtlichen BALLETTS. Aber nun war es zu spät – und es sollte sich bald herausstellen, dass dies noch das kleinste Übel war. Am Flughafen angekommen und mit gewohnt knappem Zeitpuffer eingecheckt, musste ich nämlich feststellen, dass mein Abfluggate das einzige war, dessen Zugang nur von einem – gut gelaunten – deutschen Zöllner bewacht wurde. Meine zaghafte Nachfrage bezüglich der Notwendigkeit seiner Präsenz beantworte er mit dem Hinweis auf die Tatsache, dass das Schengener Abkommen bislang nur für den Straßenverkehr gelte.

Ich bekam Herzrasen. Sah bereits grimmige Zöllner mit ihren Handschellen klappern. Mit erhobendem Zeigefinger und dem mahnenden Hinweis, dass in der Schweiz nun einmal Ordnung herrsche. Also ergriff ich die Flucht. Entschuldigte mich beim deutschen Zöllner mit Verweis auf plötzliche Flugangst, entsorgte meine Bordkarte und rannte zu meinem Wagen. Ohne weitere Hirnaktivität fuhr ich in Richtung Schwarzwald. Unterwegs hörte ich vier Stunden lang Deutschlandfunk, und als mir das Endlosgelabere schließlich auf die Nerven ging, war ich auch schon an der Grenze. Der Rückstau hatte beträchtliche Ausmaße, was kein Wunder war, denn die Staatsdiener kontrollierten jeden einzelnen Wagen. Ein Miami Vice-mäßiges Wendemanöver musste ich ausschließen. Stattdessen stopfte ich mir eine Handvoll Lakritz in den Mund. Abermals hörte ich die Handschellen rasseln.

Aus nicht ersichtlichem Grunde aber brachen die Zöllner  ihre im Amtsjargon wohl als Stichprobe bezeichnete Aktion nun ab. Ich blickte den Beamten auf den Rücken und wurde ignoriert. Schweißgebadet, als hätte ich erfolgreich einen Koffer

Pilatus mit Fata Morgana

mit Schwarzgeld eingeschmuggelt, konnte ich die letzten 100 Kilometer in die Metropole der finsteren Bankmachenschaften antreten. Pünktlich erschien ich zur Audienz bei Spoerli, der ein Zimmer mit beneidenswertem Ausblick auf den Zürchee See besitzt. Gut, der Mann war ein wenig genervt davon, dass ich keine Ahnung hatte, wovon er redete (außer bei seiner mehrfach zum Ausdruck gebrachten Bewunderer für seinen Landsmann Peter Zumthor und dessen Diözesanmuseum Kolumba). Aber das war mir egal. Manchmal kann man sich auch mit Fragen vom Schlag „Und was, Herr Spoerli, darf das Kölner Publikum nun erwarten?“ begnügen.

Als der Spuk vorbei war, habe ich mich erstmal in ein Brauhaus gesetzt, einige Schwarzbiere getrunken und – zugegebenermaßen vorzügliche – Rösti konsumiert. Ich wunderte mich noch, wie es mit dem Schweizer Ordnungssinn in Einklang zu bringen ist, dass die Leute dort beim Essen rauchten. Reichlich angetrunken und gehörig underdressed habe ich mir dann in der Oper die Produktion angesehen. Von der Wirkung des Alkohols übermächtigt, bin ich nach zehn Minuten eingeschlafen. Nach der Vorstellung, die mit vornehmen Applaus quittiert wurde, bin ich zurück ins Brauhaus. Der anschließende Spaziergang am Seeufer war nicht ohne Reiz.

Auf der Rückfahrt übrigens bin ich wieder geblitzt worden. Diesmal auf der Höhe von Baden-Baden. Die Knolle hat 30 Euro gekostet, die ich dankbar überwiesen habe. Einige Wochen später dann hat mich ein Typ mit Schweizer Vorwahl angerufen. Mir schwante Böses, doch es war nur der Kommunikationsbeauftragte der Zürcher Bühnen. Er wollte sich für den kompetenten Artikel bedanken. Leider aber sei der Redaktion ein Fehler unterlaufen: Die abgebildete Kompagnie sei keinesfalls die Zürcher. Ich fragte, ob er nicht ein Bußgeld verhängen wolle. Dann habe ich ihm die ganze Geschichte erzählt.

Ein Inder frönt auf dem Aletschgletscher der rituellen Entkleidung

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.