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Erste Schritte als Hasardeur: Der Sydney Bridgeclimb

Wir sind da, wo oben ist (Bild: Ralf Johnen)

»Die blöden Bungee-Springer tun so, als wäre jeder Augenblick der letzte. Aber ich habe ewig Zeit.« Diese Zeile stammt vom begnadeten Bernd Begemann – und sie trifft ziemlich genau mein Verhältnis zu Action-Sportarten. Klar, ich gehe Skilaufen. Ich erklimme mit dem Fahrrad Bergpässe von moderater Höhe. Und auch Schnorcheln zwischen Haien und Drückerfischen geht inzwischen. Aber ich muss nicht an ein Seil gekettet von einem Kran oder mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug springen.

Der Sydney Bridgeclimb ist ein farbenfrohes Versprechen (Bild: Sydney Bridgeclimb)

Einerseits halte ich mein Leben auch ohne künstlich herbeigeführte Adrenalinausschüttungen für ausreichend interessant. Außerdem habe ich Angst vor einem Zweitleben als Stuntman. So gesehen war ich erstaunt, dass ich mich für den Bridgeclimb in Sydney angemeldet habe. Schließlich bin ich nicht der Typ, der sich darüber definiert, an einem Karabiner hängend einen 134 Meter hohen Brückenbogen aus Stahl zu erklimmen. Doch der Termin lag ja noch in weiter Ferne. Und notfalls würde ich mich einfach betrinken. Bevor es losgeht, müssen alle Hasardeure einen Alkoholtest bestehen.

Regen am Bondi Beach

Hier geht’s 20 Meter nach unten? Egal, hauptsache ich kriege viele Likes (Bild: Ralf Johnen)

Bald aber war der 14. Mai gekommen. Erst unternehme ich einen verregneten Spaziergang vom Bondi Beach zum Bronte Beach. Die Strecke ist weitgehend verwaist, bis auf offenkundig lebensmüde Asiaten, die für den täglichen Instagram-Post alle Geländer ignorieren, um über spiegelglatte Felsen zu stapfen. Am frühen Nachmittag dann stehe ich selbst Bauch des massiven Brückenpfeilers am Südufer des Hafens. Ich werde aufgefordert, eine blaugraue Uniform von zweifelhaftem ästhetischen Wert anzulegen, mein Mobiltelefon und alle anderen Kameras in einem Schließfach zu deponieren und allerlei Gurte anzulegen, die mein vorzeitiges Ableben verhindern sollen.

Kurz vor dem Einchecken realisiere ich: dort geht es hinauf (Bild: Ralf Johnen)

Mit einer Italienerin, einem Chinesen aus Hongkong, einer Japanerin, zwei Australierinnen und einer Inderin im Gefolge, passiere ich eine Schleuse. Damit verwirkliche ich einen Plan: Wenn ich schon hier bin, gehe ich auch voraus. Oder, wie es im selben Begemann-Song heißt: »Am Ende werde ich wie der Typ im Action-Film sein, der sagt: „Scheiß drauf, wir gehen rein!“«

Der Karabiner schnappt zu

Bei entsprechendem Starttermin, kann sich der Himmel melodramatisch einfärben (Bild: Sydney Bridgeclimb)

Vor mir schließlich marschiert Ben. Der ehemalige Lehrer verdient sich heute sein Geld damit, selbsterklärten Draufgängern bei der Bestehung von Mutproben behilflich zu sein. Über allerlei Treppen, Türen und Stege bahnen wir uns den Weg an die frische Luft. Ben nutzt die Übergangsphase zur Weitergabe von Sachinformationen über sein Headset. Dann macht es »Klack« und der Karabiner schnappt zu.

Als der erste Fotostopp erreicht ist, sind die wackligen Knie Geschichte (Bild: Sydney Bridgeclimb)

Nach ein paar Schritten stehe ich auf etwa 40 Zentimeter breiten Holzplanken, die von zwei hüfthohen Stahlgeländern eingefasst ist. Darunter: Gut 50 Meter Luft und der harte Boden Sydneys. Zum optischen Zustand der Bretter fällt mir spontan das Attribut »verwittert« ein. Doch es gibt keinen Weg zurück. Sofort beginne ich damit, im Geiste die Schritte und Minuten bis zum rettenden Ufer abzuzählen beginne. Allein die Distanz bis zum freischwebenden Stahlbogen scheint kaum zu überbrücken.

Verstellung ist alles: Gruß an die Daheimgebliebenen (Bild: Sydney Bridgeclimb)

Endlich angekommen, sehne ich mich nach den porösen Planken zurück. Die werden nun von einer Art Käfig abgelöst, der über rechtwinklig voneinander abgesetzte Treppen einen umständlichen Weg vor- und den Blick nach unten gänzlich freigibt. Ben plaudert in sonorem Tonfall in sein Headset. Hinter mir sehe ich niemanden, doch als klar wird, dass wir das Straßen-Level erreichen, rücken alle schnell nach.

Ja, Sydney, du bist eine wirkliche Metropole (Bild: Sydney Bridgeclimb)

Obwohl nur einen Meter neben uns die SUVs mit 100 Sachen über den Asphalt bürsten, weicht die Angst einer allgemeinen Erleichterung. Doch nicht sehr lange, denn nachdem Ben eine weitere Schleuse öffnet, steht die Königsetappe an: Der Brückenbogen, der seit dem 1. Oktober 1998 zur Besteigung offensteht. Dieser Part ist vergleichsweise einfach: Wir haben festen Boden unter den Füßen, die Steigung ist moderat und der Bogen ist breiter als gedacht.

Sydney, eine wahre Metropole

Beim zweiten Fotostopp auf dem Scheitelpunkt kann ich endlich zeigen, was ich gelernt habe (Bild: Sydney Bridgeclimb)

Nach einem Fotostopp (dessen Ergebnis mit 25 AU $ in Rechnung gestellt wird), erreichen wir relativ bald den Gipfel. Ich habe längst das Vertrauen in meine Beine wiedergefunden. Ich blicke auf den Hafen, bringe meine Begeisterung über das Opernhaus zum Ausdruck und denke: Sydney, du bist eine wahre Metropole. Ich hüpfe so unbeschwert, wie es mein Overall zulässt, über die Stufen. Bis ich die Querverstrebungen sehe, die 80 Meter über das Asphaltdecke auf die andere Seite des 1932 vollendeten Bauwerks führt.

In 134 Metern Höhe ist die kleine Gruppe: ausgelassen (Bild: Sydney Bridgeclimb)

Ehe es noch mal knifflig wird, steht ein weiterer Fototermin an. Ich reihe mich ein in eine Reihe namhafter Absolventen der Mutprobe. Tatsächlich macht es mir anschließend nicht mehr viel aus, über die Stege zu laufen. Weite Teile des Rückwegs weiß ich sogar zu genießen. Als ich gerade in die Luke eintauche, die unter die Asphaltdecke führt, brettert in zwei Metern Entfernung zu meinem Kopf ein Zug vorbei. Auf den Holzplanken halte ich mich nicht einmal mehr fest.

Heller Moment an einem dunklen Tag (Bild: Sydney Bridgeclimb )

Nach drei Stunden kann ich mich endlich umziehen. Meine Gedanken kreisen um den Mythos der Verlegung persönlicher Grenzen. Es könnte etwas dran sein. Schließlich hätte ich auch nicht erwartet, dass mir »La La Land« gefallen würde. Hat es aber doch. Am nächsten Tag klage ich über steife Gliedmaßen. Die Angst hat in der Muskulatur ihre Spuren hinterlassen.

Informationen

Der Sydney Bridgeclimb ist kein preiswerter Spaß. Touren können in mehreren Varianten gebucht werden: zum Sonnenaufgang, tagsüber, zum Sonnenuntergang oder nachts. Der Sydney Bridgeclimb ist sowohl als 90-Minutentour wie auch als Dreieinhalbstundentour buchbar. Das Preissystem ist variabel und hängt von Saison, Wochentag und Buchungslage ab. Die lange Tour kostet um die 250 AU $ aufwärts. Equipment ist inbegriffen, die fotografische Dokumentation nicht.

Wer gesund und über acht Jahre alt ist, kann den Sydney Bridgeclimb absolvieren. Wer Höhenangst hat, sollte sich den Schritt gut überlegen, denn es gibt keinen Weg zurück. Die Organisatoren allerdings behaupten, im Laufe von knapp zwei Jahrzehnten Tausende Absolventen von ihrer Höhenangst kuriert zu haben.

Kameras und Mobiltelefone dürfen beim Sydney Bridgeclimb nicht mitgenommen werden, offiziell aus Sicherheitsgründen. Sonnenbrillen werden an einem Halsband befestigt. Vor Antritt der Tour müssen alle Teilnehmer einen Alkoholtest absolvieren.

Eine Plattform auf dem Scheitelpunkt des Sydney Bridgeclimb dient als Hochzeits-Location. Hier haben sich mehr als 4000 Paare vermählt.

Bilder: Sydney Bridgeclimb, Ralf Johnen, Text: Ralf Johnen

Der Autor war auf Einladung von Tourism Australia und Destination New South Wales in Sydney. Der Song aus der Feder von Bernd Begemann heißt »Unoptimiert« und ist eine Bereicherung für das Leben.

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