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Die isländische Ringstraße in 48 Stunden

Die Stunde des frühen Vogels: Der Jökulsárlón bei Windstille, Vollmund und ohne Zivilisationsspuren

Die Stunde des frühen Vogels: Der Jökulsárlón bei Windstille und ohne Zivilisationsspuren

Teil 2: Jökulsárlón: Eine vulkanische Gletscherlagune

Um 6.43 Uhr werde ich nach traumlosem Schlaf wach. Ich sehe einen Lichtschweif, dem ich apathisch entgegenblicke. Es dauert bis ich begreife, dass ich mich in einem umgebauten Lieferwagen auf einem Parkplatz befinde. Etwas ungeübt aber dennoch geräuschlos schlüpfe ich auf engstem Raum in meine Outdoor-Kluft. Sekunden später stehe ich draußen. Der Mond scheint noch immer. Wie am ersten Abend unseres spontanen Rekordversuchs: In 48 Stunden über die isländische Ringstraße. Mit einem umgebauten Lieferwagen und ohne Vorbereitung.

Wir wissen nun: Es hat gefroren in der Nacht. Erst später erfahren wir, was sonst noch passiert ist

Wir wissen nun: Es hat gefroren in der Nacht. Erst später erfahren wir, was sonst noch passiert ist

Der Boden ist nun leicht angefroren. Ich werfe einen Blick auf den zertrümmerten Brückenpfeiler neben mir, dann wende ich mich hin zu jenem Vulkan, der dafür verantwortlich ist. Es herrscht Stille.

Wenn ein Brückenpfeiler zur Skulptur wird, weil heiße Lava ihn zerlegt hat...

Wenn ein Brückenpfeiler zur Skulptur wird, weil heiße Lava ihn zerlegt hat…

Für einen Moment denke ich daran, wie gerne ich Klavierspielen können würde. Dann höre ich, wie die Türe des Lieferwagens aufgeht. Wortkarg lassen wir nun beide die Szenerie auf uns einwirken, wohl wissend, dass dies hier nicht wiederholbar ist. Schweigend sind wir uns einig, dass wir so schnell wie möglich Land gewinnen müssen.

Das hier ist nicht wiederholbar. Dennoch müssen wir Land gewinnen

Das hier ist nicht wiederholbar. Dennoch müssen wir Land gewinnen

Schlafstätte unter dem Vulkan: Wir sind 400 Kilometer östlich von Reykjavik

Schlafstätte unter dem Vulkan: Wir sind 400 Kilometer östlich von Reykjavik

Doch das ist eine unmögliche Aufgabe. Wir halten alle paar Minuten. Schneebedeckte Berge, die sich in regungslosen Gewässern spiegeln. Häuser und Farmen, die vor der Kulisse der Bergwände winzig wirken. Mal nahe, mal in der Ferne: Das Meer, kleinwüchsige Islandpferde, Schafe. Nach ungefähr einer Stunde über leere Straßen nähern wir uns der bisher größten Gletscherwand. Als wir den Wagen verlassen, haben wir eine Vorahnung.

Zunächst ist es nur das Morgenlicht, das uns zu Zwischenstopps inspiriert

Zunächst ist es nur das Morgenlicht, das uns zu Zwischenstopps inspiriert

Bald werden die Landschaften entlang der isländischen Ringstraße immer absurder

Bald werden die Landschaften entlang der isländischen Ringstraße immer absurder

Einzig unsere Kameras versöhnen uns mit der Tatsache, dass wir die isländische Ringstraße in 48 Stunden abfahren

Einzig unsere Kameras versöhnen uns mit der Tatsache, dass wir die isländische Ringstraße in 48 Stunden abfahren

Türkise Eisberge und schwarzer Lavasand

Die paar Felsen, die uns von einer besseren Aussicht trennen, lassen wir im Sprint hinter uns. Kurz vor der Kuppe sehe ich in der Ferne erstmals an diesem Tag ein anderes Auto als unseres. Oben zweifle ich an meiner Wahrnehmungsfähigkeit: Türkise Eisberge in tiefblauem Wasser, ein Strand aus schwarzem Lavasand, der gewaltige Gletscher, der nie müde wird, Nachschub in Form von Eisskulpturen zu liefern. Dazu stahlblauer Morgenhimmel – und Vollmond.

Zweifel an der Wahrnehmungsfähigkeit: Der Jökulsárlón in der Morgensonne

Zweifel an der Wahrnehmungsfähigkeit: Der Jökulsárlón in der Morgensonne

Das Wort heißt auf Isländisch "Gletscherlagune"

Das Wort heißt auf Isländisch „Gletscherlagune“

Wir sind uns sicher: Es wird schwer, einen erhabeneren Ort zu finden als den Jökulsárlón

Wir sind uns sicher: Es wird schwer, einen erhabeneren Ort zu finden als den Jökulsárlón

Die Skulpturen aus Eis sind ohnehin konkurrenzlos

Die Skulpturen aus Eis sind ohnehin konkurrenzlos

Um halb Zehn werden wir von einem Geräusch aus unserem tranceartigen Zustand gerissen: Zodiac-Motoren. Bald darauf ziehen unterschiedliche Boote ihre Kreise auf dem See. Der Jökulsárlón ist populärer, als wir das wahrhaben wollen.

Um 10 Uhr beginnt das Dröhnen der Motoren. Es ist vorbei mit der Magie

Um 10 Uhr beginnt das Dröhnen der Motoren. Es ist vorbei mit der Magie

Zeit für ein Abschiedsfoto

Zeit für ein Abschiedsfoto

Die individualtouristische Speerspitze des Massentourismus bahnt sich ihren Weg. Bald werden die Busse folgen. Wir nehmen die Beine unter die Arme und flüchten. Aber nicht sehr weit, denn oben auf der nächsten Hügelkuppe blicke ich durch das Objektiv meiner Kamera.

Wir nehmen Kurs auf den Abfluss des Jökulsárlón. Es fällt uns zunehmend schwer, unseren Augen zu trauen

Wir nehmen Kurs auf den Abfluss des Jökulsárlón. Es fällt uns zunehmend schwer, unseren Augen zu trauen

Fünfzehn Minuten später stehen wir an der Mündung des Abflusses, der den Gletschersee mit dem Meer verbindet. Meterhohe Eisberge bahnen sich gemächlich ihren Weg in den Atlantik. Andere scheinen es vorzuziehen, auf dem Lavasand in der Oktobersonne dahin zu schmelzen.

Auch an der Mündung wartet das ein oder andere Fotomotiv

Auch an der Mündung wartet das ein oder andere Fotomotiv

Doch es wird langsam ein bisschen viel. Schließlich haben wir noch nicht einmal Mittag

Doch es wird langsam ein bisschen viel. Schließlich haben wir noch nicht einmal Mittag

Zwischen den Skulpturen posiert ein leicht bekleidetes Model, ihre Aktivitäten werden von einem Kamerateam eingefangen (wir verzichtet aus Pietät auf den fotografischen Beweis). Langsam wird es alles ein bisschen viel hier. Also fahren wir weiter, schließlich haben wir noch immer keinen Schimmer, was an diesem Tag auf uns zukommt.

I scream icebergs

I scream icebergs

Speiseeis aus Gletschereis

Ich gönne mir ein wenig Müßiggang, ignoriere die Landschaft und lese stattdessen in unserem Merian. „Alter, haste Bock auf Löwenzahneis?“, frage ich in Richtung Fahrer. „Müsste gleich eine Gelegenheit kommen“. Stefan bejaht wortlos. Gefrühstückt haben wir auch um 11 Uhr noch nicht. Ungefähr drei Zehntelsekunden später sehen wir auf einem Plakat ein strahlend blondes Mädchen mit einem Eis in der Hand. Stefan geht voll in die Eisen und biegt nach rechts ab. Kurz darauf stehen wir einer freundlichen Dame gegenüber.

Nach dem Gletschereis mit Lavasand wird uns gleich etwas anderes serviert

Nach dem Gletschereis mit Lavasand wird uns gleich etwas anderes serviert

Sigurlaug Gissurardóttir stellt seit acht Jahren Speiseeis aus Gletscherwasser her. Damit hat sie sich bei ihren Enkelkindern ziemlich populär gemacht – und ganz nebenbei einen todsicheren Wachstumsmarkt erschlossen. Speiseeis aus Gletscherwasser mit lokal gewachsenem Löwenzahn (köstlich, mit leichten Bitternoten) oder Blaubeeren, das ist genau der USP, den die globalisierten Touristen auf der Suche nach lokaler Authentizität suchen.

Populäre Oma: Sigurlaug Gissurardóttir stellt Speiseeis aus Gletscherprodukten her

Populäre Frau: Sigurlaug Gissurardóttir stellt Speiseeis aus Gletscherprodukten her

Wir befinden uns mittlerweile 420 Kilometer östlich von Reykjavik. Früher sind hier nur selten Reisende hingekommen, doch heute stellt die Distanz kein Hindernis mehr dar. Sigurlaug muss das einerseits gefallen, denn Brunnhóll, der Bauernhof der Familie, ist mittlerweile weitgehend zum Hotel umgebaut. Wie sie uns erzählt, hat sie als gewählte Präsidentin des Verbandes ruraler Unterkünfte Islands lange darauf hingearbeitet, mehr Besucher hierhin zu locken.

Die Gletscherlagune ist nicht alles. Wie wäre es mit der Kombination aus Ruhe und wilder Landschaft?

Die Gletscherlagune ist nicht alles. Wie wäre es mit der Kombination aus Ruhe und wilder Landschaft?

Doch auch für sie bleibt es merkwürdig, dass nun Tag für Tag Reisebusse am Jökulsárlón halten, um Koreaner und Japaner auszuspucken. „Da bleibt viel Arbeit für uns. Schließlich gibt es überall auf der Insel Attraktionen. Es macht keinen Sinn, dass alle dorthin kommen.“ Die Grenze zu Europas größtem Nationalpark, dem Vatnajökull, sei nur sechs Kilometer entfernt. Am Meer liege überall schwarzer Lavasand. Und im Watt wandern die Vögel umher. Längst weiß ich, dass ich wiederkommen möchte. Für ein paar Tage.

Ausläufer des Nationalparks Vatnajökull reichen bis sechs Kilometer an das Hotel heran

Ausläufer des Nationalparks Vatnajökull reichen bis sechs Kilometer an das Hotel heran

„Habt ihr eigentlich das Polarlicht gesehen diese Nacht“, fragt Sigurlaug zum Abschied. Wir blicken uns an. Haben wir nicht. „Es war so prächtig und deutlich wie selten.“ Wir haben geschlafen. Meine lange Historie des Scheiterns setzt sich fort. Zum Trost gibt uns die Gastgeberin Schokolade und Bier – natürlich aus Gletscherwasser gebraut.

Ein leckerer Trost: Bier aus Gletscherwasser anstelle von Polarlicht

Ein leckerer Trost: Bier aus Gletscherwasser anstelle von Polarlicht

Gegen Mittag erreichen wir mit Höfn das vorerst letzte Städtchen auf unserem Kurs über die isländische Küstenstraße. Es ist für seine formidablen Hummerschwänze bekannt. Das Kaffi Hornið serviert sie im Tempura-Gewand, was bei mir keine Euphorie auszulösen vermag. Nach einem sättigenden Rentier-Burger trödeln wir ein wenig im Hafen umher. Überall skandinavische Postkartenmotive. Doch nach wenigen Minuten siegt die teutonische Disziplin: Wir fahren weiter. Schließlich hebt in 27 Stunden unser Flieger nach Denver ab – und wir haben noch nicht annähernd die Hälfte der isländischen Küstenstraße geschafft.

Text und Bilder: Ralf Johnen, Oktober 2015.

Die Reise wurde von Icelandair und Camp Easy Iceland unterstützt. Zwei weitere Geschichten über unseren Roadtrip folgen in Kürze.

Icelandair fliegt ganzjährig direkt ab Frankfurt/Main und München, saisonal auch ab Hamburg, Zürich und Genf nicht nur nach Island, sondern von dort aus weiter zu 16 Destinationen in den USA und Kanada – unter anderem ins tolle Denver.

Das hat zwei gravierende Vorteile für Nordamerika-Reisende: Sie können auf allen Transatlantikflügen 2 x 23 kg Freigepäck mitnehmen, in der Saga Class dürfen die Gepäckstücke gar  jeweils 32 kg wiegen. Zudem haben Amerika-Passagiere die Möglichkeit zu einem bis zu siebentägigen Stopover in Island ohne Flugaufpreis.

Weitere Island-Geschichten:

Das Land der Vulkane und des Gammelhais

Ein Foto-Essay

Heiß die Haut, kühl das Bier: Ein Saunagang in Reykjavik

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

4 Kommentare

  1. Pingback: Die isländische Ringstraße in 48 Stunden | LilaFine.com

  2. Pingback: Zwei Stuntmen auf dem Weg nach Pagosa Springs – Mit dem RV durch Colorado (Teil 3)

  3. Das ist echt ein sehr schöner Bericht. Deine Seite ist wirklich toll! Ich habe gerade über isländische Ringstraße
    gelesen. Da packt einen auf jeden Fall das Reisefieber und das Fernweh.
    Liebe Grüße,
    Natascha

    Antworten

    • Danke Dir, Natascha. Island ist der Knaller, vor allem wenn man es antizyklisch angeht. Das soll nicht heißen, die Ringstraße zu meiden, sondern die Hochsaison 😉

      Antworten

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