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Warum ich mir ein anderes Barcelona schaffen musste

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Dieses Barcelona kann mir gestohlen bleiben. Ich mag es einfach nicht. Es ist voller Personen, die den Britischen Inseln entfliehen, um billiges »Cerveza« zu saufen. Es ist Teil der Lebensplanung tätowierter teutonischer Junggesellinnen, die sich anlässlich ihres Ausfluges zu eng sitzende T-Shirts in grellen Farben bedrucken lassen. Zu allem Überfluss werden seine Straßen und Gassen von Horden angeduselter Kreuzfahrer bevölkert, die mit ängstlichem Blick in Gruppen durch die Stadt streunen, weil sie Angst haben vor der Fremde im Allgemeinen.

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Obwohl ich dieses Barcelona nicht ausstehen kann, gestatte ich mir keine Anzeichen von Bitterkeit. So mache ich mir eben meine eigene katalanische Kapitale. Das lohnt sich, denn eigentlich ist Barcelona mindestens die dritttollste Stadt Europas. Meines stelle ich mir so vor, wie es in einer Dokumentation aussehen würde, die François Truffaut gedreht haben könnte.

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Die Stimmung hat ziemlich viel von der feierlichen Melancholie, wie sie im »Schatten des Windes« lebt. Und natürlich darf mein Barcelona auch jederzeit so sein, wie in »L’Auberge Español«, den ich mir mit einiger Zuverlässigkeit wenigstens einmal im Jahr ansehe, obwohl die blöde Audrey Tautou da mitspielt. Ich selbst würde es für passender halten, wenn mir hier gelegentlich Fanny Ardent oder Jeanne Moreau über den Weg liefen.

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Das Barcelona, so wie ich es mir am liebsten ausmale, liegt zu Füßen des Montjuïc. Genau genommen heißt das Viertel Sant Antoni. Die Straßen hier bekommen im Sommer nur wenig Licht, weil die Platanen genau so hoch aufgeschossen sind, wie die Bürgerhäuser aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Die einzige nennenswerte Sehenswürdigkeit sind die Hallen des Mercat de Sant Antoni, prächtige Gusseisenkonstrukte, die glücklicherweise auf unbestimmte Zeit saniert werden. Hier kommen höchstens avancierte Touristen hin. Das Raval als einstiges „Huren-, Junkie- und Zigeunerviertel“ (so die Reiseliteratur) erweist sich immer noch als effektiver Puffer.

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Sant Antoni ist ein bisschen so, wie man sich den idealen Flecken Erde vorstellt, wenn man Städte im Großen und Ganzen gerne mag. Und den Süden. Und Cafés, in denen es den ganzen Tag über nichts anderes als Frühstück gibt – und wo die Leute ganz selbstverständlich ihre Smartphones auf dem Tisch liegen lassen, wenn sie mit kompletter Mannschaft zum Rauchen vor der Türe gehen.

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Streng genommen möchte ich ja gar nicht zu viel verraten über diesen Teil meines Barcelonas. Aber die Gegend besitzt einfach zu viele Vorzüge: Die Alleinunterhalter mit Gitarre spielen hier in den Clubs keinen muffigen Mist von Barcley James Harvest oder den Bee Gees nach, sondern ziemlich korrektes Zeug von den Pixies. Und wenn man leise ist, darf man in der Wein-Bar ganz schön lange draußen auf dem Bürgersteig sitzen bleiben.

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Auf dieser Basis geht es mir locker von der Hand, auch den Rest der Stadt so wahrzunehmen, wie er mir gefällt: Die Palmen und ihre allgegenwärtigen Schatten. Die absurd üppig ornamentierten Straßenlaternen, die den grenzenlosen Reichtum Kataloniens signalisieren sollten. Die unwirklichen Bauten von Gaudi und seinen modernistischen Romantiker-Kollegen. Aber auch den Jamon Iberico in der Boqueria und die Tentakel der Tintenfische, die ich mir in gegrilltem Zustand auf einem Teller vorstelle.

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Und natürlich das »Ciudad Condal«, wo ich bei meinem ersten Besuch in der Stadt Bekanntschaft mit den Montaditos gemacht habe, jenen Kanapees, die turmhoch mit Köstlichkeiten belegt sind. Das ist ziemlich lange her. Wahrscheinlich sogar so lange, dass ich mir damals noch gar nicht mein eigenes Barcelona ausdenken musste. Am ersten Mittag des Trips sitzen wir, die wir damals gemeinsam hier waren, in derselben Besetzung wieder hier. Wir knuspern an den Kanapees herum. Dazu gönnen wir uns schon am Mittag eine halbe Flasche Cava Juvé y Camps. Am Nachbartisch trinken Amerikaner Sangria. Sie staunen über den mannshohen Blumenstrauß, der auf dem Tresen steht. »Are these real flowers?«, fragt einer von ihnen.

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Auch das also gehört zu meinem Barcelona. Ich finde es großartig, so wie es ist. Zwischen Hafen und dem schon besagten Montjuïc verkehrt diese herrlich altmodische Seilbahn.

Ein anderes Barcelona

In Barceloneta, dem immer noch kaum gentrifizierten Viertel unten am Meer, da tragen die Surfer ihre Bretter durch die Straßen. Und von den Chiringuitos unten am Strand weht der Duft gegrillter Sardinen hinüber. Rein optisch kommt mir mein Barcelona ein bisschen grobkörniger als die Realität vor.

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Bei aller Liebe für und berechtigter Sorge um Barcelona, bin ich diesmal gar nicht in erster Linie wegen der Stadt hier. Es ist das Primavera Sound Festival, das mich zu der Reise inspiriert hat. Die einmalige Kombination von Superhelden, allen voran die wiedervereinigten LCD Soundsystem, dazu Brian Wilson (sings »Pet Sounds«), mein lebenslanges literarisches Idol Robert Forster und die Chills aus Dunedin, die alle ihre sehr speziellen Rock’n’Roll-Biographien im Gepäck haben, um sich für ein einziges Mal in dieser Stadt zu treffen. Aber das ist eine eigene Geschichte.

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Noch ein anderes Barcelona

Die Tage also müssen gar keine so schwere Bürde tragen, denn sie sind ohnehin gerettet. Ich bin schnell akklimatisiert: In der Wohnung in Sant Antoni schlafe ich sogar einmal bis 14 Uhr, um dann einen Café amb Llet zu trinken und anschließend beim nächstbesten Basken einzukehren. Pintxos und Txakoli zum nachgeholten Frühstück. Das ist noch besser als es klingt.

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Einmal führt mich meine Neugier hinauf auf das Dach des Katalanischen Museums, wo sich merkwürdigerweise ebenfalls ein baskisches Lokal einquartiert hat. Es könnte eine Art antikastilische Verschwörung sein, denn für die jüngere Geschichte hat man in Spanien immer noch sehr sensible Antennen. Die Bataillone fliegender Händler aus Afrika, die vor der Kulisse 20 Meter langer Yachten am Hafen ihre Sneaker-Imitate und Messi-Trikots an den Mann bringen wollen, sind ihnen hingegen komplett gleichgültig.

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Am letzten Tag, es ist ein Sonntag, muss ich mich ohne Festival verdingen. Spät am Abend streune ich durch den Barri Gòtic, der so verwaist ist, dass ich mich frage, warum ich mir überhaupt mein eigenes Barcelona kreiert habe. Nach einigem Suchen finde ich die Bar, die ich sonst nie finde, und die früher einem kanadischen Surfer gehört hat. Ich bestelle einen Priorat, sehe mich um in dem Raum, der nur von Kerzen beleuchtet zu sein scheint. Schließlich fällt mein Blick in die Ecke. Dort sitzt die Frau, mit der ich zum ersten Mal in Barcelona gewesen bin. Sie tut so als würde sie Klavier spielen. Ich liebe diese Stadt.

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Informationen über ein anderes Barcelona

Das Apartment in Sant Antoni wurde uns von Only Apartments zur Verfügung gestellt. Es ist ruhig und geräumig. Wir haben uns sehr wohl gefühlt.

Die Anreise nach Barcelona ist aus Deutschland recht geschmeidig – Flüge kosten meist um die 150 Euro. Ab Flughafen fährt die immer noch recht neue orangefarbene U-Bahn in die City. In der City plädiere ich für den Erwerb einer Wochenkarte der Verkehrsbetriebe.

Meine Lieblingslokale

Ciudad Condal, Rambla de Catalunya 18. Eine Webseite benötigen sie nicht. Top-Adresse für Montaditos.

Sagardi, Carrer Argenteria 62 (Barri Gotic) und Carrer Muntaner 70-72, www.sagardi.com, eine kleine Kette, aber trotzdem sehr gute Pintxos und baskische Weine. Das Lokal auf dem Dach des katalanischen Kulturzentrums ist der Geheimtipp schlechthin.

Federal Café, Carrer del Parlament 39, www.federalcafe.es, hier frühstücken die wahren Hipster.

La Desayunería, Carrer del Comte Borrell 75, braucht auch keine Webseite, ideale Adresse um verkatert erst am Nachmittag in den Tag zu starten.

La Maison, Carrer Correu Vell 3, kommt ebenfalls ohne Internet-Auftritt aus, eine meiner favorisierten Bars auf dem ganzen Planeten. Obwohl Hemingway nie hier war.

Ansonsten empfehle ich: die Stadt als Gesamtkunstwerk zu begreifen und den Pauschaltouristen so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen. Das wird in der zweiten Hälfte der 2010er immer schwieriger. Aber es ist möglich. Vor allem, wenn man den ganzen Tripadvisor-Bullshit meidet und stattdessen gute Reiseführer liest. Der einzig unwiderruflich verdorbene Ort ist Parc Güell. Doch auch die anderen Gaudi-Bauten leiden schwer unter dem zugespitzten Tourismus-Marketing der Gegenwart. Diese Orte sind eigentlich nur noch während schwerer Stürme zu ertragen.

Noch eine Geschichte über Barcelona und Verlustängste: Ein paar Dinge, die ich an Barcelona vermisse. Eine Schwärmerei über das Primavera Sound folgt beizeiten.

Text und Bilder „Ein anderes Barcelona“: Ralf Johnen, September 2016 Abgesehen vom gesponserten Appartement haben wir die Reise selbst bezahlt.

 

6 Kommentare

  1. Klasse Text und Fotos! Kennst du den Film „Barcelona“ von Whit Stillman? Er hat es, soviel ich weiß, nie in die deutschen Kinos geschafft. Habe ihn vor Jahren in den USA gesehen, ein herrlicher Film – wurde vom New Yorker zum Film des Jahres 1994 gewählt.

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    • Danke Dir, Cornelia. Den Film kenne ich nicht, muss ich mal ausfinden machen in einem ruhigen Moment. Ich schaue mir auch immer gerne Deine Geschichten an – und natürlich die Schwarzweißbilder… Viele Grüße & a bientot

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  2. Hey Ralf,
    grandioser Text. Und ich weiß genau was du meinst. Das erste Mal war ich 2010 da. Vermutlich schon zu spät. Aber schon fünf Jahre später war die Stadt kaum wiederzukennen. Voll voll, voll laut, voll stickig. Ich habe mir auch ein anderes Barcelona erschaffen. Es heißt Valencia.

    Gruß,
    dein Filmbuddy

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    • Muchas gracias, Steven. Manchmal ist es traurig, welche Effekte das Reisen hat, wenn es zur Industrie wird. Guter Stoff für ein Filmchen, oder? Bleibt zu hoffen, dass Valencia nicht das selbe Schicksal ereilt.

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  3. Wunderbare Bilder – sie zeigen Barcelona von einer anderen Seite. Ich liebe die Stadt sehr, meide aber auch die Massen wo es geht. Am Abend war ich immer in einer winzigen Kneipe in Barceloneta. Da gab es keine Touristen (außer uns) und es war einfach total nett!! Für die nächste Reise werde ich aber mal Deine Tipps mitnehmen.

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