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Formentera, I stand up: Asier paddelt gegen die Balearización (Teil 2)

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Eigentlich ist es eklig. Sobald ich mich von dem Gedanken befreie, dass es eklig sein muss, ist das Gefühl fast angenehm. Meine nackten Füße stecken in einer Mischung aus widerspenstigem Schlick und vermoderndem Seegras. Mit jedem Schritt muss ich einen Unterdruck überwinden, und jedes Mal geht es mit einem Schmatzen weiter.

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Dann aber wird das Wasser klarer. Für einen Hafen fast schon zu klar, aber die Estany des Peix ist auch eher eine Lagune, ein „Parkplatz für die Boote“, sagt Asier Fernández. Die Fähren und größeren Jachten legen hier nicht an.

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Asier ist 43 Jahre, verdient sein Geld auf Formentera mit einem Bootsverleih, der als Centro Nautico firmiert und auch Windsurfing- und Segelunterricht im Programm hat. Eigentlich aber ist der Mann im Neopren-Shorty zu Anderem berufen.

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Im Festrumpfschlauchboot, ein paar Kajaks für später im Schlepptau, gleiten wir durch die schmale Öffnung der Lagune in die ruhigen Küstengewässer der Westseite. Ab und an sind sie mit mal kleinen, mal ausufernden dunklen Flecken durchsetzt.

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„Das sind keine Felsen, das ist Posidonia“, sagt Asier. Vor Formentera hat sich das Neptungras in besonders großen Wiesen ausgebreitet, „die längste ist acht Kilometer lang.“ Und das Seegras sorgt dafür, dass das Wasser so klar bleibt. Neptungrasfelder kompensieren CO2: „In Relation zur Fläche bindet Posidonia drei Mal mehr Kohlenstoffdioxid als der Amazonas-Regenwald“, erklärt Asier und lugt unter seinen buschigen Augenbräuen hervor. Zugleich bilden die Wiesen eine natürliche Barriere und verhindern, dass die Sandstrände, das große Kapital Formenteras, erodieren.

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Vom Lohn der Pflanzen-Arbeit können wir uns schon an der nächsten Bucht überzeugen. Ich bin kein Fan von Stereotypen, es sei denn sie stimmen. Aber karibisch, das Attribut, das ich argwöhnisch im Zusammenhang mit der Insel schon mehrfach lesen musste, passt. Der Sand weiß, das kaum tiefer werdende Wasser von zartem Türkis, die Oberfläche antwortet der Sonne in Tausenden winzigen Sternen.

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Ich hüpfe bei unserem Zwischenstopp aus dem Boot, die Kamera im Anschlag, und stelle am Strand angekommen fest: Formentera hat auch etwas von Sylt, zumindest hier im Norden, wie die Baleare in der Landzunge Es Trucadors ausläuft. Holzbohlenwege führen durch Dünenfelder, die die Platja de ses Illetes säumen.

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Ein paar Strandspaziergänger sind unterwegs, noch ist es leer in dieser Vorsaison. Doch spätestens ab Ende Juni fallen die modernen Teilzeit-Einwanderer ins Idyll ein. Dann sind die Buchten von Jachten belagert, wie einst von Piraten, die die Einwohner um die Mitte des 14. Jahrhunderts derart desillisionierten, dass sie von der Insel flüchteten, die darauf für etliche Jahrzehnte unbewohnt war.

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Heute wirken eher die Adhäsionskräfte: Ölscheichs halten sich auf ihren Superbooten in Deckung, arabische Prinzen, auch schillernde Figuren wie Silvester Stallone sollen schon geankert haben.

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Die wenigen Restaurants, die auf der sonst unbebauten Landzunge Es Trucadors agieren, darunter das Molí de Sal, benannt nach der alten Salzmühle nebenan, haben sich einen diskret-dekadenten Lieferservice ausgedacht: In Dingis setzen sie zu den Jachten über, das leckere, aber gesalzen teure Essen an Bord.

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Wir müssen weiter – zur kleinen, auch heute noch unbewohnten Privatinsel S’Espalmador, die von Formenteras Nordspitze nur durch eine rund 150 Meter schmale Meerenge getrennt ist.

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Wir erreichen eine weite sandige Bucht, zwei Palmen, und sind angekommen an der sichelförmigen Platja de s’Alga. Man kann sich kaum vorstellen, dass sich die Gewässer bei einer blutigen Seeschlacht einst rot gefärbt haben.

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Asier lässt den Anker auf den Grund sinken. Dieser Strand ist endgültig verwaist. Aber es liegen haufenweise rundliche, braune Gebilde herum, tennisballgroß. Sie sehen aus wie diese pelzigen Mogwai-Bälle aus „Gremlins“, die sich jederzeit in kleine Monster verwandeln können.

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Die Beschaulichkeit der Situation straft meine Fantasterei Lügen, und Asier klärt die Sache auf: „Das sind Seebälle. Sie entstehen aus den Fasern des Neptungrases.“ Diese häufen sich in der Bewegung der Brandung an und verfilzen allmählich zu Bällen. Wir laufen weiter Richtung Inselinnerem. Es geht über durch Gebüsch mäandernde Sandpfade. Die Luft riecht nach Salz und sonnenwarmer Mittelmeervegetation.

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Dann taucht vor uns eine zartrosa schimmernde Fläche auf: Die Schlammlagune von S’Espalmador. „Hier nahmen die Leute noch vor einigen Jahren ihre Schwefelbäder, doch das ist seit ein paar Jahren verboten“, so Asier.

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Wie die gesamte Dünenlandschaft Formenteras ist auch die Lagune der nur knapp drei Kilometer langen Nachbarinsel mit dicken Tauen eingegrenzt, Naturschutz wird groß geschrieben. Die Schwefelkur bleibt aus.

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Obwohl S’Espalmador ein Privateiland ist, darf es von jedermann besucht werden. „Im Abstand von 200 Metern zur Küste bleibt das Land öffentlich nutzbar, das schreibt ein Gesetz vor“, erläutert unser Skipper.

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Einem Gerücht zufolge soll die Insel, auf der nur eine Finca, ein weiteres Gebäude und ein Leuchtturm an der steilen Nordspitze gebaut wurden, 2013 für 32 Millionen Euro an einen Italiener verkauft worden sein. Schon zuvor war sie jahrzehntelang in privatem Familienbesitz.

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Später cruisen wir die felsige Küste Westküste Formenteras hinunter in Richtung Cap de Barbaria. Manche der Formationen, einstmals Dünen, wirken bearbeitet, wie ein angeschnittener Kuchen.

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Und tatsächlich: Als im 16. Jahrhundert die festungsartigen Mauern der Dalt Vila, der Altstadt Eisvissas (Ibiza-Stadt) errichtet wurden, bediente man sich dazu der Küste der Nachbarinsel. Arbeiter trieben nasse Holzblöcke in den Stein, die aufquollen. Eine alte Form der Sprengung.

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Doch Asier, der sich schon als Trainer des spanischen Olympiateams im Windsurfen betätigt hat, stören die Baustellen heutiger Zeit. „Eigentlich darf hier nicht gebaut werden“, der Mann zeigt in Richtung eines Plateaus. „Aber einer der Besitzer von Mango hat sich mitten im Naturschutzgebiet trotzdem ein Stück Land gekauft.“

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Jetzt könne der Mann des Modeunternehmens, dessen Namen er nicht nennt, dort machen, was er will. Einem Funktionär des spanischen Bauunternehmens Ferrovial sei das Gleiche gewährt worden. Für den 43-Jährigen klare Fälle von Korruption. „Mit Geld geht alles, das finde ich schrecklich. Ich möchte nicht, dass Formentera so endet wie Ibiza oder Mallorca, wir müssen die Insel vor der Balearización bewahren. Vor Bettenburgen und zugebauten Küsten.“

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Weil Asier nicht nur mir gegenüber, sondern auch an anderer Stelle offen spricht, ist unsere nächste Aktion im Grunde illegal. Wir machen uns bereit, in die Kajaks umzusteigen. Solche Touren sind Asier offiziell nicht erlaubt, eine Genehmigung werde ihm von den Behörden verweigert.

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„Ich halte meine Klappe nicht, dafür werde ich von der Regierung gemobbt.“ Einmal habe er eine touristische Paddeltour ausgearbeitet, die Erlaubnis, Gäste ihr entlang zu führen, habe aber ein anderer bekommen.

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Mit einem Schuss Verruchtheit stoße ich die Paddel ins tiefblaue Wasser und lasse mich darauf ein, das krumme Ding zu drehen, für das Asier jedes Mal wieder eine Strafe riskiert.

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Je näher ich der felsigen Küste komme, desto klarer erscheint der Grund, der das Wasser in immer satteres Türkis färbt. Das Boot scheint zu schweben. „Wunderschön, fantastisch“, entfährt es nicht mir, sondern Asier, der hinter mir auf Platz zwei das Paddel schwingt. Aber ich find’s auch toll.

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Asier dirigiert uns in Richtung einer Wand, an der bis auf das hübsche Muster der Gesteinsschichten nichts Besonderes scheint. Eine Gruppe deutscher Touristen schreckt das noch nur 18 Grad frische Wasser nicht ab, schnorchelnd sind sie Richtung einer Bucht unterwegs, drehen aber wieder ab, als einer „Quallen“ durchs Rohr keucht.

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Wir gleiten ins blaue Nass, und urplötzlich ist Asier verschwunden. Sekunden später taucht er vor der Felswand wieder auf. „Kommt her“, sagt er. Die Köpfe eingezogen schwimmen wir durch einen kleinen Spalt, den Wasseroberfläche und Stein noch freigeben, und dann wird es dunkel.

IMG_8303„Sobald das Wasser hier höher steht, ist es noch finstrer“, Asiers Augen glänzen im Restlicht der Höhle. Das bisschen Helligkeit, das durch den Spalt eindringt, lässt die niedrigen Höhlendecke erahnen und den Grund, dessen Sanddecke sich jungfräulich wellt. „Kommt unter Wasser und schaut Richtung der Öffnung.“

IMG_8242Asier, der Bootsverleiher, Windsurf-Enthusiast, der subversive Inselaktivist setzt sich die Taucherbrille auf und geht in die Knie. Auch ich tauche ab. Unter Wasser schaltet sich eine türkise Lampe an. Die Höhlenöffnung schillert in den schönsten Tönen.

Stefan Weißenborn, Juni 2014 (Die Reise nach Formentera wurde unterstützt vom Spanisches Fremdenverkehrsamt Tour Spain.)

Anreise:

Mit dem Flugzeug über Ibiza zum Beispiel mit Germanwings oder Air Berlin da Formentera keinen Flughafen besitzt. Außerhalb der Saison muss eine Zwischenlandung in Mallorca eingeplant werden. Vom Hafen Eivissas (Ibiza-Stadt) gibt es Bootsverbindungen nach La Savina, dem Hafen Formenteras. Die Überfahrt mit dem Schnellboot mit Transmapi oder Mediterrania Pitiusa (Return-Ticket ca. 50 Euro) dauert rund eine halbe Stunde, etwa doppelt solange benötigt die weit günstigere Autofähre.

Unterkunft:

Auf Formentera gibt es zahlreiche Ferienhäuser oder Appartment zu mieten, buchbar über bekannte Internetportale wie fewo-direkt.de oder Airbnb. Die Preise liegen selten unter 100 Euro am Tag, eis sei denn, man kommt im Frühjahr oder im Herbst. Viele der Unterkünfte, so auch das einfache, aber sympathische Hotel Levante befinden sich in Es Pujols, dem Haupttouristenort, der nah an der Landzunge mit den schönen Stränden liegt.  Am langgestreckten Migjorn-Strand im Süden gibt es teils hochpreisigere Anlagen, darunter der Gecko Beach Club. Campen ist auf der ganzen Insel verboten, es gibt keinen Campingplatz.

IMG_7984Wie Formentera sich am besten mit Kindern bereisen lässt, lest ihr in der Geschichte von Britta Smyrak hier.

 

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