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Frachtschiff-Kreuzfahrt: Mit der „Aranui 3“ zu den Marquesas (Teil 1)

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Die Kolonne der Pick-ups ist am Strand angekommen. Langsam füllt sich der gebogene Saum Küste mit „Aranui“-Gästen. Das Schiff liegt in einigen Hundert Meter Entfernung vor Anker. Unter einem Verschlag sitzen Männer auf Jutesäcken, gefüllt mit Copra.

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Das getrocknete Fleisch der Kokosnüsse ist Exportgut Nummer eins auf den Marquesas, fast jeder der Einwohner ist mehr oder minder ein Copra-Bauer. „Kennst Du Palmin? Diese Fettstangen? Dafür wird es benutzt, sagt Jörg Nitzsche, der deutsche Reisebegleiter auf dem Schiff.

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Der Frachtkahn legt an, der Kreuzfahrer und Frachtgut an Bord der „Aranui 3“ bringen soll. Am Steuerrad steht ein Seebäre von Matrose, wortlos tut er seinen Dienst. Einer seiner Kollegen trägt zur Sonnenbrille einen Bauhelm, seine Ohrläppchen sind von Schäkel durchbohrt.

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Auf der kurzen Überfahrt meldet sich backbord plätschernd eine weitere Spezies: „Mantarochen“, erhebt einer der Touristen das Wort und erfährt durch ein Nicken eines der Seebären Bestätigung. Im Himmel kreisen riesige Fregattvögel.

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Dann geht es im Kriechgang die klapprige Außentreppe an der Schiffswand hoch. Oben angekommen, merke ich, welchen Durst ich habe. An der Rezeption frage ich nach Wasser. Die Schiffsmanagerin läuft in einen Hinterraum und kommt mit einer leeren PET-Wasserflasche zurück, die sie an einem der Wasserspender auswäscht und befüllt. „Hier“, sagt sie. Das Wasser kannst du trinken, das in den Kabinen ist aber nur fürs Zähneputzen.“ Charmanter Empfang. Wir sind an Bord eines Frachtschiffes, ich mache eine Frachtschiff-Kreuzfahrt mit.

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Am Abend bietet mir Tino Tsien Youn, einer der Matrosen an Bord, eine Dose Hinano an. Er und seine Kollegen haben es sich nach getaner Arbeit zwischen Reling und Neonbeleuchtung bequem gemacht und lassen es zischen. „Willst Du auch eine?“

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Tino ist verantwortlich für die Fracht auf der „Aranui 3“. Diese wird mit einem haushohen Kran an Bord des 117-Meter-Kahns gehoben. Auch hier, rund 6000 Kilometer von Australien entfernt und 4000 von Hawaii werden so normale Dinge wie Gebrauchtwagen oder Autoreifen benötigt. Oder Chicken Wings oder Klopapier oder gefrorene Tierhälften.

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Die Marquesas sind die am weitesten vom Festland liegende Inselgruppe der Welt, bewohnt von knapp 10 000 Menschen. Alle drei Wochen sticht die „Aranui 3“ für 14-tägige Kreuzfahrten in Papeete, Tahitis Hauptstadt, in See.

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Noch, denn das Nachfolgeschiff steht schon in den Startlöchern. Und bis zu 180 zahlende Gäste dürfen dabei zusehen, wie säckeweise Kartoffeln oder Zement oder Tiefkühlware in Gitterkästen auf Kaimauern rumsen.

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Dann der erste Termin, der in jeweils abgewandelter Form für die Zaungäste jeden Abend stattfinden wird: das Briefing für den nächsten Tag. In einem kleinen Raum mit Sitzreihen hat sich Bernard aus dem Elsass vor einem Flatscreen breit gemacht.

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Er schießt eine Power-Point-Päsentation mit Fotos ab, die minutiös jede Fußangel wie glitschige Ausstiege an Anlegern oder unregelmäßige Treppenabsätze auf alten Kultplätzen dokumentiert. Der Altersdurchschnitt der oft weitgereisten „Aranui“-Gäste ist hoch.

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In einer Lautstärke unterrichtet Bernard über den Terminplan, als müsse er eine Kompanie deligieren. Zwei Jahre war er bei der französischen Armee in Papeete stationiert, und dann nahm der den Job auf dem Frachter an. Ua Pou werde in der Nacht angelaufen, der Inselname bedeute „zwei Säulen“ und beziehe sich auf die teils über 1000 Meter aufragenden Felstürme, das Wahrzeichen von Ua Pou. „Meistens bleiben aber Wolken dran hängen, und man sieht die Spitzen nicht“, scheppert Bernard.

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Beim Abendessen gibt es ein erwartbares Sozialverhalten zu beobachten. Man sortiert sich nach Nationen: Die Franzosen bleiben unter sich, die Deutschen als zweitgrößte Einheit unter den Gästen auch. Nur ein Paar aus dem Elsass weiß nicht so recht, entscheidet sich dann aber für einen der „deutschen“ Tische, „weil die Franzosen so viel reden“, wie sie erläutern. Auch ich lande zum Warmwerden bei den Deutschen.

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Dann wird aufgetischt. Gänseleber, dazu Mango-Chutney mit Zimt, Birne und Toast als Vorspeise, dann Krevetten (vielleicht ein Frankreich-Import), Kartoffeln, Curry-Sauce, Reis, Nachgang: Mousse au Chocolat. Okayer Weiß- und Rotwein (definitiv Frankreich-Importe) sind inklusive. Ebenso Tanzeinlagen von breitschultrigen Frauen in Folklore-Kluft.

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„Wir haben auf dem Weg hierher kein einziges Segelboot gesehen“, sagt der Endsechziger Walter aus Düsseldorf über die 20-Stunden-Fahrt der „Aranui“ vom Starthafen Papeete zu den Marquesas. „Das ist schon wahnsinnig abgelegen.“

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Dann geht das Licht im Speisesaal aus: Es hat jemand Geburtstag. Die Frau, die jetzt eine Geburtstagstorte bekommt, wird angedanced von Jacob Tehiva, Servicekraft im Restaurant, der seine Hemd mit schwingenden Hüften aufzuknöpfen droht. Sie dreht sich weg, muss lachen und wirft vor Schreck ihr iPad in die Torte. Der ganze Tisch tobt. Aber ernsthaft: Wer mag, dem bringen Animateure in Kursen den Hüftschwung bei, und wer möchte, bekommt Ukulele-Stunden.

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Um 2.30 Uhr in der Nacht, ich schlummere in der Kajüte, vibriert urplötzlich das ganze Schiff. Jemand hat die Maschinen angeworfen. Hinter dem Bullauge schimmert silbrig und ganz nah die Wasseroberfläche, das Wasser schwappt bis zum Fenster. Allein so viel Thrill würde man den Gästen in einem konventionellen, wolkenkratzerhohen Kreuzfahrtschiff nie zutrauen.

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Um kurz nach 5 wird der Frachter am Pier von Ua Pou vertäut, die Wünschen surren, das Schiff gleiten seitlich bis an die Mauer. Mit den Wellen reibt sich das Schiff laut quietschend an den dicken Puffern, an Schlaf ist nicht mehr zu denken.

 

4 Kommentare

  1. Toller Artikel, danke dafür! Ich habe über die Frachtschiffe und die Marquesas bereits eine Doku im Fernsehen gesehen, war wirklich interessant. Denke auch gerne an meine Zeit auf Tonga zurück.

    Viele Grüße
    Mathias – underwaygs.com

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    • Hallo Mathias, ich stelle es mir auch spannend vor. Einer der letzten Flecken, der noch nicht zu Ende globalisiert ist. Vielleicht schaffe ich es ja auch noch dorthin. Viele Grüße

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    • Hi Mathias, danke! Tonga steht auch auf meiner Liste. Kann man da gut tauchen?
      Viele Grüße,
      Stefan

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