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Leuchtendes Dunkeldeutschland – Im Hausboot durch den Osten (Teil 2/2)

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Die letzten Strahlen des Tages lassen die Fenster von Schloss Rheinsberg golden erscheinen. Das Gebäude, in dem Friedrich II als Kronprinz residierte, bevor er den Thron bestieg und zum „Alten Fritz“ wurde, wirkt in der Abendsonne nahezu pink. Er war es auch, ohne den wir unsere Tour gar nicht hätten machen können. Denn es war der „Alte Fritz“, der das Seengebiet zur Wasserstraße einst erst ausbauen ließ. Bekannt wurde das Rheinsberger Schloss, das nach dem Dreißigjährigen Krieg an der Stelle eines stark beschädigten Wasserschlosses erbaut wurde, auch durch Kurt Tucholskys Erzählung „Rheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte“.

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„Da könnt ihr aber nicht liegenbleiben“, brüllt Hafenmeister Dirk Westphal von seinem Hüttchen rüber als wir in eine der letzten Lücken am Yachthafen der Reederei Halbeck manövrieren wollen. „Fahrt mal neben den grünen Klotz da.“ Beim Einparken sprudelt die Schiffschraube so stark, dass es den herbei geeilten Hafenmeister fast vom Schwimmarm des Stegs wirft. Der hüpft hoch und ruft: „Da brauch ich ja Gummistiefel.“ Aber er lacht.

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Dass unerfahrene Skipper wie wir etwas unbeholfen anlegen, kennt er nur zu gut. Westphal schätzt, dass rund die Hälfte der Wassertouristen, die das Residenzstädtchen im Jahr ansteuern, statt eines Bootsführerscheins nur eine Chartererlaubnis haben. Für den Tourismus ein Segen, so sieht es Westphal. Und die Sache hat sich herumgesprochen: „Vorher waren es fast nur Berliner, aber seit fünf, sechs Jahren kommen auch immer mehr Bayern, auch Österreicher.“

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Wir gehen an Land, lassen am Hafen ein Café mit dem Namen „Tucholsky“ hinter uns und sitzen bald im „Zum Fischerhof“, wo lokaler Fisch wie Zander auf den Teller kommt, aber auch von weiter her zugekaufter wie Lachs. Wir streifen durch das nächtliche Rheinsberg und stellen fest: Viel los ist nicht, in dem barocken Städtchen das wohl den besten Sanierungszustand seiner Geschichte erreicht hat.

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Unsere Einschätzung wird gleich an der nächsten Ecke relativiert: In einem leer geräumten Ecklokal steht ein DJ im Ultraviolett-Licht an einem Pult und macht sich warm, sein Partyvolk steht noch draußen rauchend auf dem Bürgersteig. Angezogen werden wir dann von anderen Klängen: Orgelmusik. „Hallo, ist da jemand?“, ruft eine Frauenstimme von weiter oben, als wir die zentral gelegene Kirche St. Laurentius betreten.

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Offenbar per siebtem Sinn, vielleicht aber nur durch einen Luftzug hat die Organistin mitbekommen, dass wir da sind. „Wir hören nur ein bisschen zu“, sagt Sven. Später am Abend, als wir in unseren Kojen ein Auge zudrücken wollen, steigt am Hafen eine weitere Party. In einem wie ein Lampion illuminierten Zelt hotten ein paar Leute zu AC/DC und Achtziger-Pop ab. Dann gibt’s ein Feuerwerk: Es ist Rheinsberg-in-Flammen-Tag.

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Am Morgen bin ich der erste, der Spuren in den frisch geharkten Kies am Schloss setzt. Das denke ich zumindest, bis ich einen Jogger und eine Frau mit Hund entdecke, die an der Promenade flanieren, als seien sie dorthin bestellt, um dem Stillleben aus Statuen und Säulen einen lebendigen Gegenpol zu geben. Die Sonne wärmt schon, noch aber liegt der dem See zugewandte Hauptflügel im Schatten.

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Später wandern Sven und ich durch den Schlossgarten, der sich am südlichen Ende des Grienericksees erstreckt. Den Spaziergang sollte kein Rheinsberg-Besucher verpassen. Anfangs noch ein rokokoähnlicher Lustgarten mit symmetrisch angelegten Wegen, darunter eine Sichtachse in Richtung Schloss vom gegenüberliegenden Ufer, geht die Anlage in eine Art Landschaftspark über.

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Wer schlendert, braucht bis zum weithin sichtbaren Obelisken oberhalb des gegenüber liegenden Ufers rund eine halbe Stunde. Es gibt keinen besseren Blick auf Schloss, See und Stadt als von dem Denkmal aus, das Prinz Heinrich, Bruder von Fritz, zum Andenken an seinen anderen Bruder August Wilhelm und weiteren „Helden des Siebenjährigen Krieges“ 1790 errichten ließ.

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Einer anderen Bautätigkeit aus dem Jahre 1880 ist zu verdanken, dass wir zum Mittagessen bei Fischer Wilhelm Gehrt im Uferrestaurant in Flecken Zechlin in der Sonne sitzen und köstlichen Hecht und Barsch auf den Tellern haben. Denn der schmale Kanal, durch den wir nach dem Landgang unsere „Supreme“ in den einst isolierten Schwarzen See bugsieren, musste erst noch geschaffen werden.

 

 

Nach dem Mahl steigt Fischer Gehrt in seine Wathose und nimmt uns mit den Worten „Na, ob ich heute Abend oder Morgen früh nachsehe“ mit auf seinen Kahn, um die Reusen zu überprüfen. Bald holt er Meter um Meter ein. Die Reusen seien 70, 80 Meter lang, sagt er.

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Bis auf zwei Aale, ein paar kleine Barsche und ein paar Flusskrebse ist nichts in die Falle getappt. Das sei aber nicht immer so, sagt Gehrt. Aber dennoch: Wirtschaftlich überleben könne er als Fischer nur dank der angeschlossenen Gastronomie.

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Wieder das Steuerrad in der Hand, tuckern wir unserer letzten Nacht entgegen. Wir sind schon auf dem Rückweg nach Fürstenberg, wo wir das liebgewonnene Schiffchen abgeben müssen. Die halbe Strecke schaffen wir, bis die einbrechende Dunkelheit eine Weiterfahrt erneut verhindert. Keine Marina, kein Yachthafen ist in Sicht, nur das von Minute zu Minute dunkler werdende, dicht bewachsene Ufer des Tietzowsees. Ich drücke einen Knopf im Führerstand, und schon rasselt die Ankerkette vom Bugspriet in die Tiefe.

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Es herrscht Totenstille, die bald von Topfklappern und anderen Kochgeräuschen durchbrochen wird. Nach dem Essen geht Sven an Deck. Von oben höre ich ein „Boah“ und „zieh dir mal den See rein!“ Ich klettere hinterher und rutsche oben angekommen fast aus und wäre beinahe über Bord gegangen. Auf Deck hat sich eine Schicht hauchdünnen Eises gebildet, so ernst meint es der Herbst schon.

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Dass ich nass geworden wäre, wäre das Eine gewesen. Ich hätte aber auch das zerstört, was Sven gerade bestaunt: Eine schwarze Fläche mit funkelnden Punkten. Die Sterne spiegeln sich im Wasser, die Milchstraße spannt sich wie ein glimmender Fallschirm über uns.

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Sven verschwindet und kommt mit zwei Gläsern Whiskey zurück. Zu allem Überfluss schießt eine Sternschnuppe herab, knapp unterhalb einer Sternformation, die ich mit einer Handy-App als Kassiopeia identifiziere. Wir reden lange Zeit kein Wort. Das Blätterwerk am Ufer raschelt in der aufgekommenen Brise leise, ab und an hüpft ein Fisch und durchbricht plätschernd die Wasseroberfläche. Für einige Zeit wabert das Kunstwerk dann, als hätte jemand der Leinwand von unten einen Hieb versetzt.

In der Nacht wache ich mit trockener Kehle auf. Die Heizung läuft auf vollen Touren, die Luftfeuchtigkeit muss bei Null Prozent liegen. Ich stoße die Dachluke auf. Eine Stunde lang verbringe ich damit, per App die Sterne zu bestimmen, bis irgendwo im Osten drei helle Punkte zu sehen sind, als ich schon längst einen steifen Nacken verspüre: Seit Jahren waren sich Venus, Mars und Jupiter nicht mehr so dich beisammen, lese ich später. Und auch, dass irgendwo in der Nähe in Brandenburg der dunkelste Ort Deutschlands sein soll.

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Beim Duschen am nächsten Morgen flüchtet eine Haubentaucher als ich die beschlagene Luke öffne. Ich beobachte das Uferschilf und lausche dem Vogelgezwitscher.

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Vögel sind es auch, die unsere Rückfahrt verzögern. Als wir in der Kammer der SB-Schleuse Wolfsbruch den Hebel betätigen, geht das Tor nicht auf. Auf der Fußgängerbrücke sind Passanten und Radwanderer stehen geblieben und schauen interessiert zu. Minuten vergehen. Sven dreht noch einmal den Hebel. Das Tor öffnet sich schließlich, und wir bekommen Applaus. Wie sich herausstellt, hatten sich einige Schwäne zu dicht vor der Schleusenöffnung die Zeit vertrieben und das Tor blockiert.

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Aber Zeit ist auf dieser Tour bei um die 9 km/h Reisegeschwindigkeit für uns ohnehin ein relativer Begriff geworden. Irgendwann gegen Mittag passieren wir noch die Schleuse in der Steinhavel, haben bald den Röblinsee und die Charter-Basis in Sicht.

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Trotz Wind und Wellengang zirkelt sich die „Supreme“ fast wie von selbst in die passgenaue Parklücke am Steg. Ob es erlerntes Können nach vier Tagen an Bord eines 11-Meter-Hausbootes ist? Oder der Effekt, der eintritt, wenn man entspannt ist – dass einem die Dinge leichter von der Hand gehen? Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus beidem.

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Ich stelle fest: Eine Tour mit einem Hausboot bewirkt etwas Modernes, weil es in die Zeit passt, in der den Menschen danach ist: Entschleunigung. Wir merken das noch einmal, als wir später wieder im Auto nach Berlin sitzen. Wir kommen uns vor wie in einem Rennwagen. Ich blicke auf den Tacho. Er zeigt aber nur 70, und wir werden andauernd von waghalsigen Autofahrern überholt.

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Text und Bilder: Stefan Weißenborn

Informationen

Die Voraussetzung: Charterbescheinigung

Sei dem Jahr 2000 berechtigt eine Charterbescheinigung Hobby-Skipper, die keinen Sportbootführerschein-Binnen besitzen, zum Führen (max. 12 km/h) eines gecharteten Hausboots. An Bord dürfen bis zu 12 Personen, das Schiff darf nicht länger als 15 Meter sein.

Die Gebiete: Vor allem der Osten

Größtenteils in Brandenburg und Mecklenburg befinden sich die für den Charterschein freigegebenen Wasserstraßen. Auch in Hessen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und im Saarland gibt es Strecken. Hier ein Flyer. Und noch einer

Anbieter von führerscheinfrei zu charternden Hausbooten

Für eine Bootstour Richtung Rheinsberg oder Mecklenburgischer Seenplatte bietet sich Fürstenberg (Havel) als Startpunkt an. Charterbasen sind z.B. River Boating HolidaysCardinal Boating Holidays oder Revier Charter. Die Mietpreise für eine Woche liegen im Herbst ab rund 1000 Euro pro Boot, hinzu kommen Nebenkosten und Kaution.

Lesen & Cruisen

Äußerst empfehlenswert und alternativlos für eine vergleichbare Tour ist der „Hafenführer füt Hausboote. Müritz/Havel/Seenplatte“ von Robert Tremmel und Christin Drühl.

Ein Dank geht an Christin Meißner für den Orga-Kram und das Team von „Seenland“. Unterstützt wurde die Reise auch von River Boating Holidays.

2 Kommentare

  1. Einfach ein tolles Erlebnis. Ich war in diesem Jahr auch das erste Mal mit dem Hausboot unterwegs (ohne Führerschein und ohne Erfahrung) und konnte mich da sehr gut wiederfinden. Brandenburg ist ja für so ein Abenteuer auch perfekt, oder? Wir waren in Belgien unterwegs auf den Kanälen – auch schön! Lg, Brigitte

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    • Ja, eine famose Angelegenheit! Es war sicher nicht mein letztes Mal auf einem Hausboot, denke ich. Gruß, Stefan

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