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Kosmischer Tourismus: Meteoritenkrater fürs Sightseeing

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Was am Freitagmorgen in Russland passierte, war – gemessen an dem, was möglich ist – ein lauer Sommerregen. Ein Meteorit wohl von der Größe eines Autos trat in die Erdatmosphäre ein, zersetzte sich dabei in Bruchstücke und ging als kosmischer Regen über der Stadt Tscheljabinsk im Ural nieder. Dabei wurden 1000 Menschen verletzt. Doch Himmelskörper richteten auf der Erde schon weit heftigere Schäden an.

Das bekannteste Beispiel ist ein Einschlag vor 65,5 Millionen Jahren im Bereich des heutigen Golf von Mexiko, der nach Stand der Forschung den Dinosauriern ihr Ende bereitete und unseren Planeten auf eine Ewigkeit in Staub, Dunkelheit und eine Kältestarre versetzte – den “Impakt-Winter”. Heute ist manche galaktische Narbe Touristenattraktion oder ein Glücksfall für die Forschung. boardingcompleted hat fünf Beispiele gesammelt:

Meteor Crater, Arizona – Der erste

Der Meteor Crater war längst nicht der erste Krater, den ein Meteorit in unseren Planeten riss. „Aber es war der erste Krater dessen Entstehung durch eine Meteoriteneinschlag eindeutig belegt wurde“, erzählt Cynthia: „Bis in die 20er Jahre glaubten die Menschen noch, das Erdloch sei das Ergebnis einer vulkanischen Explosion“, so die kleine Frau in der khakifarbenen Ranger-Uniform. Heute erfahren Besucher, die zwischen Winslow und Flagstaff im US-Bundesstaat Arizona von der Interstate 40 abbiegen, dass es anders war. Zu sphärischen Klängen wird im Kino des Besucherzentrums Entdeckungsgeschichte erzählt: 1960 belegte der Astronom Eugene Shoemaker, das der 1500 Meter breite Krater vor 50 000 Jahren bei der Kollision eines 46 Meter breiten Meteoriten entstand. Mit 65 000 km/h prallte er auf die Erde. Im Umkreis von vier Kilometern war alles sofort mausetod; eine Druckwelle tat das Übrige in weiterer Entfernung. Cynthia: „Selbst im 70 Kilometer entfernten Flagstaff wären Sie von der Erschütterung auf die Knie gefallen.“

Meteor Crater (Bild: Stefan Weißenborn)

Meteor Crater (Bild: Stefan Weißenborn)

Die heute 168 Meter tiefe Beule aus dem All – auch Barringer Crater genannt -, bewundern rund 300 000 Besucher im Jahr von mehreren Aussichtsplattformen aus. Der Krater ist aufgrund der karger Vegetation in der Wüstenlandschaft besonders gut erkennbar und gilt als der besterhaltene. Sein Grund darf allerdings nur mit Sondergenehmigung oder zu Forschungszwecken betreten werden: So trainierten Nasa-Astronauten hier für die Apollo-Missionen.

Meteor Crater (Bild: Stefan Weißenborn)

Meteor Crater (Bild: Stefan Weißenborn)

Nördlinger Ries, Deutschland – besiedelter Krater

1960 gelang dem Geologen Shoemaker ein zweiter Coop, und zwar in rund 9000 Kilometer Entfernung. Er wies nach, dass vor 15 Millionen Jahren ein Meteorit im heutigen Bayern ein wahres Armageddon ausgelöst hatte: Der rund einen Kilometer breite Brocken riss eine vier Kilometer tiefe sowie 25 Kilometer kosmische Wunde in die Erdkruste: das heutige Nördlinger Ries am Rande der Schwäbischen Alb. Bei seinem Anflug legte der Klumpen aus dem All 15 Kilometer je Sekunde zurück. Riesige Gesteinsfetzen flogen beim Aufprall mehrere hundert Kilometer durch die Luft. In der damals subtropischen Gegend überlebte im Umkreis von 100 Kilometern weder Nashorn, Flusspferd noch Krokodil.

Nördlinger Ries (Karte: Bayerisches Landesamt für Umwelt)

Nördlinger Ries (Karte: Bayerisches Landesamt für Umwelt)

Eine 30 000 Grad heiße Glutwelle, die mit Überschallgeschwindigkeit über das Land raste, machte Allem den Garaus. Das war lange bevor der Mensch die Erde betrat. In der heute bewirtschafteten wie bewohnten Gegend lässt sich der Krater aufgrund seiner Größe und der starken Erosion nur noch aus der Luft erahnen, wenn man sich mit etwas Fantasie das Karo-Muster der Äcker wegdenkt. Der Kraterrand, ein Wall des ehemaligen Auswurfes, kommt in der Erscheinung einer bewaldeten Hügelkette daher. Der heutige Kraterboden, in dem auch die Stadt Nördlingen liegt, befindet sich 100 bis 150 Meter tiefer als das umgebende Plateau. Für mehrere Millionen Jahre war das Nördlinger Ries mit Wasser gefüllt und bildete einen der größten Seen Europas. Er bildete den Keim für das neu entstehende Leben. Im Rieskrater-Museum Nördlingen am Eugene-Shoemaker-Platz 1 kann Impaktgeschichte erforscht werden.

Vredefort-Krater, Südafrika – der vermutlich größte

Auch in Südafrika dachten die Menschen lange Zeit an einen vulkanischen Ursprung ihres Landstriches rund um die Kleinstadt Vredefort. Dem Vredefort-Dome im Zentrum des Kraters wurde nachgesagt, ein Lava speiender Berg gewesen zu sein. Sie ahnten nichts davon, dass in ferner Urzeit mit einem Schlag im Wortsinne Erdgeschichte geschrieben wurde: Vor über zwei Milliarden Jahren spielte ein gigantischer Himmelskörper Gott, als er die Erde in ihre wohl größte Kollision verwickelte. Der Einschlag hat mit großer Wahrscheinlichkeit der Evolution eine neue Richtung gegeben. Zurück ließ der vermutlich zehn Kilometer messende Meteorit ein Loch mit einem Durchmesser von 190 Kilometern. Es ist der größte Meteoriteneinschlagskrater, der je auf unserem Planeten entdeckt wurde – und der älteste. Die Multiring-Struktur der Region wurde 2005 von der UNESCO auf die Liste des Weltnaturerbes gesetzt. Auf der Website der Organisation ist nachzulesen, dass der Einschlag das Einzelereignis in der Erdgeschichte ist, das die meiste Energie freisetzte. Die Stadt Parys eignet sich gut für Trips in die Kraterlandschaft mit ihren Tälern, Klippen und Schluchten.

Vredefort Dome Area (Quelle: Southafrica.net)

Vredefort Dome Area (Quelle: Southafrica.net)

Carancas, Peru – der wohl jüngste

Am 15. September 2007 beobachteten Bauern nahe der Ortschaft Carancas im peruanischen Desaguadero-Distrikt nahe der bolivianischen Grenze einen hell leuchtenden Feuerball am Himmel. Sie ergriff die Sorge um ihre Lamas und Alpakas als sie Zeuge einer mächtigen Explosion wurden. Kurz danach stob eine pilzförmige Wolke gen Himmel. Es war das erste Mal in der Geschichte, dass mehrere Menschen Zeugen eines Meteoriteneinschlags wurden, verzeichnete das „Lunar and Planetary Institute“ in Texas später. Das vergleichsweise sehr kleine Himmelsgeschoss hinterließ einen Krater von etwa 15 Metern Durchmesser und fünf Metern Tiefe. Die Druckwelle schleuderte das losgelöste Gestein rund 350 Meter durch die Luft.

Für Wissenschaftler war der Impakt ein Glücksfall. Denn selten finden sie Meteoritenkrater vor, die noch frei von jeglichen Witterungseinflüssen sind. Der Carancas-Meteorit bildete sich vermutlich vor 4,5 Milliarden Jahren im solaren Nebel und klumpte mit anderen Kondensaten und Partikeln zu einem Brocken zusammen – es ist die Zeit als unser Sonnensystem entstand. Einige Bruchstücke wurden am Krater gefunden. Rund zehn Ansässige klagten nach dem Einschlag über Brechreiz und Kopfschmerzen. Ein Zusammenhang mit dem Impakt konnte jedoch nicht nachgewiesen werden.

Elgygytgyn-Krater, Sibirien – Zeitreise ins Klimaarchiv

In völliger Einsamkeit, nur umgeben von einer im Sommer von Flechten bewachsenen, welligen Landschaft des nordöstlichen Sibiriens liegt der Elgygytgyn-See. Nur heftige Winde wühlen ihn auf, bevor er wieder in einen Monate währenden eisigen Schlaf verfällt: Von November bis Juni ist er zugefroren. Von der Eisfläche aus werden dann Bohrungen möglich – eine weitere Chance für die Wissenschaft. Den Forschern geht es dann eine einzigartiges Zeitreise in die Klimageschichte unserer Erde: „Vermutlich ist in dem See die arktische Klimageschichte der letzten 3,6 Millionen Jahre gespeichert“, sagt Frank Niessen, Geologe am Alfred-Wegener-Institut. Seismische Untersuchungen zeigten, dass der Kraterboden mit einer etwa 350 Meter dicken Sedimentschicht bedeckt ist. Niessen: „Diese Ablagerungen wurden während keiner der vergangenen Eiszeiten durch Gletscher abgeschürft.“ Als „Klimaspeicher“ wurden sie also nicht „überschrieben“, denn seit der Vereisung der Nordhemisphäre waren sie tiefgefroren.

Elgygytgyn (Quelle: Alfred-Wegenr-Institut)

Elgygytgyn (Quelle: Alfred-Wegener-Institut)

Vor 3,6 Millionen Jahren war ein großer Meteorit aufgeschlagen. Er schuf den 18 Kilometer breiten Krater, der heute den 180 Meter tiefen See beherbergt. Erste Probebohrungen im Jahr 1998 förderten einen 13 Meter langen Bohrkern zutage, der bereits eine 250 000-jährige Zeitreise zulässt. Er geht der Forschung zufolge somit um doppelt so viel Zeit zurück wie der längste Eiskern aus Grönland.

Autor: Stefan Weißenborn, 17. Februar 2013

Information:

Meteor Crater (www.meteorcrater.com): Von Sedona und Flagstaff aus bieten mehrere Veranstalter Touren zu Krater an, darunter www.sedonaairtours.com

Vredefort-Dome: Touren und Unterkunft unter anderem dort: www.vredefortdome.net,  www.domeadventures.co.zawww.ingwenyatours.co.za

Elgygytgyn-Krater:  www.ecotours-russia.com

Meteor Crater (Bild: Daniel Aschoff)

Meteor Crater (Bild: Daniel Aschoff)

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