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Kulturpessimismus zwischen Cumuluswolken – Unterwegs mit Norwegian nach Malaga

Alles soll fortwährend schneller, größer und moderner werden. Vor allem aber muss es dabei immer billiger werden. So lauten die Dogmen unserer Zeit. Sie gestatten kaum noch Abwendung von Turbolkapitalismus, Renditewahn und Geiz-ist-geil-Mentalität. Und sie werden durch Digitalisierung und Globalisierung fortwährend beschleunigt. Im Privaten kann ich dem entgehen, indem ich mir ein computerfreies Wohnzimmer mit Holzofen einrichte, wo ich Musik ausschließlich von Vinyl und Texte nur in gedruckter Form konsumiere. Als Tourist oder Reiseautor aber sehe ich, wie potenzielle Erlebnisse mit wachsender Radikalität zu vorgefertigten Produkten transformiert werden. So ziemlich jedes Land außer der Schweiz, Liechtenstein und Andorra kann heute mit einem Kreuzfahrtschiff angesteuert werden. Risikofrei und überraschungsarm.

Ryanair11Gleichzeitig verspricht Ryanair einen mehr oder weniger kostenneutralen Transfer in jeden noch so entlegenen Winkel Europas. Sei es Santander oder Riga. Der Passagier muss lediglich gewillt sein, an Bord eine Losverkaufsschau und das augenkrebserregende Mobiliar zu ertragen. Und die Guerilla-PR, mit der sich CEO Michael O’Leary über die Konkurrenz lustig zu machen pflegt, die es einst gewohnt war, ihr Personal nach Tarif zu bezahlen.

Dabei ist nicht sein Geschäftsmodell das Beklagenswerte: Die Idee, mit der Boeing 737 vom einen Provinzflughafen den anderen anzusteuern, war und ist brillant. Auch würde ich den zum Trashigen neigenden Iren nicht an den Pranger stellen, weil er Flughafen-Managern davon überzeugt, zu seinen Gunsten Millionen zu investieren. Das sind sie schließlich selbst schuld.

Das Problem liegt viel mehr darin, dass seit dem Siegeszug von Ryanair alle anderen Airlines dem Erfolgskonzept hinterherhecheln. Was auf der Seite des Reisenden in der Praxis bedeutet: Ich muss für meinen Koffer nunmehr fast immer eine Art zweites Ticket lösen. Und ich bekomme an Bord in immer enger werdenden Sitzreihen weder Getränke noch Speisen.Oder, im Extremfall: Ich kaufe im Duty Free ein und muss dann 50 Euro für den Transport bezahlen, wie es einer Bekannten bei Ryanair passiert ist.

Mit all dem könnte ich mich abfinden, schließlich dauert ein Flug kein halbes Leben. Aber es widerstrebt mir. Weil ich die romantische Seite des Fliegens – ein Gin-Tonic mit Blick auf die Alpen – kennen und lieben gelernt habe. Vor allem aber, weil die unaufhörliche Steigerung des Kostendrucks stets zu Lasten des Personals geht. Dienstleistungsdrohnen, deren Ansprüche dem Renditebegehren der Investoren im Wege stehen.

Mit Norwegian nach Malaga7Aber ändert all das etwas an meinem eigenen Konsumverhalten? Natürlich nicht. Als ich auf der Suche war nach einem verlockenden Angebot für einen frühlingshaften Kurztrip, bin ich bei Norwegian gelandet. Die skandinavische Airline hat meinen Heimatflughafen in ihr Portfolio aufgenommen – und sie bot einen Trip ins rund 2000 Kilometer entfernte Malaga für 97 Euro an. Plus 16 Euro für meinen Koffer.

Ich habe gebucht, schließlich kann ich mich im Falle kritischer Nachfragen zu meinem ökologischen Fußabdruck bequem hinter meinem Bestreben verstecken, neue Stories für meinen Reiseblog zu benötigen. Tatsächlich aber gehöre ich auch zu der Generation, die den Markt auf den günstigsten Tagespreis überprüft. Zudem war ich auch gespannt, wie sich die Geschichte der sogenannten Billigflieger weiterentwickelt, nachdem ich kürzlich den CEO von SAS Deutschland über die Methoden der Konkurrenz habe klagen hören: Auf Langstrecken setzen sie kostengünstiges Personal aus Asien ein, was bisher wenig Aufsehen erregt hat. Und sie haben ihren Passagieren anfangs gar den Ausschank von Wasser verweigert, was den Boulevard sehr wohl interessiert hat und prompte Abhilfe zur Folge hatte.

In der Praxis, ich gestehe es, war der Flug mit Norwegian erstaunlich unspektakulär: Das Flugzeug, die auch von Ryanair bevorzugte Boeing 737-800, war bezüglich des Sitzabstandes geräumiger als manche Legebatterie der Konkurrenz. Das auf zwei Einheiten reduzierte Personal hat keine Verkaufsgespräche geführt. Allenfalls der mühsam auf Englisch radebrechende Pilot spanischer Herkunft hat mir bezüglich seiner Kommunikationsfähigkeiten ein wenig Sorgen bereitet.

Mit Norwegian nach Malaga3Dafür aber bietet Norwegian den Passagieren in der Luft kostenloses (und gut funktionierendes) W-Lan. Das ist weniger ein Symptom unserer Zeit, als viel mehr eine kluge betriebswirtschaftcliche Entscheidung: Die permanente Zufuhr von Einsen und Nullen ist unserer Generation wichtiger als ein mürbes Sandwich oder ein lauwarmer Tee. Außerdem handelt es sich bei der Ausrüstung der Maschinen um eine einmalige Investition, die den permanenten Kostenfaktor Catering aussticht.

Angesichts der unaufgeregten Ereignislosigkeit bleibt nur die Erkenntnis, dass Geiz-ist-geil im Mainstream angekommen ist und somit gewonnen hat. Ein für alle Male. Vorbei sind die Zeiten, da ich im Flieger augenzwinkernd eine zweite Mini-Flasche Gin erhalten habe, damit der Tonic den Geschmack nicht verdirbt. Dafür kann ich nun auf dem 180 Minuten langen Flug nach Malaga meine Social-Media-Accounts füttern. Was ich aber nur sparsam machen werde, weil ich immer ein gutes Buch dabei habe.

 Ralf Johnen, April 2014. Der Autor ist privat mit Norwegian nach Malaga geflogen.  

 

 

                

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