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Mein erstes Buch über Amerika: MERIAN momente Florida

Selbstverliebt und stilsicher: South Beach Miami ist und bleibt der schönste Stadtteil des Kontinents

Selbstverliebt und stilsicher: South Beach Miami ist und bleibt der schönste Stadtteil des Kontinents

Florida? Das ist doch dieses kulturlose Rentnerparadies, wo man auf dem Weg zu einem überteuerten Vergnügungspark ständig im Stau endet. An dieses Vorurteil muss ich zurückdenken, als ich bei den Recherchen für dieses Buch in einem kleinen, aber durchaus auffälligen Auto durch Palm Beach fahre.

Zunächst aber checken wir in der Hochburg der Tycoons ein: Palm Beach. Warum auch immer der Ort so heißen mag

Zunächst aber checken wir in der Hochburg der Tycoons ein: Palm Beach. Warum auch immer der Ort so heißen mag

Wir haben uns einen Gimlet im Hotel The Breakers gegönnt, einem dieser neomediterranen Paläste aus der euphorischen Gründerzeit Floridas, wo jederzeit die Charaktere aus der Serie „Mad Men“ an der Bar sitzen könnten.

Gimlet o'clock: Die Bar von "The Breakers" - heute ohne Roger Sterling

Gimlet o’clock: Die Bar von „The Breakers“ – heute ohne Roger Sterling

Als wir zurück in Richtung Hotel fahren, ist es dunkel, aber noch früh am Abend. Dann stehen wir tatsächlich im Stau. Als ich die Ursache erkenne, werde ich nervös: Ein Streifenwagen, dessen Personal hektisch mit den Armen rudert. Das ist wohl kein gutes Zeichen in den USA. Vor mir werden alle Wagen von der Straße in eine Einfahrt gelotst. „Jetzt haben sie dich“, denke ich nur.

Ein letzter Moment der Freiheit: Das Hotel "The Breakers" ist Ausgangspunkt für eine "Situation"

Ein letzter Moment in Freiheit?: Das Hotel „The Breakers“ ist Ausgangspunkt für eine „Situation“

Nach einer Rechtskurve aber weicht die von Jetlag beflügelte Paranoia der Realität: Ich werde mir langsam der Tatsache gewahr, dass wir uns auf einem dieser Milliardärsanwesen befinden, die wir zuvor im gleißenden Sonnenlicht aus dem Auto beäugt hatten. Das hier muss eine der berüchtigten Wohltätigkeitsveranstaltungen sein, die man als Tycoon an Freitagabenden halt so organisiert.

Steile Vorgabe: Ur-Tycoon Henry Morrison Flagler hat mit seiner Behausung die Stilvorgabe gemacht

Steile Vorgabe: Ur-Tycoon Henry Morrison Flagler hat mit seiner Behausung die Stilvorgabe gemacht

Und für uns gibt es kein Zurück: Ein livrierter Dienstbote reißt mit sichtbarer Geringschätzung die Tür unseres Kleinwagens auf, um mir eine Marke in die Hand zu drücken, mit der ich das Gefährt am Ende des Abends wieder auslösen kann. Mit einer Kladde in der Hand fragt er mich nach einer Banalität. „Your name, Sir?“

Nach dem Schreck vom Vorabend geht die Erkundgunstour weiter. Die Synonyme der Reiseindustrie für Palm Beach erspare ich euch

Nach dem Schreck vom Vorabend geht die Tour weiter. Die Synonyme der Reiseindustrie für Palm Beach erspare ich euch

Ich stammele, dass es sich hier offensichtlich um ein Missverständnis handele und ich nur ein harmloser Tourist aus Europa sei. Warum ich dann nicht einfach weitergefahren sei, möchte der Typ wissen. Eine berechtigte Frage. „Wahrscheinlich“, sage ich kleinlaut, „bin ich einfach überfordert mit den Gepflogenheiten Ihrer schönen Stadt“.

Von Palm Beach führt uns der Road Trip durch Florida nach Orlando - ein Ort, der nicht einfach zu verstehen ist

Von Palm Beach führt uns der Road Trip durch Florida nach Orlando – ein Ort, der nicht einfach zu verstehen ist

Sein Wissensdurst ist abrupt gestillt. Mit ein paar abfälligen Handbewegungen dirigiert er mich zum Hinterausgang. Soll ich doch sehen, wo ich bleibe. Später in dieser tropischen Nacht denke ich lachend an die Situation zurück: So etwas kann dir auch nur in Florida passieren.

In den Universal Studios treffen wir auf die Mannschaft des 1. FC Köln- hier Ersatztorwart Thomas Kessler und Marcel Risse

In den Universal Studios treffen wir auf den 1. FC Köln – hier Ersatztorwart Thomas Kessler und Marcel Risse

Monster und Manatees

So ein Vorfall hinterlässt seine Spuren. Daher will ich meinen Augen ein paar Tage darauf zunächst keinen Glauben schenken. Doch nach einer kurzen Inspektion steht fest: Es hat tatsächlich gefroren in der Januarnacht vor unserem Besuch in Wakulla Springs.

Highlight des viertägigen Marathons durch die Vergnügungsparks ist die Ankunft in Hogwarts. Nuff said.

Highlight des viertägigen Marathons durch die Vergnügungsparks ist die Ankunft in Hogwarts. Nuff said.

Auch das Kennedy Space macht Spaß - weil es weder Vergnügungspark noch artifizielle Parallelwelt ist

Auch das Kennedy Space macht Spaß – weil es weder Vergnügungspark noch artifizielle Parallelwelt ist

Bibbernd kratze ich die Scheiben frei. Gegen 9 Uhr stehen wir im Besucherzentrum des State Parks und blicken auf ein Filmplakat. Wir sehen ein Monster, das mir in meiner Kindheit üble Träume beschert hat: „Der Schrecken des Amazonas“.

Mit frischer Frisur aus dem Handgelenk eines Maitres in St. Augustine geht es in den Norden

Mit frischer Frisur aus dem Handgelenk eines Maitres in St. Augustine geht es in den Norden

Der Trash-Klassiker wurde nicht in Brasilien gedreht, sondern hier, im Norden Floridas. Mein mulmiges Gefühl weicht erst, als ich wenig später zum ersten Mal in meinem Leben Manatees sehe, die immer so gutmütig dreinblickenden Rundschwanzseekühe, deren Anblick alleine einen Trip in den Sunshine State wert ist.

Ein Manatee! Die knuffigen Geschöpfe genießen mittlerweile gehörige Wertschätzung

Ein Manatee! Die knuffigen Geschöpfe genießen mittlerweile gehörige Wertschätzung

Bis vor Kurzen allerdings sind die Amis meist achtlos mit ihren Motorbooten über die Manatees hinweggebürstet

Bis vor Kurzen allerdings sind die Amis meist achtlos mit ihren Motorbooten über die Manatees hinweggebürstet

So wie im Übrigen auch die Küstenlandschaft, die nur ein paar Kilometer weiter ihren Lauf nimmt. „Forgotten Coast“ nennen die Einheimischen diesen Teil des Sunshine State. Hier unterhalten sich die Menschen in einer fremdartigen Sprache, die rudimentär an Englisch erinnert. Für MERIAN momente Florida habe ich sie versucht zu dechiffrieren.

Natur - so weit das Auge reicht: St. Joseph Peninsula

Natur – so weit das Auge reicht: St. Joseph Peninsula

Die Ketten und Konzerne, die Amerika sonst beherrschen, sucht man vergebens. Zum Mittag kommen Austern aus dem Golf und kühles Bier auf den Tisch. Und die Strände auf den Barriereinseln sind von unverschämter Schönheit.

Karibischer Traum in Panama City Beach

Karibischer Traum in Panama City Beach

Kenner sagen: Je weiter man in Floridas Norden vordringt, umso besser lernt man den wahren Süden der USA kennen. Und der ist träge, altmodisch – und entsetzlich charmant.

Cheesegrits aus dem Famililienbetrieb statt Kettenware: Panama City Beach

Cheesegrits aus dem Famililienbetrieb statt Kettenware: Panama City Beach

Meilensteine auf dem Weg zur Metropole

Miami indes kann mit Betulichkeit nicht viel anfangen. Die Stadt ist heute rastloser denn je. Rundum die City ragen immer neue Wolkenkratzer in den Himmel.

Tropisch schwül und voller Energie: Miami erfindet sich ständig neu

Tropisch schwül und voller Energie: Miami erfindet sich ständig neu

Von Frank O. Gehry über Cesar Pelli bis zu Herzog & de Meuron dürfen hier die renommiertesten (und teuersten) Architekten der Welt ihre Visionen verwirklichen. Und South Beach, das gerade das erste, an Turbulenzen reiche Jahrhundert seiner Existenz vollendet hat, strahlt schöner und heller als je zuvor.

Ein Parkhaus als Sehenswürdigkeit: 1111 Lincoln Road

Ein Parkhaus als Sehenswürdigkeit: 1111 Lincoln Road

Die Stadt, so viel ist offensichtlich, ist immer noch jung. Dennoch beansprucht Miami im 21. Jh. eine Führungsrolle. Offiziell beschränkt sich die Zahl der Einwohner auf nur 420 000.

Street Art ist neuerdings state of the art in Wynwood

Street Art ist neuerdings state of the art in Wynwood

Der Großraum aber zählt rund sechs Mio. Menschen. Genug für den Status einer veritablen Metropole – und vielleicht auch zur Rechtfertigung jenes inoffiziellen Titels, den sich Miami schon jetzt verliehen hat: Die „Hauptstadt beider Amerikas“, wo Nord- und Lateinamerikaner zusammenfinden. Für eine leuchtende Zukunft.

Auch Wolf-of-Wall-Street-Typen fühlen sich wohl in dem wiederaufbereiteten Stadtteil

Auch Wolf-of-Wall-Street-Typen fühlen sich wohl in dem wiederaufbereiteten Stadtteil

Diese Ambitionen Miamis waren mir auch vor meinem jüngsten Besuch nicht fremd. Wohl aber habe ich nicht schlecht gestaunt, als mir beim Frühstück ein ortsansässiger Argentinier vom jüngsten Hype berichtet hat: Wynwood. Für MERIAN momente Florida habe ich den Stadtteil ausgiebig erkundet.

Auftrieb durch Kreative: Dieses Credo gilt neuerdings sogar für das einst hoffnungslose Downtown Miami

Auftrieb durch Kreative: Dieses Credo gilt neuerdings sogar für das einst hoffnungslose Downtown Miami

Hier haben sich bis vor wenigen Jahren kaum Einheimische und schon gar keine Touristen hin getraut. Nun aber habe er South Beach verlassen, um fortan dort zu leben. Weil sich in den Lagerhallen auf der anderen Seite der Biscayne Bay mehr als 70 Galerien niedergelassen haben und weil Street Art und Subkultur ein weniger oberflächliches Lebensgefühl zulassen. In Wynwood fühlt sich Miami ein wenig wie Berlin.

Von Downtown kann man nach Little Havana laufen - ich habe das als vermutlich erster Mensch auf Erden auch gemacht

Von Downtown kann man nach Little Havana laufen – ich habe das als vermutlich erster Erdbewohner gemacht

Karibische Küche und kubanische Kultur

Aber das ist nur eine von vielen Entwicklungen: So ist in Downtown mit dem Perez Art Museum ein Ausstellungshaus entstanden, in dem kühne Gegenwartskunst gezeigt wird. Und nur ein paar Blocks weiter entzückt Little Havana mit ungekünstelter Lebensfreude. Florida aber müht sich nicht nur erfolgreich, das Leben mit mehr Kultur zu füllen.

Die besten Figuren hingen natürlich in Little Havana ab. Eines haben sie alle gemein: Sie hassen Kuba und Che-Guevara-Romantiker

Die besten Figuren hängen in Little Havana ab. Eines haben sie alle gemein: Sie hassen Kuba und Che-Guevara-Romantiker

Auch in kulinarischer Hinsicht zahlt sich der immer neue Ehrgeiz aus. Die bisweilen ideenlose amerikanische Küche geht nunmehr bei hoher Produktqualität immer häufiger eine Allianz mit den frischen und würzigen Gerichten aus Lateinamerika und der Karibik ein.

South Beach kulinarisch - das ist eine Reise quer durch die Küchen Süd- und Mittelamerikas

South Beach kulinarisch – das ist eine Reise quer durch die Küchen Süd- und Mittelamerikas

Sogar beim Bier können Feinschmecker aus Zentraleuropa inzwischen nur anerkennend Beifall spenden: Gegen die Handwerkskunst und Experimentierfreude der Mikrobrauerei wirkt das heimische Pils schnell ideenlos. Meine Favoriten sind die herben und heftig gehopften IPAs (India Pale Ales).

Ein Lieblingsmoment: begegnung mit Delphin Flagler auf Grassy Key

Ein Lieblingsmoment: begegnung mit Delphin Flagler auf Grassy Key

All diese Entwicklungen machen einen Urlaub in Florida zu einer Entdeckungsreise. Gleichzeitig ändern sie nichts daran, dass meine persönlichen Lieblingsflecken Orte der Stagnation sind: Die 171 State Parks, die sich in allen Teilen des Sunshine State befinden, sind großartig. Hier ist Florida noch so, wie es vor 150 Jahren war. Unberührt, fragil, ein klein wenig unkalkulierbar und von erhabener Schönheit.

Mein Lieblingsort: Die "Old Bahia Honda Bridge"

Mein Lieblingsort: Die „Old Bahia Honda Bridge“

Zweifellos ist es machbar, Florida von einer festen Ausgangsbasis aus zu erleben. Wer aber den Sunshine State verstehen und in seiner ganzen Pracht erleben möchte, sollte eine klassisch amerikanische Reiseform in Erwägung ziehen: den Roadtrip.

Zum Thema Roadtrip: Der Beetle ist mir während der fünf Wochen in Florida ans Herz gewachsen

Der Beetle ist mir während der fünfwöchigen Recherche für MERIAN momente Florida ans Herz gewachsen

Hin zu den breiten Stränden im Nordosten und zu den verschlafenen Dörfern im Panhandle, hinein in das Paralleluniversum der Vergnügungsparks Orlandos, über den Overseas Highway bis nach Key West, auf zu den wunderbaren Inseln an der Golfküste und schließlich ins pulsierende Miami. Wer all dies auf sich einwirken lässt, wird nie wieder behaupten, Florida sei ein kulturloses Rentnerparadies.

Noch ein Lieblingsmoment: Begegnung mit einer Kolonie Weißpelikane in den 10 000 Islands

Noch ein Lieblingsmoment: Begegnung mit einer Kolonie Weißpelikane in den 10 000 Islands

Text & Bilder: Ralf Johnen, Oktober 2015. Der Text entspricht weitgehend dem Vorwort des gerade erschienenen Reiseführers MERIAN momente Florida. Mein Dank geht an alle Beteiligten, die das Projekt ermöglicht haben, insbesondere aber an Wibke Flegel-Wulf von Visit Florida.

Weitere Texte über Florida:

Der grandiose State park Wakulla Springs

Das bizarre Redneck-Millionärsstädtchen Naples

Just like Papa Hemingway: Ein Tag in Key West

Ein Parkhaus als Sehenswürdigkeit: 1111 Lincoln Road in South Beach Miami

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  1. Pingback: Meine Romanze mit der Redneck-Riviera: Panama City Beach - BOARDING COMPLETED

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