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Millionärsstadt mit Mehrwert: Mein Tag als Voyeur in Naples

Alltag in der Stadt der Reichen: Sonne, Strand und wenig Sorgen

Alltag in der Stadt der Reichen: Sonnenstuhl, Strand und wenig Sorgen

Naples? Langweilig! Das ist die gängige Meinung unter allen Leuten, die ich gefragt habe. Schließlich wurde hier in der Bevölkerung jüngst ein Durchschnittsalter von 62 Jahren diagnostiziert. Außerdem ist die Millionärsdichte grotesk hoch.  Und die gelten ja in unseren Kreisen nicht grad als die guten Kumpeltypen, mit denen man mal einfach so ein paar gelungene Tage abhängen könnte.

Standesgemäß: Zum Dinner geht es mit dem Rolls Royce

Standesgemäß: Zum Dinner fährt man mit dem Rolls Royce

In gewisser Weise haben meine Informanten denn auch Recht. Zum Shoppen würde ich ganz gewiss nicht nach Naples fahren. Aber streng genommen fahre ich nirgendwo zum Shoppen hin. Doch langweilig ist es hier ganz gewiss nicht. Der offen zur Schau gestellte Reichtum provoziert bei mir einen drastischen Voyeurismus, dem ich mich nur schwer entziehen konnte als ich im Januar einen Tag lang in Naples war.

Auf dem Bürgersteig zudinieren, heißt auch die Garderobe auszuführen

Auf dem Bürgersteig zudinieren, heißt auch die Garderobe auszuführen

Allerdings möchte ich beklagen, dass der Leihname in diesem Fall eine fast schon obszöne Verfehlung ist. Aber das nur am Rande. Tatsächlich kann es hier ganz inspirierend sein, mit einem Café Latte in der Hand unter Palmen zu sitzen und dabei die Leute zu beobachten – zumal es mit der 5th Avenue Coffee Company eine Alternative zum gleichgeschalteten Plazzhirschen gibt. Und sei es nur um festzustellen, dass dieses Städtchen mehr ist, als nur ein Golfküstenklischee.

Und sollte es abends mal unter 20 Grad sein, gibt es ja noch Heizpilze

Und sollte es abends mal unter 20 Grad sein, gibt es ja noch Heizpilze

Eine riesige Baustelle zum Beispiel, denn nirgendwo in Florida wüten die Entwickler wohlbehüteter Seniorensiedlungen so heftig, wie hier am Westrand der Everglades. Diese tragen wohlklingende Namen wie Hacienda Lakes, Sierra Meadows oder Verona Walk.

Auch die Galerien haben sich an den Geschmack der Millionäre aus dem Mittleren Westen angepasst

Auch die Galerien haben sich an den Geschmack der Millionäre aus dem Mittleren Westen angepasst

Von der Straße aus sieht man nicht viel mehr als die dazugehörigen Schilder, die meist auf einem Gebilde verewigt sind, die an überdimensionierte Grabsteine erinnern. Daneben steht dann noch eine Art toskanischer Pergola, die in Südflorida offensichtlich zum Baumarktsortiment gehört. Gelegentlich ergänzt ein kleiner Wasserfall das Portal zum artifiziellen Suburb, das nur Bewohner und ihre Besucher betreten dürfen. Dafür sorgt eine Art Pförtner.

Millionäre aus dem Mittleren Westen

Reiche Amerikaner lieben diese Art von Sicherheit. Fast alle hier stammen ursprünglich aus dem Mittleren Westen, wo man gottesfürchtig ist und Republikaner wählt. Die Ostküstenmillionäre halten sich dagegen lieber in Fort Lauderdale auf. Das überträgt sich auf bemerkenswerte Weise auch auf das Leben in Naples – und es scheint einen konservativen Hedonismus zu begünstigen.

Leute gucken: Das macht Spaß in Naples

Leute gucken und Palmen beobachten: das macht Spaß in Naples

Am Abend parkt man vor den glamourösen Restaurants der Fifth Avenue gerne seine Rolls Royce, um anschließend auf dem breiten Bürgersteig beim Dinner die Abendgarderobe zur Schau zu stellen. Sollte es dabei einmal weniger als 20 Grad sein, stehen Batterien von Heizpilzen parat. Nach Außenseitern oder Andersgesinnten wird man vergeblich suchen in Naples.

Modestia est signum sapientiae? Nicht in Naples. Hier ist Protz Trumpf

Modestia est signum sapientiae? Nicht in Naples. Hier ist Protz Trumpf

Tagsüber ist das Bild ein wenig anders. Bei meist makellosem Sonnenschein sitzen Seniorinnen mit renovierten Gesichtern und perfekten Frisuren in Begleitung ihrer Schoßhündchen im Schatten von Bismarck- oder Königspalmen, eine fast schon gespenstisch heile Welt, die man sich zuvor durch ein (erfolgreiches) Leben im garstigen Norden verdient hat. Hier, auf den Bürgersteigen der Fifth Avenue, wird noch Zeitung gelesen. Smartphones hingegen sieht man kaum. Ein Paralleluniversum mit hohem Unterhaltungswert.

Stars, Stripes und Immobilien: Die 5th Avenue in Naples

Stars, Stripes und Immobilien: Die 5th Avenue in Naples

Ganz davon abgesehen, habe ich ein verdammt gutes und gar nicht mal teures Curry gegessen bei Sushi Thai, einem Hybrid-Asiaten auf der Hauptgeldverschwendungsmeile, die hier passenderweise 5th Avenue heißt. Und gegen den Stadtstrand ist schon mal gar nichts einzuwenden: er genügt höchsten Ansprüchen – nur die Brandung könnte etwas mehr Temperament haben.

Sonnenschein + Geld = Lebensabend in Naples

Sonnenschein + Geld = Lebensabend in Naples

Geschlafen übrigens habe im motelartigen Marco Island Lakeside Inn. Das ganze Zimmer war strahlend weiß eingerichtet, komfortabel und mit einem Kühlschrank für mein Feierabend-IPA versehen. Die Insel gehört zu den 10 000 Islands, die ihrerseits wiederum zum Teil schon in den Everglades liegen. Am nächsten Tag habe ich eine formidable Bootstour unternommen. Was ich da genau erlebt habe, erzähle ich andermal.

Herzzerreißend schön: Der Blick vom Privatstrand meines Inns

Herzzerreißend schön: Der Blick vom Privatstrand meines Inns

Informationen:

Marco Island Lakeside Inn, Marco Island (etwa 20 Minuten entfernt von Naples) im Sommer ab 139 $ pro Zimmer

Sushi Thai (für den Namen kann ich nichts), 898 5th Avenue, Naples

Guten Kaffee – und einen Stuhl unter einer Palme – gibt es bei 5th Avenue Coffee Co, 599 5th Avenue

Im September erscheint mein Reiseführer über Florida in der Reihe Merian Momente.

Text und Bilder: Ralf Johnen, August 2015.

Die Reise wurde unterstützt von Visit Florida und vom Naples/Marco Island/Everglades Convention & Visitors Bureau.

Weitere Florida-Geschichten:

Key West

Lincoln Road, Miami Beach

Wakulla Springs

 

Der Autor bei den Recherchen für die nächste Geschichte, die in den 10 000 Islands spielt

Autor Ralf Johnen bei den Recherchen für die nächste Geschichte, die in den 10 000 Islands spielt

 

 

 

 

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