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Mit Van Gogh im Nationalpark: Radfahren in der Hoge Veluwe

Im Nationalpark Hoge Veluwe sind Natur und Kultur gleichberechtigt. Das Jagdhaus von Berlage setzt voll aus Symmetrie

Im Nationalpark  sind Natur und Kultur gleichberechtigt. Auch das Jagdhaus von Berlage setzt auf Symmetrie

Einen Nationalpark mit dem Fahrrad erkunden? Das klingt nach einer wochenlangen Tour und nicht unerheblichen Gefahren durch wilde Tiere. Zumindest wenn sich dieses Naturreservat in, sagen wir, Kanada oder Tansania befindet. In den Niederlanden aber ist fast alles ein bisschen kleiner. Und so habe ich für den Nationalpark Hoge Veluwe nur zwei halbe Tage eingeplant. Man könnte es auch den besseren Teil eines Wochenendes nennen.

Eine Landschaft fast wie in Afrika - nur dass hier Eichen oder Kiefern als Solitäre in Erscheinung treten

Eine Landschaft fast wie in Afrika – nur dass hier Eichen oder Kiefern als Solitäre in Erscheinung treten

Mit »echter« Wildnis rechne ich denn auch am Eingangsportal in Hoenderloo nicht. Tatsächlich ist das 55 Quadratkilometer große Areal sorgfältig eingezäunt und eine akkurat gezogene Allee aus Amerikanischen Eichen führt zum Besucherzentrum. Anders als in der Serengeti oder im Yellowstone aber muss ich dort nicht mit dem Geländewagen hinfahren. An jedem der drei Eingänge stehen Hunderte weißer Fahrräder parat. Kostenlos und ohne Schloss.

Das Wollgrad zeigt: Die Trockenheide wird von Feuchtheide abgelöst

Das Wollgras deutet darauf hin: Die Trockenheide wird von Feuchtheide abgelöst

Ich entscheide mich für einen kleinen Rundkurs durch die Natur. Gut 40 Kilometer autofreier Radwege führen durch den Park. Erst durch einen Mischwald, der bald einer Heidelandschaft weicht. Der Boden wird nun von Pfeifengras bedeckt, nur gelegentlich baut sich am Horizont eine knorrige Kiefer auf, die hier ausreichend Platz genießt, um ihre Zweige in sicherem Abstand zum Stamm auf dem Boden abzulegen. Langsam erinnert die Szenerie tatsächlich ein wenig an – Afrika.

Die Gewässer haben sich in der letzten Eiszeit gebildet

Die Gewässer haben sich in der letzten Eiszeit gebildet

Plötzlich sehen wir immer mehr kleine Gewässer, die das Land in schneller Abfolge durchziehen. Ein sicherer Indikator sind die weißen Farbtupfer des Schmalblättrigen Wollgrases, die an den Ufern das Grau des heutigen Tages durchbrechen.

Das weitgehend flache und autofreie Terrain eignet sich vorzüglich für den muskelbetriebenen Individualverkehr

Das weitgehend flache und autofreie Terrain eignet sich vorzüglich für den muskelbetriebenen Individualverkehr

Auf dem Stamm einer abgestorbenen Kiefer lege ich eine Pause ein. Der Baum erweckt den Eindruck, als wäre er von einer Windhose oder anderen Kräften hier abgelegt worden, denn er befindet sich inmitten einer Sandfläche, die so groß ist wie ein paar Dutzend Fußballfelder. Der Land Rover von Parkranger Henk Ruseler könnte, je nach Blickwinkel, auch in der Wüste stehen.

Holland oder Dubai? Die Perspektive bietet Interpretationsspielraum

Holland oder Dubai? Die Perspektive bietet Interpretationsspielraum

Henk ist einer von nur zwei Menschen, die innerhalb der Grenzen des Nationalparks wohnen. »So viele unterschiedliche Landschaften auf so engem Raum«, sagt er, »das ist schon etwas Besonderes«. Bis zu 20 Meter hoch sind die Wanderdünen in der Hoge Veluwe. Hier, im Dreieck zwischen Apeldoorn, Amersfoort und Arnhem leben korsische Wildschafe, Hirsche, Wildschweine und jede Menge Raubvögel. Fast alle können an Wildständen mit Hilfe von Ferngläsern beobachtet werden, am besten am frühen Abend.

Paradiesische Zustände: 1800 weiße Fahrräder stehen kostenlos zur Verfügung

Paradiesische Zustände: 1800 weiße Fahrräder stehen kostenlos zur Verfügung

Übernachtung in der Modestadt Arnhem

Hotels oder Herbergen gibt es im Park nicht, wohl aber könnte ich zelten. Ich entscheide mich jedoch für einen Abend in Arnhem, eine Stadt, die ich nicht sonderlich gut kenne, obwohl ich bei fast all meinen Bahnreisen in die Niederlande hindurchgefahren bin. Hunderte Male.

Die Stadt rühmt sich, wie meine Heimat Köln am Rhein zu liegen. Diese Behauptung aber führt leicht in die Irre, denn der Fluss hat hier bereits große Teile seiner Wassermassen an den Seitenarm Waal verloren. Der Strom also mag hier schmal erscheinen, was aber nichts an der Tatsache ändert, dass sich nördlich des Ufers eine überraschend quirlige Stadt entfaltet. Arnhem ist Heimat einer Kunsthochschule für Mode und Design, was sich im Stadtbild im Form vieler kreativer Boutiquen und maßvoll hippen Bewohnern niederschlägt. Am späten Abend entdecke ich das Cafe Tape, wo die lokale Elite zwischen 50er Jahre-Möbeln IPA trinkt. Als der DJ »Cut your Hair« von Pavement auflegt, beschließe ich: Hier ziehe ich ein.

Parkranger Henk hat wenig Verständnis für Leute, die sich beim Van-Gogh-Museum in Amsterdam anstellen

Parkranger Henk hat wenig Verständnis für Leute, die sich beim Van-Gogh-Museum in Amsterdam anstellen

Am nächsten Tag fahre ich zurück in den Nationalpark. Heute steht hier Kultur auf dem Programm – und ich bin erst einmal skeptisch. Wenn mir auf Reisen die Kombination der beiden »tur«-Wörte angekündigt wird, handelt es sich meist um artifizielle Tourismusprodukte zur Umsatzsteigerung.

Die Sammlung Helene Kröller-Müllers wird von vielen als die Bedeutendste Van-Gogh-Kollektion gesehen

Die Sammlung Helene Kröller-Müllers wird von vielen als die Bedeutendste Van-Gogh-Kollektion bewertet

Im Jagdhaus der Familie Kröller-Müller aber werde ich schnell eines besseren belehrt. Das gesamte Areal des heutigen Nationalparks wurde im frühen 20. Jahrhundert vom Unternehmerpaar Anton Kröller und Helene Kröller-Müller aufgekauft und später gestiftet. Sie war die Tochter eines deutschen Stahlproduzenten, die sich fast schon fanatisch für zeitgenössische Kunst interessierte. Er entstammte einer Reedereifamilie aus Rotterdam. Gemeinsam waren beide vorübergehend reicher als das niederländische Königshaus.

Der Autor vertieft sich in die Kunst des Kartoffelessens

Der Autor vertieft sich in die Kunst des Kartoffelessens

Ihre Geschichte bietet Stoff für Romane, doch um es kurz machen, ist der Nationalpark Hoge Veluwe wie er heute existiert, ihr gemeinsamer Verdienst. Die Hochkultur der Moderne hat hier auf fast natürliche Weise Einzug erhalten. So haben die Kröller-Müllers für den Bau des Jagdhauses St. Hubertus den niederländischen Stararchitekten Hendrik Petrus Berlage engagiert. Zudem hat Helene eine der weltweit bedeutendsten Kunstsammlungen der Epoche zusammengekauft. Beides habe ich mir heute anzusehen vorgenommen.

Die Farbkompositionen Berlages spieglen die natürliche Umgebung wider - heute würde man sagen: das Terroir

Die Farbkompositionen Berlages spieglen die natürliche Umgebung wider – heute würde man sagen: das Terroir

Wieder schnappe ich mir eines der 1800 kostenlosen Fahrräder, um zunächst an einer Führung durch das Berlage-Haus teilzunehmen. Erst als ich mich dem Bau nähere, schwant mir: das hier dürfte zu den spektakulärsten Bauten gehören, die ich je gesehen habe. Ein Backsteinhaus an einem See mit zwei symmetrischen Flügeln, die von einem trutzigen Turm überragt werden. Wes Anderson könnte sich für seinen nächsten Film kein geeigneteres Setting ausmalen.

Das Jagdhaus der Kröller-Müllers wurde zum Alterswohnsitz der Familie, als diese in finanzielle Schwierigkeiten geriet

Das Jagdhaus der Kröller-Müllers wurde zum Alterswohnsitz der Familie, als diese in finanzielle Schwierigkeiten geriet

Die Inneneinrichtung zeugt von Pioniergeist, erlesenem Geschmack – und einem ungeheurem Vermögen. Ähnlich und doch anders als der große Frank Lloyd Wright, hat sich Berlage den Prinzipien der organischen Architektur verschrieben, fast all seine Materialien aus der Umgebung bezogen, rohe Stahlträger integriert und bis zum letzten Möbelstück alles selbst entworfen. Ja, er gehorcht den Prinzipien der Neuen Sachlichkeit, aber das Haus ist auch auf abgefahrene Weise versponnen.

Im 37 Meter hohen Turm des Anwesens pflegt die Dame des Hauses ihren Tee einzunehmen - nicht jeden kümmert das

Im 37 Meter hohen Turm des Anwesens pflegt die Dame des Hauses ihren Tee einzunehmen – nicht jeden kümmert das

Während eines Spaziergangs um den See erneuere ich meine Aufnahmefähigkeit, so dass ich nach dem Velo-Transfer hellwach am Kröller-Müller-Museum ankomme. Die Worte von Parkranger Henk habe ich nicht vergessen: »Es ist ein Witz, dass Tausende Menschen sich stundenlang vor dem Van-Gogh-Museum in Amsterdam anstellen. Da hängen nur die Leftovers.« Alles andere habe Helene Kröller-Müller gekauft.

Die Sammlung ist formidabel - einzig die Rahmen stören mich. Sie erinnern mich an Ikea

Die Sammlung ist formidabel – einzig die Rahmen irritieren mich. Sie erinnern mich an Ikea

Nachdem eine Schulklasse lärmend abgezogen ist, stehe ich de facto fast alleine im Museum. Auf bemerkenswerte Weise gehorcht dieses ebenfalls den Prinzipien der modernen Architektur, denn es kommt ausschließlich mit Naturlicht aus. Ich frage mich kurz, was das wohl im Winter für einen Effekt haben mag – danach stürze ich mich auf die Werke des tragischen Genies. Erst das düstere Frühwerk, dann die enthusiastische Phase in der Provence. Schließlich entdecke ich einen alten Favoriten, die »Caféterrasse bei Nacht«. Das Bild habe ich 2009 schon einmal im Van-Gogh-Museum gesehen – als Leihgabe.

Im Kröller-Müller-Museum hängen keineswegs nur Van Goghs

Im Kröller-Müller-Museum hängen keineswegs nur Van Goghs. sondern auch anderer schräger Stoff

Den Skulpturenpark, der sich hinter dem Museum ausbreitet, schaffe ich nicht mehr. Das Haus schließt wie fast überall in den Niederlanden um 17 Uhr. Eine merkwürdige Uhrzeit. Versonnen drehe ich noch eine Runde auf dem Rad. Dabei frage ich mich, wie ich diesen zauberhaften Ort bisher ignorieren konnte.

El Bloggerino ruht auf den Überresten einer Kiefer

El Bloggerino ruht auf den Überresten einer Kiefer

Radfahren in der Hoge Veluwe:

Der Nationalpark ist vom Ruhrgebiet mit dem Auto bequem in anderthalb Stunden erreichbar. Wer in Arnhem ein Rad mietet, kann auch den ICE von Köln, Düsseldorf, Duisburg oder Oberhausen nehmen (Fahrtzeit zwischen 45 und 100 Minuten).

Zum Radfahren in der Hoge Veluwe ist der Nationalpark täglich geöffnet, am längsten in den Monaten Juni und Juli (8 bis 22 Uhr). Der Eintritt kostet 9,15 Euro (4,60 Euro ermäßigt), für ein Auto kommen 6,50 Euro hinzu. Die 1800 weißen Fahrräder dürfen umsonst benutzt werden.

Wer beim Radfahren in der Hoge Veluwe das Kröller-Müller-Museum besuchen möchte, kann dies tgl. außer montags von 10 bis 17 Uhr. Dies geht nur in Kombination mit einer Tageskarte für den Park, was in der Summe 18,30/9,20 Euro kostet.

Führungen durch das Jagdhaus St. Hubertus werden regelmäßig angeboten (45 Minuten, 4 Euro).

www.hogeveluwe.nl/de

Für den Aufenthalt in Arnhem empfehle ich das Hotel Modez, dessen Zimmer individuell von Designern eingerichtet wurden. Lecker gegessen habe ich im Restaurant Bij Luthers (Luthersestraat 7), für die Stunden danach drängt sich das Café Tape (Hommelstraat 66) auf.

Text & Bilder: Ralf Johnen, Mai 2016. Die Geschichte über den Nationalpark Hoge Veluwe ist in Kooperation mit dem Niederländischen Büro für Tourismus & Convention (NBTC) entstanden und ist Teil der Kampagne www.lekkerradeln.de

 

3 Kommentare

  1. Ich LIEBE dieses Museum. Wunderschöne Kunst ohne Gedrängel. Und der Skulpturengarten ist traumhaft und riesen groß. Man muss wirklich viel Zeit (und gute Schuhe) mitbringen.
    Schöner Artikel, erinnert mich daran unbedingt mal wieder hinzufahren.
    LG Simone

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    • Ja, Simone. Es gibt immer wieder sehr überraschende Orte in diesem kleinen Land. Bin gespannt, was als nächstes auf mich wartet. Groetjes, RJO

      Antworten

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