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Papierslip an und ab ins Heu – Spontanheilung in Südtirol

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Die Maschine springt an, und es beginnt zu röcheln, wie eine Kaffeemaschine kurz vor dem Ende hört sich das an. Sie pumpt Wasserdampf durch einen Schlauch, 38 Grad warm, der ein Bett aus Heu befeuchtet, das in 2800 Metern gemäht wurde und jetzt auf einer Liege ausgebreitet daliegt. Mir wurde ein Papierslip gereicht.

Wellness-spärlich bekleidet legte ich mich auf das Heu, wurde auch von oben mit den getrockneten Gräsern, Blüten und Kräutern bedeckt, die nun auf meiner Haut kitzeln. Weil Verena, die weißgekleidete Kosmetikerin, zwei Holzbügel über mir ausbreitete, die sie als letzte Schicht mit einer dicken Wolldecke bedachte, stecke ich  bis auf den Kopf in einer Art Kammer, die immer heißer wird. Langsam beginnt der Schweiß zu rinnen. Es riecht nach Heu.

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Was ich hier praktiziere, ist etwas, was die Almbauern der Gegend in seinen Ursprüngen wohl im 17. Jahrhundert entdeckten, als sie sich nach einem Tag harter Arbeit mit geschundenen und schmerzenden Knochen zum Schlafengehen ins eben gemachte Heu legten. Als sie morgens aufwachten, fühlten sie sich eigenartig erfrischt, weit mehr als eine Nachtruhe im Alltag der Almbauern hatte erhoffen lassen. Keine Zipperlein mehr, neuer Tatdrang. Wie man später herausfand, zeigten die ätherischen Öle im Heu ihre Wirkung.

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Ein „Heubadl“, zu nehmen, wie man im Gsiesertal oder sonstwo in Südtirol sagt, ist Teil einer Tradition, die derzeit einen Auftrieb erlebt. Noch vor einigen Jahren gab es kaum ein Hotel oder einen Gasthof, wo man besondere Betonung auf die alten Badegepflogenheiten legte, wenn man sie überhaupt anbot. In den Wellness-Menüs ganz oben standen Lomi-Lomi-Massagen aus Hawaii oder die Behandlung mit heißen Steinen, Hot Stone Massage genannt und schamanistischer Herkunft. Exotik war angesagt unter den Touristen im Land der Lederhosen und Latschenkiefern.

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Methoden aus Asien oder Übersee bietet man zwar immer noch an, weil „es die Gäste so wünschen“, sagt Manuel Steinmair, Verenas Chef und der Junior im „Hotel Quelle“ im Gsieser Tal. Doch dass auf Schildern im Tal, die auf Wanderrouten, Unterkünfte oder anderes Touristisches hinweisen, hier und da auch das Wort „Heubadl“ zu lesen ist – das war nicht immer so.

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„Seit fünf oder sechs Jahren wird die alte Badl-Tradition wieder entdeckt“, sagt Steinmair. So bietet allein im kleinen Tal neben dem „Hotel Quelle“ etwa auch die „Natur Residenz Blaslerhof“ das kitzelige Vergnügen, das bei mehrfacher Anwendung Linderung von rheumatischen Beschwerden und Muskelverspannungen verspricht. Das Hotel wirbt mit den Worten: „Das Heubad wirkt belebend, entgiftet, stärkt das Immunsystem, hilft bei Problemen des Bewegungsapparates und fördert das allgemeine Wohlbefinden.“ Mit der Wiederbelebung der Tradition, einer Wellness-Kultur, die gepflegt wurde, bevor Wellness global als Werbeschlagwort instrumentalisiert wurde, besinnt man sich der eigenen Wurzeln.

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Was „regional kaufen“ beim Essen bedeutet findet seine Entsprechung im Wellness-Sektor. So werden etwa auch Molkebäder mit der Milch von Stuten aus der Region oder Latschenkieferbäder angeboten, die man traditionell auf heißen Kieferzweigen nimmt, heute aber größtenteils mit Extrakten zubereitet.

Nach 20 Minuten des Röchelns und Entspannens quietscht die Türklinke. Verana kommt wieder rein. Endlich wieder ein Mensch, ich starre jetzt schon lang genug auf die Holzbalken an der Decke und die Heugabel an der Wand. „Wir geht es Ihnen?“ „Gut.“ Dann ein Niesen. Verana hat Heuschnupfen. „Das Badl-Heu wirds nicht sein“, sagt Verena. Denn das Heu aus alpinen Höhen gilt als nur wenig allergen.

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Das Gsieser Tal liegt auf um die 1440 Metern sanfthügelig im Schatten des bekannten Pustertals. Es gibt noch viele alte Erbhöfe mit Feuer- und Futterhaus, zum Wohnen und Versorgen des Viehs. Sie dürfen gemäß Denkmalschutz nicht mehr verändert werden. Auf den Wiesen wird das Heu noch von Hand zusammengepfercht, die Milchwirtschaft ist einer der größten Geldbringer, auf 2200 Einwohner kommen 2500 Kühe.

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Das Tal ist ursprünglich geblieben“, sagt Steinmair, auch wenn es keine Kornmühlen mehr gebe, bis auf eine alte stillgelegte. Und das Tal ist eine Sackgasse die zum Talschluss hin in einem Kreisverkehr endet. Es gibt Wanderrouten aller Schwierigkeitsgrade, die einen an Orte bringen, von wo aus man die berühmten Drei Zinnen der Dolomiten in der Ferne erpichen kann. Und von überall im Tal zeigt sich bei Schönwetter im Norden der scharfkantige Seekofel (2810 Meter) und seine benachbarten Massive.

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Im Winter ist mangels Liften nicht Ski alpin, sondern Langlauf auf einem Loipennetz von 240 Kilometern und Schneeschuhwandern der große Volkssport. Kurzum, das Tal ist hübsch, vielleicht sogar hübscher als andere und verschlafen, und doch droht eine Gefahr in der Erde, die sich allerdings schlimmer anhört, als sie ist: Radioaktivität.

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Südtirols Erde ist reich an Radon, einem leicht radioaktiven Edelgas. „Es gab einen Zwischenfall in einer Schule unten im Tal“, erinnert sich Hotelier Steinmair. Schüler einer Klasse hatten vermehrt über Kopfschmerzen geklagt, und man entdeckte, dass die Schule nicht gut isoliert war. „Im Keller wurde nachgebessert.“

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Auch die Familie Steinmair muss jedes Mal Messungen durchführen lassen, wenn das „Hotel Quelle“ erweitert wird. Von sieben Zimmern im großelterlichen Betrieb des Jahres 1950 hat das Haus dank eines großen Saunabereichs Vier-Sterne-Superior-Niveau erreicht und ist auf 75 Zimmer angewachsen. Bei jedem Erweiterungsbau wurde offiziell die Strahlung ermittelt.

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Das Wasser der Hausquelle entspringt im Weinkeller und fließt durch alle Leitungen, durch Duschköpfe, Wasserhähne und Gartenschläuche, und ist so wohlschmeckend, dass es am Abend während des Vier-Gang-Dinners in Glaskaraffen gereicht wird. Doch radonhaltig ist es nicht. Und damit ist es für die Gegend ein ganz normales, wenn auch gutes Wasser, denn Quellen gibt es viele.

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Wer jedoch nur 40 Kilometer um die Hügel herum ins benachbarte Antholzer Tal kurvt, kann in radioaktiver Brause ein Bad nehmen. Erika Auchentaller, 75 Jahr alt und so fit, dass sie beim Treppensteigen stets zwei Stufen auf einmal nimmt, besitzt als Dame des Hauses im Hotel „Bad Salomonsbrunn“ (Bagni di Salomone) die Konzession für eine Quelle, deren mit Radon angereichertes Wasser eine gewisse Strahlung aufweist. „Der Geigerzähler wird narrisch, wenn sie ihn dran halten“, sagt Auchentaller.

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Ihre Fitness schreibt Auchentaller der Tatsache zu, dass sie selbst regelmäßig badet. „Das Wasser wirkt Wunder“, sagt sie. Ihren Hotelgästen berechnet sie 22 Euro Euro pro eingelassener Wanne. Gebadet wird bei 37 Grad Wassertemperatur, 20 Minuten lang atmet man radonhaltige Dämpfe. „Danach müssen Sie doppelt so lange ruhen“, empfiehlt Auchentaller, „man sollt erst aufstehen, wenn manch nicht mehr schwitzt, sonst erkältet man sich.“

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Die drängendere Frage aber ist: Schadet die Radioaktivität dem Menschen nicht? „Bedenken braucht man nicht haben“, versichert Auchentaller. Sie erläutert: „3,8 Tage braucht Radon, um in Schwermetall zu zerfallen, und das wäre dann sehr ungesund. Vier Stunden nach dem Bad hat man aber kein Radon mehr im Körper.“

In dieser Zeit tut das Edelgas offenbar nur Gutes.

„Ich vergleiche es immer mit der Homöopathie, mit der minimalen Einnahme von Giften. Das Wasser fördert die Durchblutung, Gifte und Schlacken werden in Bewegung gesetzt, es wirkt schmerzlindernd und abschwellend.“ Vergleichbar sei das Wasser mit dem in Bad Gastein im Salzburger Land in Österreich, dem als Monte Carlo der Alpen bekannten Ort.

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Ein Horror ist, dass wir unsere Ware nicht mit den Worten bewerben dürfen, die geeignet wären“, schimpft Auchentaller. Denn wissenschaftliche Studien zur Wirkung der Wasser gebe es nicht. „Wir dürfen nichts versprechen und nicht sagen, dass es gesund macht.“ Medizinische Studien durchzuführen, sie viel zu teuer. Und dass ein Pharmaunternehmen in einem Anfall von Altruismus einspringt – darauf kann Auchentaller lange warten.

Und so gibt es eine Menge Anekdoten, auf die man sich seinen Reim machen kann. Ein „Italiener“ sei einmal zu Gast gewesen, und allem Anschein nach lag es an ihm und nicht seiner Frau, dass die beiden keine Kinder bekommen konnten. „Er hat zehn Bäder runtergeradelt, wie wir in Südtirol sagen. Und dann an einem 13. September kam der Anruf mit der schönen Nachricht.“

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Die schönste Geschichte aber hat mit der kleinen Kapelle zu tun, die hinter dem Hotel auf einer Wiese am Hang unweit der Quelle steht. Auf dem Weg dorthin fragt mich die Hotelbetreiberin: „Sind Sie sportlich?“, und hat sich auch schon über ein Gatter geschwungen. „1559 wurde unser Bad das erste Mal erwähnt“, sagt sie, als es weiter durch hohe Halme auf ein paar Bäume zugeht.

In ihrem Schatten liegt ein kleiner Tümpel mit ein paar Felsbrocken darin, gespeist wird er von der Quelle, die weiter hinten unter den Büschen versteckt liegt. „Wissen Sie, die Kapelle dort drüben ist von 1776. Die Besitzer des einstigen Badehauses erbauten sie zum Dank an die Mutter Gottes – weil das regelmäßige Baden ihnen die Geburt von Drillingen beschert hatte.“

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An solche Begebenheiten kann man glauben oder nicht – doch der Glaube ist traditionell mit der Badl-Kultur verbunden. „Wo ein Bad war, war auch immer eine Kapelle. Beten gehört zum Baden“, sagt Auchentaller. Bei aller Rückbesinnung auf das Alte, mit einem Angebot hatte die Herrin über Bad Salomonsbrunn keinen Erfolg: „Zur Badekur habe ich ein Zeit lang Gottesdienste angeboten.“ Doch dies stellte sie mangels Nachfrage nach einiger Zeit wieder ein.

Informationen:

Anreise:
Mit dem Auto ab München über die Brennerautobahn in vier Stunden (knapp 300 Kilometer). Nach der Abfahrt Brixen-Pustertal Richtung Bruneck geht es weiter in Richtung Gsiesertal.

Die beiden nächstgelegenen Flughäfen sind Innsbruck und Bozen. Sie werden von verschiedenen Fluggesellschaften wie Airberlin, Lufthansa und Germanwings angeflogen.

Mit dem Zug reisen Urlauber über Innsbruck und den Brenner nach Franzensfeste. Hier ist einmal Umsteigen nötig, um über Bruneck und Olang bis Welsberg zu gelangen. Von dort sind es bis in die Täler jeweils gut zehn Kilometer.

Unterkunft:
Im Gsiesertal im Vier-Sterne-Superior „Hotel Quelle“ kostet die Nacht p.P. im Doppelzimmer ab 115 Euro. Enthalten sind Frühstücksbuffet, Lunch-Buffet mit Salaten, Suppen und Kuchen, ein bis zu siebengängiges Dinner sowie der Eintritt zum Sauna- und Badebereich. Ein Heubad kostet 52 Euro. Im Drei-Sterne-Hotel „Bad Salomonsbrunn“ in Antholz kostet das Doppelzimmer p.P. ab 55 Euro (Halbpension). Ein Radonbad wird mit 22 Euro berechnet.

Auskunft:
http://www.suedtirol.info/de/
Weitere Infos zur Badl-Tradition unter www.badlkultur.it

Text und Bilder: Stefan Weißenborn. Der Autor war auf Einladung des „Hotels Quelle“ und „Bad Salomonbrunns“ auf Recherche.

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