Galerie
1 Kommentar

Rock da Hausboot – Endlich führerscheinfrei! (Teil 1/2)

IMG_4321 Kopie

„Wer ist der Skipper?“, fragt Walter Kussmaul. „Ich“, sage ich und drehe den Zündschlüssel im Führerstand des Hausbootes. Der 60-PS-Dieselmotor springt an, Kühlwasser beginnt aus den Öffnungen zurück in den See zu sprudeln. Langsam schiebt sich die „Supreme“ aus der Parklücke.

Wir, das sind mein Mitreisender Sven und unser Einweiser Walter Kussmaul, tuckern los in Richtung alter Steinhavel, wo ein Wendemanöver auf engstem Raum geübt werden soll. Die Aktion ist ein Praxistest, bei dem wir belegen müssen, dass wir auch ohne Sportbootschein in der Lage sind, einen 11,50-Meter-Kahn zu führen.

„Dreh am besten galant nach rechts“, sagt unser Einweiser, „das klappt besser wegen der rechtsdrehenden Schraube.“ Denn deren Laufrichtung bewirke, dass das Heck beim Rückwärtsfahren nach links driftet. Das hat einen entscheidenden Vorteil: Schlägt man das Ruder voll nach steuerbord ein, kann man es dort lassen und nur noch voraus und zurück fahren. Und siehe da: Das Wendemanöver klappt, und zur Not gibt es ja noch das Bugstrahlruder. Wir sind bereit.

lh

Dass wir als unerfahrene Bootsführer ein vergleichsweise großes Schiff eigenverantwortlich fahren dürfen, macht die Charterbescheinigung möglich, die im Jahr 2000 eingeführt wurde. Sie berechtigt zum Führen eines maximal 15 Meter langen Bootes, das nicht schneller als 12 km/h gefahren werden darf und wird nach einer ausführlichen Einweisung ausgestellt, die mindestens drei Stunden dauern muss.

Los geht die Tour beim Verleih River Boating Holidays in Fürstenberg (Havel), das Städtchen gilt als südliches Tor zur Kleinseenplatte. Die „Supreme“, ein über alles 11,50 Meter langes und 3,70 Meter breites Hausboot mit Schlafplätzen für maximal drei Personen, liegt im Röblinsee am Anleger der Charter-Basis. Der Bootskörper ist bis zum Deck in warmem Rot lackiert, der Aufbau ist weiß, einmal rund herum läuft ein dickes Tau, das dem Schiff einen klassischen Look gibt.

IMG_4139 Kopie

Verbaut aber ist moderne Technik: Die Ruderanlage funktioniert hydraulisch, die elektrische Ankerwinsch kann vom Steuerstand aus bedient werden, es gibt Satelliten-TV und leistungsfähige Bilgepumpen für den unwahrscheinlichen Fall einer Havarie mit Leck. Das Beste aber ist ein kleiner Joystick neben dem in Klarlack lackierten Holzsteuerrad: Mit ihm wird das Bugstrahlruder betätigt. Auch für genügend „Betriebsflüssigkeiten“ ist gesorgt, wie wir bei der Einweisung erfahren. „Diesel? Reicht für sechs Wochen“, sagt „River Boating“-Chef Walter Kussmaul. Der Frischwassertank fasst 800 Liter.

Kussmaul macht uns mit dem Boot vertraut, mit der Warmluftheizung, die selbst eine Düse für den Fußbereich am Steuerstand hat, mit der gesamten Technik. Er zeigt die beiden Kajüten, erklärt uns die wichtigsten Verkehrsregeln auf Wasser: „Rechts, rot, runter ist eure Faustregel.“ Wenn man zu Tal fährt, muss man die rote Tonne rechts liegen lassen, sonst droht man aufzusetzen. Über die Fließrichtung gibt die Sportschifffahrtskarte Auskunft. Auch erläutert der Basisbetreiber, was zu tun ist, wenn jemand über Bord geht.

Hier wurden in der DDR Hühner gehalten, sagt einer

Hier wurden in der DDR Hühner gehalten, sagt einer

Die erste Schleuse wartet in der Steinhavel, die sich ab dem Röblinsee in Richtung Nordwesten weiter schlängelt. Es ist 17 Uhr, in einer Stunde machen die Schleusenwärter Feierabend. Wir erreichen den Wartebereich für Sportboote und müssen aufstoppen. Wie gerade noch gelernt den Gashebel in den Leerlauf, kurz warten, dann kurz volle Kraft zurück, bis wir stehen.

Der Schleusenwärter winkt, wir passen gerade noch hinter ein Hausbootfloß. Sven hantiert mit einer der Leinen und führt sie durch einen eisernen Bügel der Schleusenmauer, um das Boot in der Kammer zu stabilisieren. Das Tor geht auf, und wir fahren weiter. Vorbei an Bootshäusern, teils romantische Bretterverschläge, die über dem Wasser zu schweben scheinen, teils verbastelte Schuppen mit Fertiggaragentoren und grinsenden Grafitti-Gesichtern.

i

Im Menowsee stellt sich das erste Mal ein Gefühl von Abgeschiedenheit ein, wie man sie sich in Deutschland nur schwer vorstellen kann – es sei denn, man kennt das schon, wie das auf den Binnengewässern im Osten der Republik an einem lauschigen Abend so sein kann. Die Sonne neigt sich, und kräftigt noch einmal die Farben der Wolkenschraffur. „Da brauchst Du nicht nach Skandinavien fahren.“ Sven ist baff. Ich auch.

IMG_4111 Kopie

Als sich in der Dämmerung der Ziernsee vor uns auftut, passieren wir die unsichtbare Grenze zwischen Brandenburg und Mecklenburg, nicht das letzte Mal auf dieser Tour. Bevor die Dunkelheit sich alles einverleibt, gleiten wir durch den Ellenbogensee, der sich wegen seines im Knick schön gelegenen Campingplatzes einen Ruf vor allem unter jungen Familien Berlins erarbeitet hat. Wo sollen wir die Nacht verbringen?

IMG_4271 Kopie

Ein Hausboot hat in einer kleinen Bucht festgemacht, das schönste Plätzchen scheint besetzt. Im Schwarz der fast mondlosen Nacht würden wir die Ausfahrten des Sees kaum finden. Sven wirft einen Blick auf die Karte: „Der Yachthafen Priepert ist nicht weit.“ In einiger Entfernung sehen wir eine Ansammlung von Booten und orange glimmende Displays der Stromzapfsäulen.

IMG_4108 Kopie

„Ok, römisch-katholisch einparken.“ Sven gefällt der Ausdruck, den unser Einweiser fallen ließ: Im vorwiegend katholischen Mittelmeerraum legten Boote mit dem Heck an. Doch so einfach ist das Rückwärtseinparken für nautische Novizen, wie wir sie sind, nicht. Die Trägheit der Schiffsmasse will kalkuliert sein, auch die Strömung. Auf den gewünschten Effekt, den man sich von einer Lenkbewegung oder einem Motorschub erhofft, muss man etwas warten.

IMG_4141 Kopie

Ich vergesse die Eigenheiten der rechtsdrehenden Schraube, und schon liegen wird diagonal in der Lücke. Zum Glück wartet ein Mann auf dem Steg und hilft beim Festmachen, als Sven ihm ein Tau und die Worte zuwirft: „Wir haben das noch nie gemacht.“ „Fürs Erste mal war das nicht schlecht“, entgegnet der Mann höflich und huscht wieder ins benachbarte Hausboot.

IMG_4134

Ein paar Paddler checken später auch noch ein

Wir gehen an Land und streunen durch den gottverlassenen Ort Priepert, ursprünglich ein Angerdorf mit Gutshaus auf der einen Seite und Kirche auf der anderen Seite als Begrenzung. Zwei Frauen stehen vor einem Wohnhaus und rauchen. Sie schrecken zusammen, als ich sie anspreche: „Gibt es hier eine Gaststätte?“ „Nee!“, sagt die eine und schüttelt so heftig den Kopf, als müsse sie sich für irgendetwas entschuldigen.

IMG_4199 Kopie

Ein paar Meter weiter stehen wir einem mit Scheinwerfern beleuchteten Gebäude gegenüber. Es ist die Fachwerkkirche, die man heute als Kleinod nur entdeckt, wenn man in den Ort läuft. Bis vor einigen Jahrzehnten hatte sie noch einen schiefen Turm, der Wasserwanderern als Orientierungspunkt diente. Doch der wurde irgendwann abgetragen.

IMG_4190 Kopie

Zurück am Yachthafen stellen wir fest, dass sich der Kiosk des Hafenmeisters in eine Art Kneipe verwandelt hat. Bier trinkende Leute, es wird palavert. „Na, habt ihr angelegt? Was sonst, oder?“, sagt Hafenmeister Horst, verlangt nach 18 Euro, 1,5 Euro je Schiffsmeter und schiebt zum Empfang zwei Fläschchen Kümmerling über den Tisch. Zurück an Bord unseres Hausbootes macht Sven sich daran, Bolognese zuzubereiten.

IMG_4262 Kopie

Der nächste Tag bringt die Begegnung mit Carsten Obst, einem braungebrannten Wärter an der Schleuse des Örtchens Strasen, die den Ellbogensee im Osten und den Pälitzsee im Westen verbindet. Er hat seinen Beruf 1980 in der DDR gelernt, als die Dienste des Schleusenwärters seitens der Skipper noch wie selbstverständlich mit Alkohol quittiert wurden. „Das war praktisch Pflicht, heute ist das sehr selten geworden“, sagt Obst. Er steht vor dem flachen Steinbau, dem Wärterhäuschen, unser Kahn wird in der Schleusenkammer von Strudeln umspült und hebt sich langsam. Obst genießt seinen Job: Ich wollte einen Beruf lernen, wo man an der frischen Luft ist. Das war mein Traum.

IMG_4254 Kopie

 

Nun könnte seine Zunft bald aussterben, vielerorts wird auf Selbstbedienungsschleusen umgestellt, allein in Obsts Arbeitsbereich funktionieren schon fünf von elf automatisch. „Für viele Sportler ein Unding“, gerade bei zum Hochbetrieb im Sommer fehle der Schleusenwärter, um das hohe Aufkommen an Booten zu regulieren. Zum Abschied reicht Sven dem Mann eines unserer gekühlten Biere über die Reling.

 

Wir haben Glück mit dem Wetter, keine Wolke steht am Himmel. Auch eine Stunde später nicht als wir ein paar Kilometer weiter auf der Müritz-Havel- Wasserstraße an Kleinzerlang mit seinem schönen Naturstrand vorbeituckern und in den Hüttenkanal einbiegen, der uns zu den Rheinsberger Seen führen wird.

noo

 

Der 1881 gebaute Kanal schlängelt sich – wieder auf brandenburgischer Seite – an der Marina Wolfsbruch bis zum Großen Prebelowsee entlang. Wie in einem Tunnelende das Licht, strahlt von vorn die schon tiefstehende Sonne auf die Wasserstraße. Die Bäume am Ufer finden sich lupenrein, nur kopfüber auf der spiegelglatten Wasseroberfläche wieder. Unser Bug pflügt sich gemächlich durch das Kunstwerk, zerstört es. Kleine Wellen schwappen schmatzend an die Uferbefestigung aus hölzerner Pfählen.

IMG_4340 Kopie

Empfanden die Flößer, die noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ihrem Gewerk nachgingen, die Gegend auch als so romantisch? 1966 soll der letzte Flößer seine Ladung Holz bis zum Sägewerk Zechlinerhütte gebracht haben. Auch die Flößer mussten durch die Schleuse Wolfsbruch, die uns jetzt vor ein kleines Problem stellt, es ist unsere erste SB-Schleuse.

IMG_4245 Kopie

Die Selbstbedienung an sich ist nicht das Problem, doch das punktgenaue Halten im Wartebereich, wo wir auf dem Hinweisschild nachlesen wollen, wie die Schleuse funktioniert. Bevor wir lesen können, dass man nur einen Hebel drehen muss, und warten, bis sich das Tor öffnet und die Ampel Grün zeigt, dreht sich unser Schiff in der Strömung quer und reißt mit dem Bugspriet beinahe den Pfosten mit dem Hebel um. Doch mittels Bugstrahl und kühnen Gasstößen gelingt es Sven, die „Supreme“ zu beruhigen.

IMG_4248 Kopie

Dass die Gegend einmal vorrangig Wirtschaftswasserstraße war, davon zeugt noch der Schlot des alten Sägewerks, den wir am Westufer des Schlabornsees aus der Vegetation ragen sehen, bevor wir den Repenter Kanal Richtung Rheinsberg nach Süden weiter fahren. Im Großen Rheinsberger See umkreisen wir die halbmondförmige Remusinsel, auf der der „Alte Fritz“ seinen homophilen Neigungen insgeheim nachgegangen sein soll. Heute liegt ein Floß im Schilf, Angler halten ihre Angeln ins seichte Ufer. Dann erreichen wir den Grienericksee – sozusagen den Wende- und Höhepunkt unserer Hausboottour.

IMG_4358 Kopie

Text und Bilder: Stefan Weißenborn

Informationen

Die Voraussetzung: Charterbescheinigung

Sei dem Jahr 2000 berechtigt eine Charterbescheinigung Hobby-Skipper, die keinen Sportbootführerschein-Binnen besitzen, zum Führen (max. 12 km/h) eines gecharteten Hausboots. An Bord dürfen bis zu 12 Personen, das Schiff darf nicht länger als 15 Meter sein.

Die Gebiete: Vor allem der Osten

Größtenteils in Brandenburg und Mecklenburg befinden sich die für den Charterschein freigegebenen Wasserstraßen. Auch in Hessen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und im Saarland gibt es Strecken. Hier ein Flyer. Und noch einer

Anbieter von führerscheinfrei zu charternden Hausbooten

Für eine Bootstour Richtung Rheinsberg oder Mecklenburgischer Seenplatte bietet sich Fürstenberg (Havel) als Startpunkt an. Charterbasen sind z.B. River Boating Holidays, Cardinal Boating Holidays oder Revier Charter. Die Mietpreise für eine Woche liegen im Herbst ab rund 1000 Euro pro Boot, hinzu kommen Nebenkosten und Kaution.

Lesen & Cruisen

Äußerst empfehlenswert und alternativlos für eine vergleichbare Tour ist der „Hafenführer füt Hausboote. Müritz/Havel/Seenplatte“ von Robert Tremmel und Christin Drühl.

Ein Dank geht an Christin Meißner für den Orga-Kram und das Team von „Seenland“. Unterstützt wurde die Reise auch von River Boating Holidays.

 

 

 

1 Kommentar

  1. Das klingt wirklich gut. Ich habe schon lange geliebäugelt mit einer Woche Hausbootferien, wollte aber keinen Sportboozführerschein machen.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.