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And then I see the darkness. Auf der Jagd nach dem Polarlicht in Norwegen

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Es ist 19.02 Uhr an einem Sonntag im Februar. Wir sitzen in einem abgedunkelten Konferenzraum im Thon Hotel in Alta, Nordnorwegen. Trygve Nygård nestelt an seinem Macbook herum. Bald erklärt er uns, was uns in den kommenden Stunden erwartet.

Knapp zusammengefasst sieht das ungefähr so aus: Wir werden uns gleich in einen Kleinbus setzen und durch die Dunkelheit fahren. Wohin genau, kann er uns nicht sagen. Aber wir werden vor Mitternacht zurücksein. Ach ja, und einige Straßen sind gesperrt, weil es ziemlich stürmisch ist knapp unterhalb des 70. Breitengrads. Dafür aber ist die Polarlichtaktivität hoch. Überdurchschnittlich hoch. Umso bedauerlicher, dass es seit vier Tagen bedeckt ist.

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Nach einer knappen Belehrung über das Phänomen, dem wir auf der Spur sind, rollt der Kleinbus vor. Trygve hatte uns gebeten, ihn auf jedweden Himmelskörper aufmerksam zu machen, den wir unterwegs sehen. Das erhöht die Chancen. Mit einem Polaranzug unter dem Arm blicke ich gen Himmel. Die erste Überraschung: Die Silhouette des Monds zeigt sich über dem Parkplatz. Etwas blass zwar, aber immerhin: Das ist schon mehr, als die Skeptiker unter uns erwartet hatten.

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Frohen Mutes besteigen wir das Vehikel. Wir rollen durch die Straßen von Alta, der mit 15 000 Einwohnern größten Stadt der Finnmark. Hier leben 20 Prozent aller Einwohner einer Provinz, die größer ist als Dänemark. „Wir sind jetzt ungefähr zwölf Minuten unterwegs bis zu unserem ersten Halt“, sagt Trygve. Seine Hoffnung: Bei heftigem Südwind eine Öffnung im Himmel zu finden. Ein an und für sich hoffnungsloses Unterfangen, denn die Wolken, die unsere Reise in den vergangenen Tagen begleitet haben, werden nun alle an die Küste geblasen.

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Trygve aber legt professionellen Optimismus an den Tag. Seit sieben Jahren verdient er sein Geld damit, Touristen durch die nordnorwegische Nacht zu kutschieren. Um das Polarlicht ist ein regelrechter Hype entstanden. Vor allem Asiaten kommen immer zahlreicher. Für junge Paare, so der Glaube, bedeutet der Anblick: Fruchtbarkeit. Nachdem wir die Brücke über den Alta-Fluss passiert haben, biegen wir an einem Schild, das vor kreuzenden Elchen warnt, in ein Waldstück ab.

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Am Ufer des Fjords macht Fahrer Knut den Motor aus. Wir steigen aus und sehen in einiger Entfernung den Flughafen Altas. Ein paar schneebedeckte Berge. Aufgewühltes Wasser. Und Wolken. Helle Wolken und dunkle Wolken. Keiner der zehn Passagiere aber meldet die Entdeckung eines Himmelskörpers. Auch der Mond ist wieder verschwunden.

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Um einem möglichen Anflug von Enttäuschung vorzubeugen, vermeldet Trygve, dass er sich in stetigem Funkkontakt zu einem Kollegen befindet, der auf der anderen Seite des Gewässers mit einer Gruppe unterwegs ist. „Das hier ist wie eine Safari in Afrika.“ Von den Big Five aber ist hier wie da nichts zu sehen. Also fahren wir weiter. Knut bürstet mit 90 Sachen durch die finstere Nacht.

Fahrt bis nach Hammerfest?

Auf graden Strecken reflektiert der Mittelstreifen nervös im Licht der Scheinwerfer. „Wir könnten theoretisch bis nach Hammerfest fahren“, sagt Trygve. Zeit genug haben wir. Hammerfest liegt 124 Kilometer weiter nördlich. Die Chancen aber, dass sich die Wolken aus Lappland ihren Weg bis in die nördlichste Stadt Europas bahnen, sind mehr als groß. Das hatte schon der Wetterbericht im Internet belegt. Nichts als Wolken. Seit drei Tagen. Also sehen wir von der Reise ab.

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Der zweite Stopp kommt eher unerwartet. Ein Parkplatz neben einer Serpentine, die von Hügeln oder Bergen umgeben ist. So genau ist das nicht zu erkennen. Das Resultat aber ist ähnlich: Viel Wind. Bedeckter Himmel. Am Horizont strahlt das Kunstlicht aus Alta die Wolken an, was auf meinen langzeitbelichteten Aufnahmen ein apokalyptisches Spektrum von Rottönen hinterlässt. Sich von den entmutigenden Umständen beeindrucken zu lassen, kommt für Trygve nicht in Frage: Er packt Kamera uns Stativ aus und zoomt in den Himmel. Sobald ein Auto kommt, sagt er, sollen wir besser die Augen schließen. Die Scheinwerfer wirken sich negativ auf die Nachtsensibilität unserer Augen aus. Dann können wir jedes mal wieder von vorne anfangen, sozusagen.

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Nach zehn Minuten streichen wir die Segel. Trygve funkt noch einmal seinen Kollegen an. Doch auch der ist ratlos. Dabei können die beiden in ihrer persönlichen Nordlichtjagdstatistik nach eigenen Angaben die beachtliche Erfolgsquote von 87 Prozent aufweisen. Der Lage am Wasser sei Dank.

Nichts geht über Alta

Experten sagen, dass Alta der beste Ort zur Beobachtung des Polarlichts ist, besser als Tromsø, das auf dem bekanntesten App alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, weil dieses von der Universität von Anchorage auf den Markt gebracht wurde – und Tromsø nun einmal die Partnerstadt von Anchorage ist. Trygve ist nun zu extremen Taten bereit. Wir fahren weiter in Richtung Nordosten, wo die Berge im Inland bis zu 1000 Meter hoch sind. Da bleiben die Wolken öfter mal hängen – und Schwups reißt der Himmel auf. Die Straße allerdings ist wegen des Sturms gesperrt. Doch Trygve und Knut kennen einen Schleichweg. Wir schlängeln uns Serpentinen hinauf, bis wir auf einem kleinen Plateau anhalten. Zum dritten Mal steigen wir aus.

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Um uns herum breitet sich eine Wüste aus Schnee, Eis und Felsbrocken aus. Dahinter: Berge und der Fjord. Der Blick zum Himmel verheißt wenig Gutes. Ich schaue mich um und sehe einen kleinen Haufen Menschen, die in Polaranzügen in der Dunkelheit stehen, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, was natürlich eher mild ist für die Gegend. Wären da nicht die orkanartigen Windböen.

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Trygve richtet seine Kamera abermals gen Himmel. „Da. Ein Stern. Und noch einer“, sagt er aufgeregt. „Es könnte gut sein, dass der Himmel jetzt aufreißt.“ Unter meinen Mitreisenden macht sich eine gewisse Hektik breit. Alle haben ihre Kameras gezückt, um an den Rädchen herumzudrehen. Die ISO auf 6400. Lange Belichtung und manueller Fokus. Nach einer Viertelstunde aber siegt das Bedürfnis nach Wärme. Der Bus füllt sich wieder.

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Ich warte – so wie einst Cary Grant

Für solche Fälle hat Trygve vorgesorgt. Er hat Kakao dabei und Kuchen, den seine Mutter gebacken hat. Wir mampfen und warten. Mittlerweile ist es fast halb zehn. Um das eisige Schweigen zu brechen, sage ich: „Ich fühle mich ein bisschen wie Cary Grant in `Der Unsichtbare Dritte´.“ „Ach ja?“, antwortet S. nach einer Weile. „Erklär mal.“ „Naja“, sage ich. „Der hat auch gewartet. Auf einer Straße. Mitten im Nichts.“ „Und?“ „Das war’s schon. Und ein Bus kam auch drin vor.“ „Stimmt.“ Wieder Schweigen. Ich wage einen neuen Anlauf: „Erinnerst du dich daran, wie Cary Grant in einem Maisfeld von einem Flugzeug angegriffen wurde? Der Pilot hat später einen Fehler gemacht und ist mit einem Lkw kollidiert. Der Lkw ist explodiert. Das war meines Wissens das erste Mal in der Filmgeschichte, dass ein Lkw explodiert ist.“

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Von den hinteren Plätzen ergänzt R.: „Der zweite war in `Lohn der Angst´ mit Jean Paul Belmondo. Die Geschichte geht so: Drei Männer hängen fest in einem Kaff in Südamerika…“ „Hey“, höre ich Trygve brüllen, der als einziger nicht wieder im Bus platzgenommen hat. „Kommt raus. Da ist jetzt Polarlicht zu sehen.“

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Wir gehorchen. Und tatsächlich: Nachdem sich die Augen angepasst haben, sehen wir eine Öffnung im Himmel. Und einen flirrenden Schleier, der höchst vage an die Aufnahmen erinnert, die hier am Ende der Welt an jeder zweiten Wand hängen. Trygve fordert uns auf, die Kamera darauf zu richten. Dann werden wir schon sehen. Ich schreite zur Tat: Weil ich kein Stativ besitze, lege ich die Kamera auf einen Eisbrocken und drücke auf den Auslöser. 20 Mal hintereinander. Dann schaue ich mir das Ergebnis an: Wolken – und die Fragmente eines grünlichen Lichtbandes.

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Der Mann also hatte Recht. Und hätten wir nicht das Pech völlig ungeeigneter Wetterbedingungen gehabt, wäre ich nun vermutlich im Besitz einmaliger Aufnahmen gewesen. So aber habe ich ein Alibi, bald wieder nach Nordnorwegen zu reisen. Auf der Rückfahrt allerdings kann ich mich nicht auf die Kontemplation dieses Gedankens beschränken. Ich frage R. danach, was es mit diesem Film auf sich hat. „Belmondo“, sage ich, „war ein echt kerniger Typ“. Wir unterhalten uns noch eine Weile. Weit vor Mitternacht kommen wir im Hotel an.

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Informationen:

Alta befindet sich auf 69 Grad uns 57 Minuten nördlich. Die Stadt wird von Oslo aus mehrmals täglich von SAS und Norwegian angeflogen.

Trygves Firma Glød Alta bietet die Jagd nach dem Nordlicht vom 15. September bis zum 10. April an. Die Touren dauern zwischen 4,5 und sechs Stunden. Der Preis liegt bei 1500 Norwegischen Kronen (rund 180 €).

Ralf Johnen, Februar 2014. Der Autor war auf Einladung von Visit Norway auf der Jagd nach dem Polarlicht in Norwegen.

 

 

 

 

 

   

 

 

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