Small Two statt Big Five: Die ausgefallene Safari in Tansania (Teil 1)

Die Suche nach der Safari

VON ALEXANDRA KLAUS

Eine tiefschwarze Nacht in Masasi, einer Kleinstadt im Süden Tansanias. Wieder einmal ist der Strom ausgefallen, seit Stunden erhellt kein Lichtschein den Ort. Ich sitze mit einem holländischen Cashewnuss-Farmer im Kibo Pub, einer einfachen Freiluftbar.

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Sie hat uns wegen ihrer – aus unserer Sicht – luxuriösen Ausstattung angelockt: einem dröhnenden Generator und einem winzigen Fernseher. Ein Länderspiel Deutschland-Niederlande verfolgen wir also unter dem Palmen-gedeckten Dach bei warmen Bier, wir starren auf den Bildschirm, während Bongo-Musik aus den Boxen wummert.

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Eigentlich sollte ich jetzt an einem Lagerfeuer in einem der Nationalparks sitzen, mit denen der Süden Tansanias aufwartet. Anders als der Norden des Landes mit seiner berühmten Serengeti ist dieser Teil noch touristisch unberührt. Hier warten keine glamourösen Lodges auf zahlungskräftige Kundschaft, hier telefonieren sich keine Guides bei einer Safari zusammen, wenn einer von ihnen einen Löwen erspäht hat. Hier muss man selbst nach Wild Ausschau halten, sein Zelt aufbauen und den ein oder anderen Sack Reis als Gastgeschenk mitbringen.

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Aber statt Safari sitze ich schon seit einer Woche in einer Ortschaft von 40.000 Einwohnern, deren touristische Attraktion drei Hügel sind, die auf unwirkliche Weise aus der flachen Landschaft aufragen. Was war passiert? Afrika war passiert. Schon zwei Tage vor dem Start meiner Reise über Doha (Katar), die tansanische Hauptstadt Daressalam und Mtwara nach Masasi raufte ich mir die Haare: von der Airline mit dem viel versprechenden Namen „Precision Air“ kam eine SMS, dass man den Flug ein paar Stunden vorverlegt habe.

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Nach viel hin und her mietete ich mich für eine Nacht im Trinity Hotel ein, das mitten im Botschaftsviertel von Daressalam am Meer liegt. Ein perfekter Ort für den sanften Einstieg ins afrikanische Leben: die gut ausgestatteten Hütten sind um eine Grünanlage und ein Freiluftrestaurant gruppiert, das Gelände ist umzäunt und bewacht, so dass man sich auch als allein reisende Frau sicher fühlt. In der Umgebung gibt es nicht nur einen Strand, sondern auch ein Einkaufszentrum mit einem Café, wo sich Expats zum Latte Macchiato treffen und zwischendurch afrikanische Handwerkskunst kaufen.

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Als der Hotel-Hahn zum ersten Krähen ansetzt, mache ich auf dem Weg zum Flughafen. „Precision Air“ macht diesmal ihrem Namen Ehre und fliegt pünktlich ab, Richtung Mtwara.

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Die quirlige Hafenstadt mit ihren 100.000 Einwohnern ist der wichtigste Verkehrsknotenpunkt im Südosten des Landes und auch ein Handelszentrum. Am Flughafen erwartet mich mein Bruder. Ben lebt seit zwei Jahren als Entwicklungshelfer mit seiner Frau und drei kleinen Kindern in Masasi, etwa eineinhalb Fahrtstunden von Mtwara entfernt.

Der Fischmarkt von Mtwara ist quirrlig - aber nicht alles läuft optimal

Von dort aus wollen wir Safaris unternehmen, die Landschaft an der Grenze zu Mozambique erkunden. Doch schon bei der Begrüßung schwant mir, dass ich eine Weile auf die Wildbeobachtung werde warten müssen: die Familienkutsche ist defekt, eine Zylinderkopfdichtung ist in der entlegenen Ecke des ostafrikanischen Landes nicht einfach mal so erhältlich, man wartet auf die Lieferung aus Daressalam – und fährt derweil wie die meisten Einheimischen Fahrrad.

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Ich gehe also zunächst auf eine Entdeckungstour der anderen Art: auf Menschensafari. Schon beim ersten Gang durch das von Lehmhütten geprägte Masasi sieht man bestätigt, was der „Chronicle“ am Tag meiner Ankunft veröffentlichte: Tansania ist bitterarm. 37 Prozent der Landbevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze, nur zwei Prozent der Haushalte verfügen über Elektrizität, weniger als 40 Prozent der Menschen auf dem Lande haben Zugang zu Trinkwasser.

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Und doch brummt hier das Leben, die Straßen sind voll mit Frauen in bunten Wickelkleidern. Auf dem Markt sind neben den appetitlich  arrangierten Lebensmitteln auch Stoffe und Handwerksutensilien erhältlich. Es gibt in Masasi Schulen, Kindergärten, Restaurants und sogar kleine Gasthäuser.

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Schnell passe ich mich dem afrikanischen Lebensrhythmus an: abends krieche ich gegen 22 Uhr unter das Moskitonetz, zum Sonnenaufgang sitze ich am Frühstückstisch und esse Mango, winke den Kindern, wenn sie mit einem Bajaji – einem motorisierten Dreirad – zur Schule kutschiert werden. Lerne die Begrüßungsrituale, die zuweilen Minuten dauern können, wenn sich Nachbarn auf der Straße begegnen.

Yummie - endlich frittierte Fischköpfe

Probiere die Nationalspeise Ugali, einen klebrigen Brei aus Maismehl, und esse mutig frittierte Fischköpfe – und zuweilen auch im Ganzen gegrillte Ziege.

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Kaufe Holzschnitzereien von Stammesangehörigen der Makonde. Und staune über die neu erworbene Gleichmut meines Bruders: etwa, wenn er dem Wasserlieferanten augenzwinkernd unterstellt, dass auf dem Weg vom Reservoir bis zum heimischem Tank ja wohl ein paar Liter „verloren“ gegangen seien.

Abzocke? Bruder Ben überwacht die Wasserlieferung

Gelassenheit ist wohl eine der wichtigsten Eigenschaften, die man für das Leben in der tansanischen Provinz mitbringen muss. Etwa angesichts der ständig auftretenden Stromausfälle. Dann läuft die Familie Minenarbeitern gleich mit Stirnlampen im Haus umher, gegessen wird bei Kerzenschein. Doch Romantik verbindet niemand hier mit diesen teilweise stundenlangen Phasen ohne Elektrizität. Wenn der Kühlschrank seinen Dienst quittiert, die Ventilatoren still stehen und man sich im Dunkeln durchs Haus tastet, erlischt nach einer Weile auch bei den fröhlichsten Naturen die gute Laune.

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Martin, ein befreundeter Arzt aus dem Schwabenland, wird jedes Mal unruhig, wenn das Licht ausgeht. „Ich muss nach den Babys sehen“, sagt er dann häufig und fährt in das örtliche Krankenhaus. Mit enormem Einsatz hat der junge Arzt hier eine Frühchenstation aufgebaut, ein Novum in der Region, wo Frühgeburten normalerweise keine Chance haben. Winzige Menschlein liegen hier in einfachen Brutkästen, versorgt von ihren Müttern. Und betreut von einem Pflegeteam, das Martin angeleitet hat, um die Kleinen im Notfall zu reanimieren, damit sie wieder selbständig „schnaufen“.

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Ein Sonntagsausflug führt uns nach Ndanda, etwa eine halbe Stunde Fahrtzeit von Masasi entfernt. Der Benediktiner-Orden prägt den Ort, die Mönche haben neben dem schmucken Kloster auch ein Krankenhaus, Schulen und Werkstätten aufgebaut. Ich traue meiner Nase kaum, als ich das weißgetünchte Kloster betrete: es riecht nach Sonntagsbraten! Auf den Tisch kommt deftige Kost: Fleisch, Kartoffeln,  deutsches Brot. Ein Festtag für meine Verwandten, der für die Kinder durch das Nachmittagsprogramm noch getoppt wird: ein Bad im kühlen Bergsee der Mönche.

Abkühlung im Bergsee: Flying Lenny

 

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