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Auf der Sonnenseite des Arlbergs

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Die Schaumkrone auf dem Gipfelbier beginnt einzufrieren. Während sich die Sonne langsam senkt, leert sich die Terrasse auf der Ulmer Hütte rapide. Das sind die Minuten, die Don nach einem langen Tag auf den Skiern besonders genießt. Er weiß, dass er gleich mit uns nach Stuben abfahren wird. Über die Valfagehr, die mit fast fünf Kilometern zu den längsten Pisten am Arlberg gehört.

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Obwohl die Strecke als „blau“ klassifiziert ist, hat sie es in sich. Aufgrund der Länge, aber auch weil der Hang ziemlich zerpflügt ist, nun, da bald die Pistenraupen anrücken und das Alpenglühen die Lechtaler Alpen melodramatisch einfärbt. Dafür kann Don jetzt, da nur noch eine Handvoll Skiläufer unterwegs sind, endlich die ganze Breite ausnutzen – bis er nach einer anstrengenden Viertelstunde am Ziel ist.

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Stuben ist der kleinste Ort am Arlberg. Das Dorf fristet ein Außenseiterdasein, weniger, weil es genau wie Lech und Zürs zu Vorarlberg und nicht zu Tirol gehört, sondern viel mehr, weil in Stuben keine Könige und Zelebritäten ihren Winterurlaub verbringen. Auf die Sonnenseite des Arlbergs kommen nur Skiläufer wie wir, denen die mondänen Nachbarorte zu vornehm sind – und St. Anton auf Dauer zu turbulent.

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Nur ein paar Dutzend Häuser schmiegen sich an den Westhang des Arlbergs. Entsprechend fällt der Einstieg ins Skigebiet rustikal aus: Keine Sechsersesselbahn mit Sitzheizung, sondern ein Zweiersessellift. Doch die alpinen Herausforderungen lassen nicht lange auf sich warten: Nach einem kleinen Umweg über den Stubener Hausberg Albona sitzen wir schon um kurz nach 9 Uhr in der leistungsstarken Valfagehr-Bahn.

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Von der Bergstation geht es erst einmal durch Steissbachtal und Zammermoos hinunter nach Sankt Anton. Die Piste ist so etwas die örtliche Ski-Autobahn: Ideal zum aufwärmen, wenn noch nicht so viel Verkehr ist, und zugleich Einfallschneise zur Galzigbahn. Schon 1937 führte eine Kabinenschwebebahn vom Ort direkt hinauf zu diesem Gipfel des Arlbergs. Einer von mehreren Faktoren, die seinerzeit dazu führten,  dass sich St. Anton einen Ruf als führender Wintersportort erweisen konnte.

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Seit 2006 setzt die Galzigbahn abermals Maßstäbe: Die Talstation wird nun von zwei mächtigen Riesenrädern dominiert, die in einem futuristischen Glasbau prahlerisch in Szene gesetzt werden. Im Inneren laufen die Kabinen von oben kommend über ein Gewinde, wonach ein ebenerdiger Einstieg möglich wird. Über ein zweites Gewinde starten sie durch, um innerhalb von neun Minuten knapp 800 Höhenmeter zu bewältigen.

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Gemeinsam nutzen wir die Bergstation zum Umstieg in die Vallugabahn, die uns auf 2650 Meter befördert. Die Hasardeure unter den Skiläufern und Snowboardern klettern noch ein paar Höhenmeter weiter hinauf, vor allem dann, wenn sie den einzigen Weg hinüber nach Zürs in Angriff nehmen wollen. Dieses waghalsige Unterfangen aber ist nur in Begleitung eines Skilehrers möglich.

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Wir entscheiden uns für den Vallugagrat, der lediglich als rote Piste klassifiziert ist, aber schon manchem Nicht-Tiroler die Tränen in die Augen getrieben hat. Don jedoch wedelt geschmeidig über den buckligen Hang. Am rautenförmigen Schild mit der Nummer 15a hält er kurz inne: Der Schindlerkar Steilhang flößt auch routinierten Fahrern wie ihm Respekt ein. Es ist einer jener Hänge, auf denen St. Antons Reputation als Freeride-Areal für Fortgeschrittene fußt. Mit geübtem Auge aber findet er Traversen, durch die er sicher ins Tal kommt. „Das“, sagt Don, „tue ich mir nur einmal am Tag an“.

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Nach dem erfüllten Skitag entscheiden wir uns diesmal für eine grundlegend andere Abfahrt ins Tal. Diesmal geht nicht ins stille Stuben, sondern zu einer Institution in St. Anton: den Mooserwirt. Die rund 150 Höhenmeter über dem Ort gelegene Hütte besitzt in Sachen Après-Ski Legendenstatus. Zur Auswahl stehen eine Arena unter freiem Himmel und das Ladenlokal. Hier gehen um 16.30 Uhr die Rollos runter. Dann erklimmt DJ Gerhard seine Kanzel, um das Publikum mit Gassenhauern unterschiedlicher Herkunft zu erfreuen. Zumeist handelt es sich um Lieder, die sich im rheinischen Karneval einiger Beliebtheit erfreuen. Nicht selten jedoch entscheidet sich Gerhard auch für deren niederländische Interpretationen.

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Das Party-Publikum belohnt den Einsatz mit exstatischen Tanzbewegungen – auch auf den Tischen. Kellner mit auffällig gut trainierten Oberarmen bahnen sich auf engstem Raum ihren Weg, sie tragen bis zu 20 halbe Liter Bier auf ihren Tabletts. Lange nach Einbruch der Dunkelheit nimmt das Publikum die verbleibenden Höhenmeter in Angriff. Wir aber entscheiden uns fürs Taxi. Den Transfer nach Stuben lassen sich die Fahrer teuer bezahlen. 45 Euro kostet der Spaß.

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Doch bei minus zwölf Grad sind ihnen die Skiläufer ausgeliefert. Und ohne wenigstens einen Abend in der Après-Ski-Hölle (Eigenwerbung: „Die wahrscheinlich schlechteste Skihütte am Arlberg“) wäre der Aufenthalt in Sankt Anton unvollständig. Auch wenn Don darauf hinweist, dass die regelmäßig dort stattfindenden Fernsehaufzeichnungen für Privatsender ein falsches Licht auf die „Wiege des alpinen Skisports“ werfen könnten. Als solche nämlich bezeichnet sich die Region am Arlbergpass, seit am 3. Januar 1901 sechs Freunde den 1. Skiclub Arlberg St. Christoph gegründet haben.

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Der nächste Tag steht im Zeichen einer anderen Herausforderung: Die Abfahrt vom Kapall gehört zu den Klassikern des alpinen Skisports, hier wurde 2001 die Weltmeisterschaft ausgetragen. Mit einer Länge von über drei Kilometern zieht sich die Strecke empfindlich. Doch die schwarzen Pisten sind in den österreichischen Alpen meist ein Genuss: Wenig befahren, ausreichend breit und gut präpariert.

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Einen ähnlich hochqualitativen Anspruch erhebt die gesamte Tourismusregion für sich. Damit leidenschaftliche Skiläufer trotz wachsender Konkurrenz immer wieder kommen, geizen die Verantwortlichen nicht mit Investitionen: Seit 2008 ist der gegenüber liegende Rendl, der bis dahin nur umständlich erreichbar war, mit einer Hochleistungsbahn vom Ortskern St. Antons neu erschlossen.

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Am letzten Tag erinnert Don bei der erneuten Einkehr in die Ulmer Hütte an eine Geschichte, die ihm gerade zu Ohren gekommen ist: „Genau hier war 1904 der Ausgangspunkt zum ersten Skirennen, das je in den Alpen stattgefunden hat.“ Die Athleten fuhren ab nach St. Christoph, ackerten sich mit schwerem Sportgerät durch den tiefen Schnee hinauf zu mehreren Gipfeln, um schließlich in St. Anton zu finishen. Das waren laut Don noch Zeiten für ganze Kerle. Kaum hat er das gesagt, fährt er hinab nach Stuben. Die Valfagher-Abfahrt scheint komfortabler denn je. Mag sie auch no so zerpflügt sein.

Informationen:

Stuben liegt mit 1407 Höhenmetern knapp 100 Meter über St. Anton. Der Arlberg gilt als schneesicheres Spitzenskigebiet mit hohem Après-Ski-Glamourfaktor. Während Lech und Zürs vor allem bei der High Society beliebt sind, mischt sich das Publikum in St. Anton. Die Orte St. Christoph und Stuben sind ruhiger und preiswerter. Die Saison dauert bis Mitte April.

Insgesamt stehen 280 Kilometer Abfahrten und 84 Lift-Anlagen zur Verfügung. Der Ski-Pass (inklusive Lech und Zürs) kostet 47 Euro am Tag und 228 Euro für sechs Tage. Sportgeschäfte verlangen für Leih-Ski nicht selten horrende Preise, besser zuhause ausleihen oder im Internet zu festgelegten und meist reduzierten Preisen vorbestellen.

Die Anreise ist an Samstagen beschwerlich, die Autos stauen sich vor allem am Pfändertunnel. Routinierte Skireisende fahren bereits freitags bis kurz vor das Skigebiet und übernachten dort in einer Pension.

stuben.com

stantonamarlberg.com

www.arlberg.net  

www.mooserwirt.at

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Sommerfrische im Gezeitenland: Die Bay of Fundy in Kanada

Guy Quinn trägt sein Kajak weit den steinigen Strand hinauf. „Das wird nötig sein“, meint er. Wenig später zeigt er auf zwei helle Punkte, die sich auf einem Felsen befinden. Rund 75 Meter weiter, im eiskalten Wasser. „Auch diese beiden werden nach unserem Lunch nicht mehr da sein“, sagt er bestimmt.

Guy Quinn

Guy Quinn

Dann richtet Guy auf einem angeschwemmten Birkenstamm eine kleine Mahlzeit an: kaltgeräucherter Lachs, dazu Cracker, Gurken, Melone und schwarzen Tee.

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Guy ist ein drahtiger Mann mit einem weißen Vollbart. Ein Typ Kanadier, wie es ihn in der Atlantikprovinz New Brunswick häufig gibt: Im Sommer paddelt er mit Touristen zu den unbewohnten Inseln, die sich vor Deer Island aus dem Meer erheben. Den Rest des Jahres unterrichtet er in Montreal Outdoor- und Umwelterziehung. Aktiv sein und im Einklang mit der Natur leben. Das ist es, was ihn treibt. „Geld und Besitz sind mir nicht so wichtig.“

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Die Mühlen der Zivilisation arbeiten in sicherem Abstand zu Deer Island. Das Eiland im äußersten Südosten des Landes ist nur mit einer Autofähre zu erreichen. Die nächste Stadt von einiger Bedeutung ist Boston, etwa sieben Stunden weiter südlich.

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Plötzlich zeigt Guy in Richtung des besagten Felsens, wo eines der beiden Objekte zum Start ansetzt. Ein Weißkopfseeadler, der nasse Füße vermeiden möchte. Bald darauf gibt auch sein Geselle den Standort auf. Wieder einmal spielen die Gezeiten in der Bay of Fundy den stolzen Raubvögeln einen Streich. Aus dem geruhsamen Frühsommertag auf dem Privatfelsen wird nichts.

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Auch der erste Kajakrumpf wird von den Fluten umspült, die nirgendwo auf der Welt so energiegeladen sind, wie in der Bucht zwischen New Brunswick und Nova Scotia: 17 Meter beträgt der Unterschied zwischen Ebbe und Flut an einigen Orten. Ein Naturereignis, das zweimal am Tag bis weit hinein ins Festland tiefe Furchen hinterlässt.

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Wenn das Meerwasser dann wenige Stunden später zurückkehrt, entwickelt es solche Kräfte, dass es in der Hafenstadt Saint John eine Stromschnelle nicht nur aufhält, sondern regelrecht zurückdrängt. Als „reverse falls“, einen umgedrehten Wasserfall, bezeichnen die Einheimischen das Phänomen.

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Höchste Zeit für die Weiterfahrt. Guy navigiert seine kleine Gruppe um eine Klippe herum. „Ein Wiesel“, jauchzt Ron aus Calgary, als er einen pelzigen Vierbeiner sieht. Doch Guy winkt ab. Das Tier, das über einen Teppich aus Algen gehuscht ist, gehört zu einer begehrteren Spezies. Schließlich blicken wir gerade auf „Mink Island“. Die Insel der Nerze. Trotz der rasant einfallenden Flut bleibt das Wasser spiegelglatt. Ein paar neugierige Seehunde nähern sich den Booten. Sie wollen wissen, wer sich in ihrem Revier tummelt.

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Zurück an Land, verspricht Joanne eine transzendentale Erweiterung des Naturerlebnisses. Schließlich nennt sich die Disziplin, die hier ausgeübt wird, „Kayoga“. Joanne bittet die Wassersportler auf blaue Matten. Es gilt, den Körper von den Anstrengungen des Tages zu entlasten: Mit Strategien zur Dehnung bestimmter Körperteile, dann mit Konzentrationsübungen. Beschwerte sich Ron anfangs noch, dass er kein „Stretcher“ sei, ist von seiner Matte nun ein leises Schnarchen zu vernehmen. Als er wieder aufwacht, sagt er: „Wow, sogar das Yoga war gut.“

Lektüre für Champions

Lektüre für Champions

Nur wenige Kilometer weiter südlich versucht sich auch Sarah McDonald an der Vermittlung von Glücksgefühlen. Die 36-Jährige Blondine ist Kapitän der „Elsie Menota“.

Sarah McDonald

Sarah McDonald

Das motorisierte Segelschiff ist im Hafen von „Grand Manan“ beheimatet, der größten Insel in der Bay of Fundy. Seit zwölf Jahren sticht Sarah an jedem Sommertag in See, denn die Bucht gehört zu den bevorzugten Refugien für Wale. „Die Flut spült alle zwölf Stunden jede Menge Köstlichkeiten herein“, sagt Sarah: Plankton, Makrelen und Heringe.

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Nach rund zwei Stunden lassen sich tatsächlich zwei Minkewale blicken. Kurz darauf steigt eine stattliche Fontäne aus dem Wasser. Der Vorbote dafür, dass nun ein majestätischer Finnwal seine Flosse zeigen wird. Nur der eine Blauwal, der sich laut Sarah in der Buch tummelt, will sich nicht blicken lassen.

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Auch Sandy Flagg lebt vom Temperament des Wassers. Der 52-Jährige verkauft „Dulse“ in allen Variationen – Meeresalgen, die Kenner in Salaten verarbeiten oder in Suppen. Mit beträchtlichem Aufwand pflücken Sandys Gehilfen die Gewächse, wenn die Ebbe es gerade zulässt. In Paketen von bis zu 50 Pfund karren sie ihre Beute an Land, wo sie getrocknet wird. Wenn es das Wetter erlaubt. Das Resultat duftet angenehm nach geräuchertem Salzwasser. Kundin Beth Johnston verrät: „Für mich ist das so gut wie Schokolade.“

The waves are clean, but the water is cold

The waves are clean, but the water is cold

Feinschmecker mit einer etwas konventionelleren Ausrichtung bevorzugen den Hummer, der in der Bucht in rauen Mengen vorkommt.

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In St. Andrews by the Sea gibt es kein Restaurant, das während der Saison nicht wenigstens ein Lobster-Sandwich im Angebot hätte. Der Ort ist nur durch eine schmale Wasserstraße vom US-Bundesstaat Maine getrennt – und er hätte das Potenzial, Kanadas einziges Seebad zu sein.

Vornehm: Das Algonquin Hotel

Vornehm: Das Algonquin Hotel

Doch der bedenkenlosen Vergabe dieses Prädikats steht wiederum die Bay of Fundy im Wege: Durch die Gezeiten kann sich das Wasser nicht aufheizen. Nur selten wird der Atlantik wärmer als zehn Grad – obwohl sich der Ort auf einem Breitengrad mit Wien befindet. NewBrunswick12

Pastellfarbene Holzhäuser prägen das Erscheinungsbild von St. Andrews. Dahinter erhebt sich auf einem Hügel das trutzige Algonquin Hotel.

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Wohlhabende New Yorker wussten die Sommerfrische hier schon vor 100 Jahren zu schätzen. Bis heute laufen zahlreiche amerikanische Yachten in den Hafen ein. Je nach Wasserstand verschwinden ihre Masten hinter den Pier-Anlagen. Aber höchstens für ein paar Stunden.

Immer für eine Überraschung gut: Yoga-Fan Ron aus Calgary

Immer für eine Überraschung gut: Yoga-Fan Ron aus Calgary

Informationen:

Die Bay of Fundy befindet sich zwischen den kanadischen Provinzen New Brunswick und Nova Scotia. Die Anreise erfolgt am besten über Halifax, zum Beispiel mit Condor ab Frankfurt (drei Mal wöchentlich ab 500 Euro). Eventuelle Zwischenübernachtung im Hotel „Prince George“ in der Innenstadt von Halifax: princegeorgehotel.com

Flirt im canadian style

Flirt im canadian style

Die beste Reisezeit sind die Monate von Juni bis Mitte Oktober. Im Juni blühen überall entlang der Straßen tausende Lupinen, im Indian Summer (Frühherbst) verfärbt sich Laub sehr ansehnlich.

Lupinen prägen im Frühsommer die Landschaft

Lupinen prägen im Frühsommer die Landschaft

Während der Sommermonate ist das Klima gemäßigt warm (Höchsttemperaturen 18 bis 28 Grad), am Meer jedoch kann es durch den kalten Ozean immer frisch sein. Bei Aktivitäten auf dem Wasser ist entsprechend warme Kleidung erforderlich.

New Brunswick ist der einzige kanadische Bundesstaat, der offiziell bilingual ist. Überall wird neben Englisch auch Französisch gesprochen.

Die Acadiens sind die französischsprachige Minderheit

Die Acadiens sind die französischsprachige Minderheit

„Kayoga“ auf Deer Island mit „Seascape Kayak Tours“, erreichbar mit der kostenlosen Autofähre ab Back Bay.

seascapekayaktours.com

Walbeobachtung auf Grand Manan mit „Whales-n-Sails“, erreichbar mit der kostenlosen Fähre ab Blacks Harbour.

whales-n-sails.com

Fahrrad fährt man in New Brunswick gerne mal im Kilt

Fahrrad fährt man in New Brunswick gerne mal im Kilt

Übernachtung in St. Andrews by the Sea: Fairmont Algonquin ab etwa 150 kanadische Dollar im Doppelzimmer.

algonquinhotel.com

Weitere Informationen:

tourismnewbrunswick.ca

de.canada.travel

Die Reise wurde vom kanadischen Fremdenverkehrsamt CTC und von Tourism New Brunswick unterstützt.

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Maastricht: Minimetropole für Bonvivants

Am späten Samstagnachmittag teilt sich die heimische Bevölkerung in zwei Gruppen auf. Die einen fallen ermattet in die Korbstühle am Vrijthof oder auf dem Onze Lieve Vrouwenplein, um sich von den Einkaufsstrapazen zu erholen. Die anderen tragen einen flachen Faltkarton, der an einer Kordel baumelt. Mit Verschwörermine schaffen sie ihre Beute heim.

In den schlichten Behältnissen befindet sich ein Vlaai, ein Kuchen, der typisch ist für die niederländische Provinz Zuid-Limburg. Mal wird er mit Aprikosen oder Kirschen gefüllt. Dann wieder kursiert er in Varianten mit Sahnehaube und Schokosplittern. Am unwiderstehlichsten aber ist er, wenn er mit der traditionellen lockeren Reispuddingcreme daher kommt. Ein Vlaai also ist in Maastricht eine veritable Trophäe – und so werden die populären Backwaren auch in den Schaufenstern präsentiert. Eine gute Adresse für eine repräsentative Kostprobe ist die Bischopsmolen, eine Wassermühle aus dem elften Jahrhundert.

In einem Gässchen am Rande der Innenstadt gelegen, befindet sich hier seit drei Jahren eine Art Erlebnisbäckerei: Hier wundern sich Kinder über rustikale Anlagen und archaische Fertigungsprozesse. Hier bestaunen Erwachsene die wechselvolle Geschichte des Bauwerks. Später kehren Familien gemeinsam ins hauseigene Café ein, um ein Stück Vlaai ihrer Wahl zu verspeisen. Wer richtig Feuer gefangen hat, kann hier übrigens auch an einem Schnellkurs teilnehmen und wird in gängige Rezepturen und die Grundzüge der Rohstofflehre eingeweiht.

Zum Vlaai wird nicht nur Kaffee serviert, sondern auch niederländischer Wein. Kein Witz: Auf den Steilhängen vor den Toren der Stadt gedeihen mittlerweile beachtliche Mengen an Rebstöcken. Dank nahrhafter Kalk- und Lössböden und eines günstigen Mikroklimas erreichen zum Beispiel die Güter „Apostelhoeve“ und „Hoeve Nekum“ erstaunliche Resultate. Das ist nicht unbedingt eine Folge des Klimawandels, denn es wird berichtet, dass Maastricht schon zu Zeiten der Römer eine Reputation als Weinanbaugebiet besessen hat. Diese gewinnt es nun sukzessive zurück – auch wenn Riesling und Pinot Grigio mit Preisen ab zehn Euro im Liebhabersegment angesiedelt sind.

Skeptiker, die hinter dem limburgischen Weinbau den linkischen Versuch der Niederländer wittern, nach der Tomatenproduktion nun ein weiteres landwirtschaftliches Spitzenprodukt zu verwässern, können beruhigt sein: Genug Weinberge, um die Weltmarktvorherrschaft anzustreben, werden im südwestlichen Landzipfel rund um Maastricht nie vorhanden sein.

Oben vom Sint Pietersberg genießt man zudem den schönsten Blick auf die Stadt an der Maas, die gemeinsam mit Nimwegen um den Titel der ältesten Stadt des Landes streitet. Der Hügel, der gut 100 Höhenmeter in den Himmel ragt, ist von der Stadt aus bequem zu Fuß erreichbar. Der Weg lohnt, denn auch unterhalb den Rebstöcke entfaltet sich hier Erstaunliches: Ein einzigartiges Grottenlabyrinth mit mehr als 20 000 Gängen, die im Laufe der Jahrhunderte durch den Abbau von Mergel entstanden sind.

Dass die Auferstehung der niederländischen Weinkultur von Maastricht ausgeht, ist übrigens kein Zufall: Die Stadt besitzt in den Niederlanden den Ruf einer Gourmethochburg. Die Restaurants „Beluga“ (zwei Michelin-Sterne) und „Cuisinier Toine Hermsen“ etwa rangieren unter den zehn besten des Landes – von trendiger Fusion-Küche bis hin zu burgundischen und provenzalischen Spezialitäten scheint die Auswahl für eine Stadt mit nur knapp 120 000 Einwohnern geradezu verschwenderisch.

Gerne kokettiert das 2050 Jahre alte Maastricht denn auch mit seiner – freilich sehr relativen – Nähe zu Frankreich. Aber das nicht zu Unrecht, denn neben dem Savoir-vivre ist den „Mestreechteneren“ (die einen auch für Niederländer kaum verständlichen Dialekt sprechen) eine gewisse Unaufgeregtheit nicht abzusprechen. Ein Spaziergang in der Dämmerung auf den Relikten der mittelalterlichen Stadtmauer ist, ähem, pure Romantik.

In den Einkaufsstraßen ist der Trubel vor allem an Samstagen beträchtlich. Auf dem Marktplatz preisen die Händler Matjes und Makrelen an. Unterdessen begeben sich die modebewussten Südlimburger in den meist kleinen Geschäften rund um die Grote Straat auf die Suche nach eleganter Kleidung. Seit wenigen Monaten auch in zwei nagelneuen Einkaufszentren, die subtil ins Stadtbild eingefügt wurden. Eines davon heißt Mosae Forum und beherbergt an Sonntagen den größten Feinschmeckermarkt der Benelux-Staaten. Die wohl außergewöhnlichste Attraktion der mehrmals hintereinander zur beliebtesten Shopping-Destination der Niederlande gewählten Stadt aber ist die Buchhandlung Selexys, seit 2006 in einer mitten im Zentrum gelegenen Dominikanerkirche etabliert.

Maastricht, dessen Ruf immer noch von dem 1992 hier ratifizierten Vertrag zur Europäischen Union profitiert, könnte mit all dem zufrieden sein. Doch die Stadt ruht sich nicht selbstgefällig aus: Nur wenige Schritte vom Zentrum entfernt führt eine elegante neue Fußgängerbrücke über die Maas in das Viertel „Ceramique“. Wie der Name schon andeutet, waren hier einst Produktionsstätten der Keramikindustrie beheimatet. Mittlerweile jedoch ist das Areal so etwas wie das Yuppie-Viertel der Stadt. Optischer Dreh-und Angelpunkt der Stadt ist hingegen das Bonnefanten-Museum, das 1995 vom italienischen Star-Architekten Aldo Rossi fertiggestellt wurde. Es beherbergt sowohl niederländische Meister als auch zeitgenössische Kunst und ist eine weithin sichtbare Landmarke.

Optionen satt also, um jener Zeitlinie entgegenzusteuern, an der sich die heimische Bevölkerung in zwei Gruppen aufspaltet. Für Besucher aber gilt selbstverständlich: Erst einen Vlaai in Sicherheit bringen. Und dann in einen Korbstuhl fallen.

Informationen:

Auskünfte zu einem Maastricht-Besuch gibt das Fremdenverkehrsamt VVV auf seinen umfangreichen deutschsprachigen Internetseiten und am Ort in Het Dinghuis, Kleine Staat 1. Es liegen Broschüren auf Deutsch aus.

Besonders gemütlich ist es in Maastricht an Samstagen. Die Geschäfte sind dienstags, mittwochs und freitags von 9 bis 18 Uhr geöffnet, donnerstags von 9 bis 21 Uhr, samstags von 9 bis 17 Uhr (manche bis 18 Uhr) und montags von 13 bis 18 Uhr. An jedem ersten Sonntag haben die Läden zudem von 12 bis 17 Uhr auf. Freitags findet von 8 bis 13 Uhr ein großer Warenmarkt auf dem Marktplatz statt, täglich ein kleinerer Lebensmittelmarkt an selber Stelle.

Parken kann man zum Beispiel an der Maas unter der John-F.-Kennedy-Brücke, über die man bei der Anreise kommt. Ganztagestickets kosten fünf Euro, der Fußweg in die City beträgt zehn Minuten.

Das Bonnefantenmuseum ist täglich außer montags. von 11 bis 17 Uhr geöffnet (Avenue Céramique 250, Eintritt: 7,50 Euro), für das Niederländische Architekturinstitut (Avenue Céramique 226) gelten dieselben Öffnungszeiten, der Eintritt kostet fünf Euro.

Durch die Grotten am Sint Pietersberg werden in den Sommermonaten täglich Führungen angeboten (stündlich von 11 bis 16 Uhr). Treffpunkt ist das nahe gelegene Chalet Bergrust (Luikerweg 71). Die Teilnahme kostet 4,25 Euro für Erwachsene und 3,25 Euro für Kinder. Der Besuch kann auch mit einer Schiffstour auf der Maas kombiniert werden (10,45/7,15 Euro). In den Grotten herrscht dauerhaft eine Temperatur von neun bis zehn Grad, daher sollte an passende Kleidung gedacht werden.

Weingut Apostelhoeve Besuch auf Anfrage per E-Mail oder Telefon bei der Familie Hulst (Susserweg 201, 6213 NE Maastricht, [TEL] 0031/ 43/343 22 64). Weingut Hoeve Nekum (Nekummerweg 31, 6212 NK Maastricht, [TEL] 0031/43/ 321 51785).

GASTRONOMIE:

Frühstück: Bei Simply Bread gibt es Bio-Sandwiches, Low-Fat-Ciabatta und Smoothies (Stationsstraat 36, 0031/43/325 99 29)

Abends: Restaurant O , trendiges Fischrestaurant im Viertel Wijck (Rechtstraat 76, [TEL] 0031/43/ 325 97 47, Reservierung nötig).

Beluga Nxt Door (Koestraat 2-6) ist das hippe Zweitrestaurant des vornehmen Zweisternerestaurants Beluga.

www.vvv-maastricht.eu

www.bisschopsmolen.nl

www.bonnefanten.nl

www.naimaastricht.nl

www.apostelhoeve.nl

www.hoevenekum.nl

Die Geschichte ist in ähnlicher Form zuerst im Kölner Stadt-Anzeiger erschienen:

www.ksta.de

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Ruhe für Rastlose: Die Insel Schiermonnikoog

Thijs de Boer kennt das Phänomen: Zu Tausenden fallen die Besucher auf Schiermonnikoog ein. Zweimal pro Jahr. Wochenlang herrschen dann tumultartige Zustände auf dem kleinen Eiland. Für den Mann mit dem wettergegerbten Gesicht wird es nun höchste Zeit, sich auf die Lauer zu legen. Er will Art und Anzahl der Eindringlinge sondieren. Es ist früher Morgen, als de Boer mit Fahrrad und Fernglas ausrückt. Der Wind bläst hart aus Nordwest.

Während der Sonnenaufgang den Himmel melodramatisch einfärbt, ist der hagere Mann darauf fixiert, größere Populationen jener Zugvögel zu erspähen, die ab Mitte September auf der kleinsten bewohnten Nordseeinsel der Niederlande eine Flugpause einlegen.Seinen ersten Zwischenstopp legt de Boer heute am Westerplas ein. Zwar fürchtet er, dass die lustigen Löffler mit ihren langen Schnäbeln ihr Sommerdomizil an dem Süßwassersee bereits verlassen haben. Dafür aber liege es im Bereich des Möglichen, dass sich der Große Brachvogel blicken lasse – und der verfüge über ein nicht weniger kurioses Utensil zur Nahrungsaufnahme.

Knutt, Zwergmöwe und Basstölpel hofft der pensionierte Lehrer dann bei seinem zweiten Halt in den Dünen anzutreffen. Erst zum Winter erwartet er die großen Schwärme von Ringel- und Weißwangengänsen.

Obwohl die Insel nur 16 mal 4 Kilometer misst, ist im Nordwesten von Schiermonnikoog kein Ende der sandigen Hügellandschaft in Sicht. Nicht ohne Sinn für Übertreibung haben die Niederländer den welligen Pfad hinunter zum Meer „Bergweg“ getauft.

Thijs de Boer

Thijs de Boer

Anders als auf den übrigen Watteninseln ist der Pfad nicht eingezäunt: Auf Schiermonnikoog haben Hobbyornithologen und Wanderer freien Zugang zu den sensiblen Biotopen. Eine Freiheit, die möglich ist, weil auf der Insel nur im Luftraum Betrieb herrscht – die Einwohnerzahl hingegen beläuft sich auf weniger als 1000. Auch Menge und Bewegungsradius der Besucher sind nicht einmal in der Hochsaison groß genug, um für Flora und Fauna eine Gefahr darzustellen.

Während sich die Dünen verschwenderisch weitläufig geben, ist vom Strand kaum etwas zu sehen. An ruhigen Tagen ist er mancherorts bis zu einem Kilometer breit. Dann rühmt er sich, einer der breitesten in Europa zu sein.

Heute aber ist das anders: Kumulus- und Zirruswolken ringen um die Vorherrschaft am Himmel. Bis zum Horizont brechen bedrohlich wirkende Wellen. Und der Wind treibt das Wasser so weit ans Land, dass der zitronengelbe, auf Stelzen stehende Pavillon am Ende des Badwegs nur noch mit dem Boot erreichbar ist.

„Schicksal des Inselbewohners“, kommentiert Thijs de Boer lakonisch. Wenn Windstärke und Wasserstand dies nicht zulassen, sei es schließlich keine Seltenheit, dass auch die Fähren zum Festland nicht verkehren. „Wir wissen also, was es heißt, vom Rest der Welt abgeschnitten zu sein.“

An den Tagen der Isolation bleibt den Bewohnern des einzigen Inseldorfes das „Van der Werff“. Mit seinen weißen Fassaden strahlt das Hotel eine Würde aus, die an mondäne Badeorte längst vergangener Epochen denken lässt. Die Zimmer allerdings sind leicht abgehalftert. Tatsächlich reicht die Geschichte des Hauses bis ins Jahr 1726 zurück. Seinerzeit fungierte es als Kombination aus Rathaus, Post und Gericht. Heute ist der angenehm altmodische Salon so etwas wie der Mittelpunkt des sozialen Lebens von Schiermonnikoog. Wenn es Einheimischen nach Konversation verlangt, kommen sie hierhin.

Schwarzweißfotos, holzgetäfelte Wände und samtbezogene Sessel prägen die nostalgische Aura des Salons, der über die Jahrzehnte hinweg eine fast schon Stolz ausstrahlende Patina angelegt hat. Den Geschichten, die hier erzählt werden, bekommt dieses Umfeld. Auch Seemannsgarn ist den Inselbohemiens nicht fremd.

Davon hat Auke Talsma reichlich auf Lager. Als einer der letzten Insulaner übte er bis in die siebziger Jahre den Traditionsberuf des Walfischers aus. Obwohl der Naturmensch heute vorzugsweise Hecke und Hortensien im Garten seines Häuschens pflegt, sieht er auch im Alter von 74 Jahren noch wie ein Vorzeigeseebär aus.

Talsmas Domizil befindet sich zwischen Middenstreek und Voorstreek, den beiden schönsten Straßen des Ortes. Hier scheinen die Sommermonate im Zeichen eines inoffiziellen Wettbewerbs um die opulenteste Vegetation zu stehen. Die Anordnung ausdrucksstarker Farben liegt ihn: Als Mitglied des Künstlerklubs „De Kwast“ bannt er seine Erinnerungen auf Leinwand. Ein Leben zwischen Insel und Meer.

So hält es auch Thijs de Boer. Auf die Frage, was er sonst so mache auf dieser Insel, wo die Hauptattraktion darin liege, dass es außer der Natur keine Attraktionen gibt, auf diese Frage also antwortet de Boer, dass er und seine Frau Annelies ein kleines Muschelmuseum aufgebaut haben.

Rund 1500 Exponate sind hier zu sehen. Fundstücke, die das Paar aufgelesen hat. Bei Exkursionen, die nie langweilig werden. Vor allem dann nicht, wenn sich die Zugvögel auf der Nordseeinsel von den Strapazen ihrer Reise erholen.Auf der Insel ist ein Besucherzentrum eingerichtet, von wo aus Exkursionen und Ausflüge in den Nationalpark mit und ohne Führer angeboten werden. Neben Wanderungen und Fahrradtouren können auch Busfahrten am Strand (Balgexpres), Kutschfahrten oder Bootstouren unternommen werden.

Das Dorf, der Bancks-Polder, die Umgebung des Dorfes mit Eisbahn, Campingplatz und dem Berkenplas sowie das Dünengebiet im Norden des Dorfes gehören nicht zum Nationalpark. Auf dem Polder sind Milcherzeuger angesiedelt, an einigen Stellen wird Mais angebaut. Hier überwintern große Verbände von Ringel- und Weißwangengänsen.

Die Geschichte wurde zuvor über dapd veröffentlicht, unter anderem auf Spiegel Online: http://www.spiegel.de/reise/europa/insel-schiermonnikoog-ruhe-fuer-rastlose-a-723058.html

Die Reise wurde vom Niederländischen Büro für Tourismus und Convention unterstützt.

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Rundflug über La Réunion im Zweisitzer

Um 5.15 Uhr geht der Wecker. Nach einem Croissant ohne Kaffee nehmen wir Kurs auf ein Industriegebiet im Nordwestvon La Réunion. Hier hat sich Felix Ulm niedergelassen. “Ein Deutscher?”, frage ich schlaftrunken. Nur um mich dann belehren zu lassen, dass ULM für “ultra light/micro light aircraft” steht. “Eine Abkürzung”, knurre ich, “die keinen Sinn macht”.

Es wird gerade hell, als mir ein Pilot zugeteilt wird: Serge, ein kerniger Typ, der mich sofort an Jack aus „Sideways“ erinnert. Eine positive Assoziation. Leider verstehe ich sein Englisch noch schlechter, als sein Französisch. Als Serge den 450 Kilo schweren Pappflieger auf die Startbahn schiebt, ist es 7.00 Uhr. Mir ist durchaus ein wenig mulmig.

Aber egal, jetzt ist es zu spät für Zweifel. Serge quetscht mich in den Flieger, setzt mir einen Kopfhörer auf und legt mir einen Gurt an. Dann klappt er die Plexiglasaußenwand herunter. Und ohne weitere Verzögerung nimmt die mit nur einem kleinen Propeller ausgestattete Maschine Fahrt auf.

Wir gewinnen rapide an Höhe. Serge fliegt eine 270-Gradkurve, die einen Ausblick über Le Port gestattet, ein verschlafen aussehender Hafen. Nach etwas mehr als einer Minute aber befinden wir uns schon am Ausgang einer Schlucht.

Von Wasser ist in der schattigen Felsenspalte nichts zu sehen. Doch ich habe bereits gelernt, dass auf dem Eiland im Indischen Ozean gerne schonmal 200 Milliliter Regen pro Tag fallen. Das ist ein Drittel des Jahresniederschlags von Köln. Und hier regnet es bekanntlich auch nicht selten.

Wir gewinnen weiter an Höhe. Bald befinden wir uns auf etwa 2000 Metern. Zaghaft werfe ich einen Blick auf die Instrumente. 5350 Stunden hat der Flieger schon auf dem Buckel. Angeblich. Das beruhigt.

Serge fliegt so nah am Gipfel eines Berges vorbei, dass ich glaube, von den Bäumen ein paar Blätter abpflücken zu können.

Langsam kommt das Ende des Talkessels in Sicht. Serge steuert auf den Grat zu, über den die Wolken wie eine zähe Melasse hinwegfließen.

Erst 20 Sekunden, bevor wir bei unserem Tempo von nur 100 Stundenkilometern unweigerlich gegen die Kraterwand geknallt wäre, navigiert Serge den Flieger im Stile eines typisch französischen Hasardeurs über die Kante hinweg.

Auf der Wetterseite dieser bizarren Insel ist zunächst nicht viel zu sehen. Dann aber öffnet sich die Wolkendecke. Überall Vulkankrater. Erst sind sie zugewuchert. Bald jedoch sind sie nackt.

Wir erreichen nun jenen Landstrich, den die Bewohner der nur 40 mal 60 Kilometer großen Insel „Le Volcon“ nennen. 2600 Meter ist das graue Ungetüm hoch. Er gehört zu den aktivsten Vulkanen des Planeten.

Hinter einer Kante, die den inneren Zirkel des Vulkans markiert, wächst und gedeiht nichts mehr, außer ein wenig knorrigem Gestrüpp.

Als wir uns dem Gipfel nähern, muss ich daran denken, was der mitreisende Kollege P. tags zuvor bei der Wanderung gesagt hat: Wenn La Réunion der Arsch der Welt ist, dann ist das hier das dazugehörige Loch.

Meine theatralische Skepsis der frühesten Morgenstunde ist nun einem – schon wieder! – hemingwayeskem Entdeckergeist gewichen. Zumal Papa zwei Flugzeugabstürze überlebt hat.

Was für eine Insel, denke ich. Die Küstengewässer sind haiverseucht. Dahinter Städte und Dörfer mit viel Verkehr. Dann Almen mit Kühen. Akazien, die einsam in der Landschaft stehen. Die Mondlandschaft des Vulkans, auf der zuweilen sogar Schnee liegt, was Tausende in die Höhen treibt. Und schließlich noch diese drei Talkessel mit ihrer üppigen Vegetation und kreolischen Siedlungen.

Ich ertappe mich bei einem verträumten Gedanken: Das ist wie beim Bleigießen hier. Man nehme ein wenig Masse, schmeiße sie ins Wasser. Und heraus kommt so etwas.

Vier Stunden bis Paris. Dann nochmal zwölf Stunden mit Air Austral. Und 170 Euro für diesen einstündigen Rundflug. Doch die weite Anreise lohnt in jedem Fall.

Beim Landeanflug rücke ich noch mal kurz von meinen schwelgerischen Gedanken ab. Doch auch wenn es mir tollkühn erscheint, so landet Serge den Hobel doch sicher auf der Piste. Später erfahre ich, dass wir fünf Minuten zu früh waren, um auch noch in den Genuss brünftiger Buckelwale zu kommen, die sich in den Gewässern tummeln. Aber das wäre der Reizüberflutung dann vielleicht doch zu viel gewesen. Zumindest zu dieser frühen Stunde.

Die Reise wurde vom Fremdenverkehrsamt der Insel La Réunion unterstützt.

www.felixulm.com/start

www.airaustral.com

www.reunion.fr/de

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Romantisches Rovinj: Olivenölbarone und Trüffel-könige

Wäre ich Reiseredakteur, würde ich das hier als "malerisch" oder "pittoresk" bezecihnen.
Wäre ich Reiseredakteur, würde ich das hier als „malerisch“ oder „pittoresk“ bezeichnen.

Istrien gegen Italien

Vor rund zehn Jahren machte ein Kroate auf sich aufmerksam, dessen Name kaum italienischer klingen könnte: Giankarlo Zigante. Mit Hilfe seiner Hündin Diana, so geht die Legende, hatte der Gastronom eine Weißtrüffel gefunden, die mit einem Gewicht von 1310 Gramm bis heute als größte ihrer Art gilt. Vor seinem Restaurant im nordkroatischen Istrien erinnert

Die Batana-Boote werden ausschließlich in Rovinj gebaut - ihre Entwicklung geht auf die venezianische Besatzung zurück
Die Batana-Boote werden ausschließlich in Rovinj gebaut – ihre Entwicklung geht auf die venezianische Besatzung zurück

eine Bronze an den stattlichen Edelpilz, der es als „Milleniumtrüffel“ ins Guinness-Buch der Rekorde gebracht. Dies wäre wohl nicht viel mehr als eine kleine Episode aus dem Gourmet-Universum, wenn nicht schon seit Langem gemunkelt

Trüffel ohne Ende sind das Markenzeichen des Restaurant Zigante
Trüffel ohne Ende sind das Markenzeichen des Restaurant Zigante

würde, dass die istrischen Trüffeln in großen Mengen nach Norditalien geschmuggelt werden, von wo aus sie als kostbare Alba-Trüffel ihren Weg auf die Weltmärkte finden. Nur allzu gut scheinen die Pilzgewächse rund um Livade zu gedeihen, wo ihnen Eichenwälder und sumpfige Böden ideale Wachstumsbedingungen bieten.

Manufaktur für Slowfood-Zubehör

Der geschäftstüchtige Zigante hat mit Export und Etikettenschwindel gebrochen. Im Örtchen Livade etwa 50 Kilometer nordöstlich von Rovinj hat er stattdessen

...im Westen wird sie untergehen
…im Westen wird sie untergehen

aus seinem Fund Kapital geschlagen. Er hat viel Liebe in sein Restaurant gesteckt, bis es 2005 zum Besten des ganzen Landes gekürt wurde. In unweiter Entfernung hat er eine kleine Manufaktur eröffnet, wo er aus Trüffeln Saucen und Pasten produziert. Und diese wiederum sind im Geschenkshop des Restaurants gemeinsam mit allerlei Slowfood-Zubehör erhältlich.

Auch die Yachten aber müssen sich nicht verstecken
Auch die Yachten aber müssen sich nicht verstecken

Trüffeln aber sind nicht das einziges Aushängeschild des neuen kulinarischen Selbstbewusstseins Kroatiens – auch wenn den anderen Hauptdarstellern das Glück weniger offensichtlich in den Schoß gefallen ist als Zigante. In Vodnjan, eine halbe Stunde südöstlich von Rovinj hoch über der Adria gelegen, lädt Chiavalon Sandi zur Ölverkostung.

Aufnahme in die Olivenöl-Bibel

Der schüchterne 30-Jährige hat um die Jahrtausendwende als Hobby mit Anbau und Kultivierung von Ölbäumen begonnen.

Die Gebäude entbehren nicht einer gewissen Grandezza
Die Gebäude entbehren nicht einer gewissen Grandezz

Mittlerweile besitzt er 1100 eigene Bäume, die auf den Anhöhen vorzüglich gedeihen.  Außerdem kauft er die Erträge von 4500 Bäumen hinzu. Nach einigen Experimenten hat er aus sechs verschiedenen Olivensorten eine Cuvée kreiert, die nicht nur seinen persönlichen Ansprüchen genügt: Die italienische Olivenöl-Bibel „L’Extravirgine“ würdigt seine Anstrengungen mit der Vergabe von 94 von 100 Punkten.

Der Olivenölbaron Chiavalon Sandi
Der Olivenölbaron Chiavalon Sandi

In der Degustations-Lounge reicht der Autodidakt seine Produkte in sorgsam ausgesuchten Schwenkern. „Die Öle“, erläutert er, „müssen leicht kratzen, wenn sie im Rachen kreisen. Dann sind die am besten“. Nur von ein paar Bissen Brot neutralisiert, reicht Sandi verschiedene Erzeugnisse. Sie alle eint das Aroma von frisch gemähtem Heu.

Auch der Weinbau genießt auf der Halbinsel nahe der Stadt Triest Tradition. Während des Kommunismus beschränkten sich die Weinbauern auf unspektakuläre Massenware. Gut zwei Jahrzehnte nach dem Zerfall Jugoslawiens jedoch haben sich die Winzer weitgehend von der mittelmäßigen Vergangenheit emanzipiert. Gute Ergebnisse werden vor allem mit der heimischen Rebsorte Malvazija erzielt.

Auch Ivica Matosevic setzt auf die weiße Traube. Der Enddreißiger hat gleichfalls als Hobby mit der Weinproduktion begonnen. In Kruncici am Ende des Lim-Fords, der sich bei Rovinj auf sehenswerte Weise ins Hinterland gräbt, besitzt Matosevic mittlerweile eine stattliche Kellerei. Nicht ohne Sinn für Ironie hat er seinen Trinkwein „Alba“ betitelt. Der Tropfen überzeugt mit mineralischen Tönen, ausgewogener Säure und angenehmen Limonenaromen. Ein schöner Sommerwein. Die zum Teil in Akazienfässern ausgebauten Spitzenweine des Hauses allerdings sind gewöhnungsbedürftig. Doch Irrwege gehören nun einmal zum kulinarischen Selbstfindungsprozess.

Neobarocke Experimente

Experimentierfreudig präsentiert sich neuerdings auch die heimische Hotellerie. Unweit des venezianisch geprägten Rovinj etwa wurde im Frühjahr 2009 das erste Fünfsternehotel

Wer enge Gassen liebt, ist i Rovinj richtig aufgehoben. Die Häuser allerdings sehen nur alt und verfallen aus...
Wer enge Gassen liebt, ist i Rovinj richtig aufgehoben. Die Häuser allerdings sehen nur alt und verfallen aus…

Istriens eröffnet. Die Einrichtung der Zimmer im „Monte Mulini“ ist neobarock angehaucht. Der Blick hinaus geht auf eine bewaldete Halbinsel und das opalfarben schimmernde Meer.

Das Flaggschiff der kleinen einheimischen Kette „Maistra“ gibt sich ebenfalls kulinarisch ambitioniert.  Küchenchef Tomislav Gretic bürgt dafür, dass Kroatien die Zubereitung avancierter Gaumenfreuden nicht mehr kampflos den Italienern überlässt. Der Mann mit der kräftigen Statur, mittellangen Locken und Kinnbärtchen sieht aus wie der Gitarrist einer Metal-Band. Im Restaurant „Wine Vault“ aber zeugen sein Sepia-Rissotto oder der Petersfisch mit gerösteter Petersilie und Schaum vom Spinat von viel Feingefühl. Ein Warnruf an die Gastronomen auf der anderen Seite der Adria.

...in Wahrheit liegen die Immobilienpreise über denen von München
…in Wahrheit liegen die Immobilienpreise über denen von München

Später am Abend schaukeln im Hafen von Rovinj unter Vollmond die ortstypischen Batana-Boote im Wasser. Die Altstadt, in deren Mitte ein venezianischer Campanile in den Himmel ragt, befindet sich auf einer Halbinsel, die dem Festland vorgelagert ist. Trotz horrender Immobilienpreise aber ist hier alles noch weitgehend so wie vor Jahrhunderten: Enge Gassen, schiefe Häuser und Fischrestaurants traditioneller Ausprägung.

Eines davon ist das „Konoba Lampo“, das nur von einem Mäuerchen getrennt direkt am Wasser liegt. Nach einigen neugierigen Fragen über den Auftrieb, der in Istrien allerorten zu verspüren ist, kommt hier das Gespräch abermals auf Giankarlo Zigante. Bei einem Pelinkovac, einem Kräuterschnaps aus einfachem Wein, erinnert sich Graziella Radic an den umtriebigen Trüffelgastronom. Es sei ein offenes Geheimnis, sagt sie, dass dieser die Milleniumstrüffel keineswegs selber gefunden habe. Zigante habe nur am  schnellsten geschaltet und dem Finder einen gehörigen Betrag für die knorrige Knolle geboten. Doch böse sei ihm niemand wegen des Kunstgriffs, den Zigante natürlich abstreitet.  Schließlich hat er den Beweis erbracht, dass sich auch in Istrien Existenzen auf lukullischen Freuden aufbauen lassen.

Informationen:

Istrien ist in der Saison von Anfang April bis Ende Oktober per Flugzeug über die kleinen Flughäfen von Pula oder Rijaka erreichbar. Das ganze Jahr über bildet der Flughafen Triest eine Alternative. In diesem Fall muss auch ein schmaler Streifen von Slowenien durchquert werden. Am schönsten sind die Monate Mai und Juni sowie September und Oktober.

Der weiße Alba-Trüffel wird von September bis Dezember gesucht. Er gilt als teuerste Sorte. Der schwarze Sommertrüffel gedeiht von Mai bis September und ist aufgrund des milderen Aromas weniger kostbar.

Restaurant Zigante, Livade 7, Livade, Kroatien (www.zigantetartufi.com)

Hotel Monte Mulini, 52210 Rovinj. (www.montemulinihotel.com)

Weinbauer Matosevic, HR 52448 Sv. Lovrec. (www.matosevic.com)

Olivenöldegustation: Chiavalon Sandi, Vodnjan (zurzeit keine Internet-Adresse)

Weitere Informationen:

www.croatia.hr

Die Reise wurde vom Hotel Monte Mulini unterstützt.