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Tagträume von einer vergessenen Insel: die Ilha da Culatra in Portugal

Individuelle Mobilität - der Idealzustand

Individuelle Mobilität – im Idealzustand

»Die individuelle Mobilität ist das größte Missverständnis der Menschheitsgeschichte!«. Ständig hörte er sich in letzter Zeit solche Sätze rufen. Dabei wurde er zunehmend ungehalten: Die Alphamännchen, die ihre Autos im Alltag als Waffen einsetzten, um ihren angeblichen Traum vom Reihenhaus in der Vorstadt zu leben. Und diese Püppchen, die in riesigen SUVs durch die City bürsteten. Es war so falsch. Und so sinnlos.

Wasserstraßen waren die einzigen, die er noch ertragen konnte

Wasserstraßen waren die einzigen, die er noch ertragen konnte

 »Höchste Zeit, sie aus unseren Städten zu vertreiben«, polterte er fast täglich. Natürlich hatte er vollkommen Recht. Doch er wusste: sein Kampf gegen die motorisierte Minderheit war aussichtslos. Ebenso, wie seine Zeitgenossen schon bald die letzten Yellowfin-Thunfische als Belag ihrer Sushi vertilgen und wie im Fußball auch weiterhin das Böse siegen würde. Immerhin war es in den letzten Oktobertagen 2016 noch nicht mehr als eine böse Vorahnung, dass die Welt wenig später vollends aus den Fugen geraten würde.

Nicht selten träumte er daheim von solchen Parkplätzen

Nicht selten träumte er daheim von solchen Parkplätzen

Ein bisschen Schwermut – auch am Strand

Reichlich desillusioniert kam er in Portugal an. Er mochte das Land. Südlich der Pyrenäen schien sich niemand darum zu kümmern, wie im Rest der Welt die Uhren tickten. Und hier, im äußersten Westen des guten alten Europas, gönnte man sich dazu ein bisschen Schwermut. Sogar am Strand. Er konnte nicht genau ausmachen, ob das an der Vergangenheit oder an der Gegenwart des Landes lag.

Unorthodox und manchmal garstig. So gab sich die Algarve gerne, wenn man nicht so genau hinasah

Unorthodox und manchmal garstig. So gab sich die Algarve gerne, wenn man nicht so genau hinsah

Hasardeure an der Costa Vicentina

Was ihn schön früher an Portugal erstaunt hatte, war die unbestimmte Verweigerungshaltung. Wo er Sanftheit erwartete, waren die Landschaften schroff und die Vegetation so karg, als würde hier an mehr als 300 Tagen im Jahr ein garstiger Wind gehen. An der Costa Vicentina war an Baden nicht zu denken. Höchstens Hasardeure in Neoprenanzügen wagten sich zum Surfen ins Wasser – aber auch nur dort, wo die Küstenlinie nicht von tückischen Gesteinsformationen gebrochen war, die sich bei Ebbe zeigten.

Felsen und Brandung. Den Atlantik sah er klar im Vorteil

Felsen und Brandung. Den Atlantik sah er klar im Vorteil

Dazu diese Städte mit ihren heute so farbenfrohen Häusern, die spätestens auf den zweiten Blick Nuancen des Verfalls preisgaben. Die rumpeligen funiculars, die viel zu kleinen Menschen bei der Bewältigung unwirtlicher Steigungen halfen. Die Schaufenster der Delikatessengeschäfte mit ihren Fischkonserven und dem merkwürdig britisch anmutenden Portwein. Die herzzerreißende Pracht der azulejos – und der melancholische Stolz einer ehemaligen Weltmacht, die ihren Kummer Abend für Abend in den düsteren Fado-Tavernen ertränkte.

Die Farben, dachte er, die Farben machen einen Unterschied

Die Farben, dachte er, die Farben machen einen Unterschied

Auch er hatte im Flieger Mariza in Dauerschleife gehört, oder Marisa dos Reis Nunes, wie ihr voller Name lautete. Zur Einstimmung auf ein Land, das ihn abermals darüber würde hinwegtrösten müssen, dass der Beginn eines postkapitalistischen Zeitalters weiter weg denn je schien.

»Eine leise Heiterkeit.« Ja so könnte man es wohl ausdrücken

»Eine leise Heiterkeit.« Ja so könnte man es wohl ausdrücken

Träge Stunden auf dem Rocha de Pena

An den ersten Tagen sah er den Störchen bei ihren trägen Flugbewegungen zu. Es gab so viele ihnen, dass man in Deutschland sicherlich von einer Plage gesprochen hätte. Er bestieg auf schmalen Pfaden den Rocha de Pena, um einen anderen Blickwinkel zu erhalten auf Albufeira und die Nachbarorte. Hier war es auch, wo er einem Ruhrgebietsportugiesen bei der stolzen Erklärung zuhörte, dass fast so viele Menschen seine Sprache beherrschten, wie des »Asiatischen« mächtig waren. Die Vegetation war noch immer von einem langen Sommer gezeichnet.

Granatäpfel hielt er für kompliziertes Obst. Doch am Baum machten sie sich gut

Granatäpfel hielt er für kompliziertes Obst. Doch am Baum machten sie sich gut

Er bestellte Oktopussalat, ohne wirklich zu wissen, ob es um diese Spezies besser bestellt war, als um die Yellowfin-Thunfische. Er trank café solos und aß Mandelplätzchen. Hin und wieder las er eine veraltete, aber gedruckte Zeitung. Immer dann dachte er unwillkürlich über ein weiteres Missverständnis nach: die USA. Ein Land, für das seine Zuneigung einst unverbesserlich war.

Im späten Herbst, ja da konnte die Vegetation an der Algarve wieder durchatmen

Im späten Herbst, ja da konnte die Vegetation an der Algarve wieder durchatmen

Nach ein paar Tagen in der Sonne des späten Oktobers, die zur Mittagszeit noch kräftig war, um am frühen Nachmittag unvermittelt matt zu werden und einem diffusen Dunst zu weichen, war er weitgehend versöhnt der Welt. Er überlegte, ob er nach Sevilla fahren sollte, eine Stadt, die er noch nicht kannte, und in der er sich gerne auf die Spuren einiger Romanfiguren begeben hätte. Stattdessen aber nahm er den Bus nach Olhão.

Bevor er an Bord ging, gönnte er sich einen »café solo« in Olhão

Bevor er an Bord ging, gönnte er sich einen »café solo« in Olhão

Olhão: ein verhinderter Strandort

Das Städtchen war ein verhinderter Strandort, denn es musste sich mit einer Randlage begnügen. Vor der Küstenlinie breitete sich ein Gewässer aus, welches das Festland von einer Handvoll oder noch mehr Inseln trennte. In der Lagune herrschte ein Verkehr, der an die Vaporetti in Venedig erinnerte. Zum Glück war die Fahrrinne so schmal, dass hier niemals ein Kreuzfahrtschiff würde anlegen können.

Wenn er einmal für längere Zeit auf die Inseln kommen würde, gönnte er sich ein Wassertaxi

Wenn er einmal für längere Zeit auf die Inseln kommen würde, gönnte er sich ein Wassertaxi

Er hatte Fotos gesehen von diesen Eilanden, die der Zivilisation so nah schienen. Und doch sollte hier das archaische Portugal noch fortleben, dass er bei seinen Besuchen in den 90er Jahren auch noch vorgefunden hatte. Die Markthallen von Olhão ließen gaben diesem Gerücht neue Nahrung: Fischstände, wie es sie immer gegeben hatte (auch roher Thunfisch wurde angeboten), dazu Feigenbrot. Und alles ohne Floskelberieselung in fremden Sprachen.

Wasserhunde? Hatte Obama nicht auch so einen?

Wasserhunde? Hatte Obama nicht auch so einen?

Die Bebauung mit Blick auf die Hafenanlagen allerdings ließ nicht so viel Gutes vermuten. Das sah dem schlechten Geschmack von Investoren aus, die alles im Leben an der Rendite messen. Auch das Boot, an dessen Bord er sich wenig später begeben sollte, war gelinde gesagt etwas unförmig. Doch als das quadratische Gefährt in See stach, mochte er sich auch daran nicht weiter daran stören.

Der Hunger der Gezeiten - aus Sicht des stehenden Vogels

Der Hunger der Gezeiten – aus Sicht des stehenden Vogels

Während sie Kurs of die Ilha da Armona nahmen, schossen links und rechts die Boote durch die Fahrrinne. Fischer standen bis zur Hüfte im Wasser. Einer von ihnen erhielt Unterstützung von einem Portugiesischen Wasserhund, jene Spezies, die auch im Weißen Haus wohnte, als die Welt noch in Ordnung war.

Leben in Pastelltönen - das klang verlockend

Leben in Pastelltönen – das klang verlockend

Trödelleien auf der Ilha da Armona

Als sie auf Armona festmachten, verspürte er direkt den Impuls, hier bleiben zu wollen. Alte Leute, die im einzigen Café vor sich hin trödelten. Nur eine Straße und keine Autos. Häuschen, deren Fenster in fröhlichen Farben umrandet waren. Eine Vegetation, die sich nicht recht entscheiden mochte, ob sie nun euphorisch mediterran war, oder doch eher atlantisch spröde. Am Strand atmete er ein paar Mal tief durch. Ja, das war einer dieser Orte wo er vergessen könnte, wenn er denn irgendetwas vergessen müsste.

Noch wusste er nicht worauf es ankam, wenn er sich hier einmieten wollte

Noch wusste er nicht worauf es ankam, wenn er sich hier einmieten wollte

Nach einer Weile hörte er die Signale des Kapitäns. Das hier war halt nur ein Ausflug – und kein Ausstieg. Es ging weiter durch die Lagune. Vorbei an Stränden, deren Form von heftigen Gezeiten zeugte und vielleicht auch von anderen Launen des Ozeans. Am Horizont konnte er das offene Meer sehen. Die weiß schäumende Gischt. Der Kapitän des floßartigen Bootes entschied sich wohlweißlich für einen Kurs innerhalb der Lagune.

Eine Insel, die ihre Form jeden Tag änderte. Da konnte er sich mit anfreunden

Eine Insel, die ihre Form jeden Tag änderte. Da konnte er sich mit anfreunden

Sie fuhren in nur wenigen Metern Abstand zur Ilha da Culatra um im Hafen des gleichnamigen Ortes erneut festzumachen. Auch hier wieder: keine Autos. Keine Geschwindigkeit. Kein Zeitgefühl. Dafür Häuser, die auf Sand gebaut sind – und die das ganze Jahr über bewohnt werden. Er betrachtete die Schilder über den Eingangstüren und erkannte, dass ihr Leben zwei zentralen Einflüssen unterlag: dem katholischen Glauben und dem Fußball.

Den Tag einen Tag sein lassen. Das konnte man hier

Den Tag einen Tag sein lassen. Das konnte man hier auf der Ilha da Culatra

Auf dem Weg durch den Ort begegnete er einigen Leuten, die hier offensichtlich wohnten. Fischer und Muschelfarmer. Allesamt kleine Menschen mit einer fast archaischen Anmutung, die sich ein freundliches »Bom dia« entlocken ließen. Gleichwohl fühlte er eine gewisse Restskepsis. Schließlich hatte es seinen Grund, dass es hier keine Hotels gab, keine Bespaßungsanlagen für gelangweilte Vorstädter, kein Einkaufszentrum und keinen Konsum.

Glaubensbekenntnisse. Warum nicht? Schließlich wohnte man mitten im Ozean

Glaubensbekenntnisse. Warum nicht? Schließlich wohnte man mitten im Ozean

Bald waren die Grenzen des Dorfes erreicht. Dünen und Wasserbetten wechselten sich nun ab. Es gab Spuren von Vegetation, die offenbar dazu bereit war, den Elementen zu trotzen. Als er in den Dünen lag um für einen Moment das Spiel der Wellen zu beobachten, wusste er noch nicht, dass im namenlosen Nachbardorf noch wahrer Purismus herrschte. Hier gab es nicht einmal Strom. Das schien ihm eine verlockende Aussicht für ein paar einsame Wochen im Frühjahr. Alle paar Tage mal das Handy anschalten. Ansonsten Ruhe. Lesen. Vielleicht ein wenig schreiben. Die Bougainvilleas betrachten und all die anderen Farben auf sich einwirken lassen.

Wenn nur alle Hauptstraße so wären. Diesen Gedanken gestatete er sich einfach

Wären nur alle Hauptstraße so wie auf der Ilha da Culatra. Diesen Gedanken gestatete er sich einfach

Tagträume von vergessenen Inseln

Schon jetzt wusste er: Auf diesen vergessenen Inseln war er nicht das letzte Mal gewesen. Hier ließe sich wohl eine Weile lang ausblenden, dass der motorisierte Großstadtmensch der Gegenwart immer aggressiver wurde. Und notfalls auch, dass die Welt aus den Fugen geraten war.

Einfach aber würde das nicht werden, denn während er im Café Janoca eine Dorade verspeiste, hatte er sich mit seinem stümperhaften Esperanto und seinem charmantesten Lächeln erkundigt, ob er wohl eines der kleinen Häuschen würde anmieten können.

Und wenn das Dorf zu Ende ist...

Und wenn das Dorf zu Ende ist…

...dann ist da noch der Fußballplatz

…dann ist da noch der Fußballplatz

Das Geheimnis der Ilha da Culatra

»Das kommt ganz drauf an«, lautete die sibyllinische Antwort der Besitzerin. Nun verriet sie ihm ein Geheimnis: In der Vergangenheit sei es immer so gewesen, dass die Inselbewohner ihre kleinen Häuschen nur dann einem Besucher überlassen hatten, wenn sie sich an diese gewöhnt hatten und ihnen vertrauten. Um sie von einem solch gewichtigen Schritt zu überzeugen, müsse man sich also häufiger hier blicken lassen. »Vielleicht klappt es dann eines Tages.«

Bademeister? Könnt ihr vergessen!

Bademeister? Könnt ihr vergessen! In allen Sprachen

Seinen Entschluss änderte das nicht. Bis dahin würde er eben im Hotelzimmer auf dem Festland der Brandung lauschen – und von nahen aber doch unerreichbaren Inseln träumen.

Und jetzt? Nur noch Atlantik

Und jetzt? Hinter der Ilha da Culatra ist nur: der Atlantik

Informationen:

Der Flughafen Faro befindet sich in knapp 20 Kilometern Entfernung zu Olhão. Von hier verkehrt mehrmals täglich eine Fähre nach Armona und Culatra. Einen Mietwagen können die Gäste nicht gebrauchen und das Prozedere für die Anmietung eines Hauses habe ich im Text beschrieben. Insofern endet der Infoteil hier abrupt.

Es war noch ein alter Kumpel dabei, der mich hier auf seinem Blog hat schreiben lassen

Es war noch ein alter Kumpel dabei, der mich hier auf seinem Blog hat schreiben lassen

Text und Bilder: Ralf Johnen, Dezember 2016.

Die Reise wurde von Thomas Cook, Neckermann, Visit Algarve und dem Porto Bay Falesia Hotel unterstützt.

Das Porto Bay Falesia Hotel bei Albufeira hat den Autor beherbergt. Obrigado!

Das Porto Bay Falesia Hotel bei Albufeira hat den Autor beherbergt. Obrigado!

Noch mehr Portugal? Elke Weiler vom Meerblog war als Kind da – und nun wieder. Britta Smyrak vom Looping Magazin hat den Leuchtturmwärter auf der Ilha da Culatra interviewt. Und ursprünglich inspiriert war die Geschichte von Nina aka Smaracuja über die Ilha da Culatra.

Mein Kumpel Ralf aber hat auch schon viel über Portugal geschrieben. Schaut mal nach auf Portugal in Schwarzweiß oder fahrt mit ihm nach Porto, eine seiner ultimativen Lieblingsstädte.

3 Kommentare

  1. … klingt wie eine Gegend,die mir auch gefallen würde.
    Der richtige Ort, um den Melancholiker in sich zu entdecken.
    Aber: „Im Fußball gewinnen immer nur die Bösen“, stimmt schon manchmal, aber in diesem Fall, hey: Portugal ist Europameister geworden

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  2. Danke für die schönen Worte. Die Inseln sind wirklich etwas für die schönen Wochen des Jahres mit viel Zeit und wenig Arbeit. Was den Fußball angeht, hat der Autor sich tatsächlich in diesem Falle etwas vergriffen. Ich gönne es natürlich den Portugiesen…

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  3. Pingback: Ein Tag in der modernsten Stadt der Welt: Venedig - BOARDING COMPLETED

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