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Verträumt und unverdorben: Ein Stadturlaub in Leiden

Grachten, Giebel und Historie: Leiden hat alles, was Amsterdam auch hat nur

Grachten, Giebel und Historie: Leiden hat alles, was Amsterdam auch hat. Nur die Touristen fehlen

Noch einmal an einer Gracht sitzen, ohne dass eine Kakophonie aus Kofferrollen den friedlichen Abend durchbricht. Über eine Holzbrücke schlendern, ohne eine Karambolage mit den angetrunkenen Teilnehmern eines Junggesellenabschieds zu riskieren. Oder in einem altholländischen Hofje stehen, ohne sich wie in einem Fotostudio vorzukommen.

88 Brücken in der City reichen jedoch nicht für den Ehrentitel "Venedig des Nordens"

88 Brücken in der City reichen jedoch nicht für den Ehrentitel „Venedig des Nordens“

Bei Gedanken dieser Art habe ich mich zuletzt immer wieder ertappt, als ich zwecks Recherche für meinen Reiseführer in Amsterdam gewesen bin. Immer noch die vielleicht schönste Stadt der Welt, das ja. Aber eben mittlerweile auch fest in der Hand von Touristen – so wie Berlin und Barcelona auch.

Unverzichtbar beim Stadturlaub in Leiden: Ein Sonnenbad im Hortus Botanicus

Unverzichtbar beim Stadturlaub in Leiden: Ein Sonnenbad im Hortus Botanicus

Letzte Woche ist meine nostalgische Vision plötzlich Realität geworden: Vor den Toren Amsterdams in Leiden, wo ich zum ersten Mal seit langer Zeit hingefahren bin.

Sommerlicher Übermut: Schubkarrenladungen voller Blumen

Sommerlicher Übermut: Schubkarrenladungen voller Blumen

Auch grazile Minihäuser mit gewagtem Anstrich gehören zum Stadtbild

Auch grazile Minihäuser mit gewagtem Anstrich gehören zum Stadtbild

Lediglich die Katzen scheinen ein wenig mürrisch

Lediglich die Katzen scheinen ein wenig mürrisch

Nach einem bis dahin weithin trostlosen Frühsommer ist es warm an diesem Tag, die ganze Stadt drängt nach draußen. Studentinnen, die freihändig auf ihren Fahrrädern flöten. Anzugträger, die sich mit blau umrahmten Plastiksonnenbrillen in Korbstühlen fläzen.

So viel Liebe: Eine Bootstour gehört zum Pflichtprogramm beim Stadturlaub in Leiden

So viel Liebe: Eine Bootstour gehört zum Pflichtprogramm beim Stadturlaub in Leiden

Und natürlich alle Besitzer von Booten, die ihre Kühltaschen gepackt und ihre Kumpels einbestellt haben, um ein Ründchen durch die Grachten zu ziehen. Gezellig!

In den Giebelhäusern lebt es sich auch nach 403 Jahren noch "gezellig"

In den Giebelhäusern lebt es sich auch nach 403 Jahren noch „gezellig“

Zum Stehlen schön: Die Rembrandt-Brücke, bei der es sich ehrlich gesagt um eine Replik handelt

Zum Stehlen schön: Die Rembrandt-Brücke, bei der es sich ehrlich gesagt um eine Replik handelt

Die Lebensfreude ist überall sichtbar. Geradezu unverschämt scheint sie auf den Wiesen des Hortus Botanicus, wo die glücklichen Besucher der altehrwürdigen Universität im Halbschatten unter Trauerweiden sitzen. Seit 425 Jahren existiert der Botanische Garten, seit Abenteurer erstmals Pflanzen aus fernen Ländern importieren konnten.

Mit ihrer Corporate Identity als Rembrandt-Stadt fremdelt Leiden noch ein wenig

Mit ihrer Corporate Identity als Rembrandt-Stadt fremdelt Leiden noch ein wenig

Die Tour über das Geflecht aus Wasserstraßen gestattet die besten Ausblicke auf die überwiegend windschiefen Häuser. Viele stammen aus dem 16. und 17. Jahrhundert, als der Handel in Holland florierte und das Städtedreieck aus Amsterdam, Haarlem und Leiden zu den fortschrittlichsten Regionen der Welt zählte.

In den "Hofjes" ist man dafür häufig ganz allein - es sei denn, die Maler sind da

In den „Hofjes“ ist man dafür häufig ganz allein – es sei denn, die Maler sind da

Der Begriff des Handels übrigens umfasst in diesem Fall auch die Ausbeutung der Kolonien – ein heute immer mehr in düsterem Licht erscheinendes Kapitel der Geschichte, das im Völkerkundemuseum ausgiebig beleuchtet wird.

Bei den kleinen Gartenanlagen handelt es sich um die Vorläufer der heutigen Seniorenheime

Bei den kleinen Gartenanlagen handelt es sich um die Vorläufer der heutigen Seniorenheime

Im Jahr 1606, als das wirtschaftlich und intellektuell prosperierende Leiden schon eine Universität hatte, wurde in der Stadt ein Mann geboren, der später einige Berühmtheit erlangen sollte: Rembrandt van Rijn. Der Schöpfer der „Nachtwache“ wird in aller Regel mit Amsterdam in Verbindung gebracht, doch bis 1631 hat er überwiegend in Leiden gelebt. Mit einiger Verspätung, da oberflächliche Touristen auf solche Ansagen anspringen wie nie, versucht Leiden aus dieser Tatsache Kapital zu schlagen. Mir aber sagen Floskeln wie „Rembrandt-Stadt Leiden“ rein gar nichts.

Platz für Göttinnen: Eine DS an der Gracht

Platz für Göttinnen: Eine DS an der Gracht

Ich gehe lieber der Frage nach, wo dieser Rembrandt denn eigentlich seinen Nachnamen her hat – ist es doch in Holland üblich, dass dieser sich auf eine Ortsangabe bezieht. Noch während der Bootstour erfolgt Aufklärung: Tatsächlich fließt durch Leiden ein Seitenarm des Rheins, der sich südlich von Utrecht zunächst als „Leidsche Rijn“ und später zweigeteilt als „Oude Rijn“ und „Nieuwe Rijn“ seinen Weg zur Nordsee bahnt.

Die Studenten wissen, was zu tun ist für das Gelingen eines Sommerabends

Die Studenten wissen, was zu tun ist für das Gelingen eines Sommerabends

Der Fluss, der viel besungen durch meine Heimatstädte Bonn und Köln fließt, weitet sich in Holland zu einem Delta aus. Ich vergesse das manchmal. Doch ich konstatiere zufrieden, dass ich bei meinen Lebensplan, immer weiter rheinabwärts zu ziehen, nicht zwangsweise in Rotterdam enden werde.

Auch arbeiten lässt es sich in diesem Umfeld ganz gut. Sei es mit der Hand...

Auch arbeiten lässt es sich in diesem Umfeld ganz gut. Sei es mit der Hand…

... zwischen den Ohren

… zwischen den Ohren

Über den Nieuwe Rijn führt mit der Koornbrug auch eines der auffälligsten Brückenbauwerke der Stadt. Auf ihr wurde einst mit Getreide gehandelt, nebenan befindet sich mit dem Fischmarkt eine weitere historische Stätte.

Während die hochsommerliche Euphorie Form annimmt, mahnen die Rosen: "Der Verfall kommt unweigerlich"

Während die hochsommerliche Euphorie Form annimmt, mahnen die Rosen: „Der Verfall kommt unweigerlich“

Meine Gedanken schweifen stets ein wenig ab, wenn ich mit so viel Geschichte konfrontiert werde. Wie einfach das Leben doch heute geworden ist – und wie seelenlos, wenn die Leute im Lidl einkaufen, statt auf den vielen Spezialmärkten, die es in Holland immerhin zum Teil noch gibt.

Auch die ehemalige Mehlfabrik hat schon bessere Zeiten gesehen

Auch die ehemalige Mehlfabrik hat schon bessere Zeiten gesehen

Tatsächlich aber bin ich gar nicht nach Leiden gekommen, um mich von der Wucht der Vergangenheit einnehmen zu lassen. Viel mehr will ich mir eine Ausstellung ansehen – und die hat mit dem Bild einer verträumt-pittoresken Stadt so gar nichts zu tun.

Bald jedoch entsteht hier ein neues Pflänzchen: Hashtag Modernisierung

Bald jedoch entsteht hier ein neues Pflänzchen: Hashtag Modernisierung

Der Ausstellungsort ist von geradezu brachialer Natur: Die alte Mehlfabrik, die bis in die 1980er Jahre einer der wichtigsten Arbeitgeber der Stadt war. Das komplette Land hat einst seine Brotingredienzen hierher bezogen. Im Zuge der fortschreitenden Rationalisierung aber wurde Mehl aus Holland zu teuer. Die Fabrik musste schließen und wurde ihrem Schicksal als monumentaler Industriebau mit Ruinenpotenzial überlassen.

Erstmal jedoch ist die Mehlfabrik Ausstellungort. Die Hüpfburg mit Totenkopfapplikation liebe ich sofort

Erstmal jedoch ist die Mehlfabrik Ausstellungort. Die Hüpfburg mit Totenkopfapplikation liebe ich sofort

Auch die Globalisierung als "easy chair" hat etwas

Auch die Globalisierung als „easy chair“ hat etwas

Ein auch heute noch irritierender Anblick, der jedoch in dieser Form bald der Vergangenheit angehören wird. Ehe der wuchtige Betonklotz jedoch zu einem multifunktionalen Komplex aus Loftwohnungen, Hotel und Künstlerateliers umgestaltet wird, ist hier eine Ausstellung zu sehen, die das Zeug zu einem Sommerhit hat.

Auch wenn allerorten Gefahren lauern

Auch wenn allerorten Gefahren lauern

In den beiden Hauptgebäuden setzen sich 20 Künstler aus aller Welt mit der Frage auseinander, in welche Richtung sich der Planet entwickelt, sobald er zu Ende globalisiert ist. Mal plastisch, meist aber abstrakt, oft originell und nicht selten humorvoll, bespielen die Kreativen die sieben Stockwerke mit Installationen, Skulpturen, Videos und Gemälden.

Die Folgen der Digitalisierung: Aus der Encyclopaedia Britannica wird ein Ozean aus Papierschiffchen

Die Folgen der Digitalisierung: Aus der Encyclopaedia Britannica wird ein Ozean aus Papierschiffchen

Gut, dass der Ghana Think Tank auch vor Ort ist

Gut, dass der Ghana Think Tank auch vor Ort ist

So gibt es für die armen Bewohner der "Ersten Welt" noch Hoffnung

So gibt es für die armen Bewohner der „Ersten Welt“ noch Hoffnung

Auch wenn eine Warnung an die Niederländer nicht ausbleiben darf

Auch wenn eine Warnung an die Niederländer nicht ausbleiben darf

Jeder hat eben seinen eigenen Blickwinkel auf die Globalisierung

Jeder hat eben seinen eigenen Blickwinkel auf die Globalisierung

Auch der Autor, wenn er kuscheln will

Auch der Autor, wenn er kuscheln will

Ein unterhaltsamer Parcours durch verschiedene Zivilisationen und Gedankenwelten. Und eine aufwühlende Zwischenstation für den verträumt-nostalgischen Aufenthalt in einer altholländischen Stadt ohne Touristenmassen. Eine Kombination, die fast zu schön ist, um wahr zu sein.

Die Ausstellung "Global Imaginations" hat das Zeug zum Sommerhit: Nichts wie hin!

Er befindet: Die Ausstellung „Global Imaginations“ hat das Zeug zum Sommerhit. Nichts wie hin!

Informationen:

Die Ausstellung „Global Imaginations“ ist bis einschließlich 4. Oktober in der Meelfabriek (Oosterkerkstraat 16-18, Leiden) zu sehen. Öffnungszeiten: Mi–So 12–18 Uhr, Eintritt 7,50 Euro. Die Ausstellung ist auf Initiative des Museums Lakenhal zustande gekommen.

Die Aufforderung gilt sowohl für Hobby-Botaniker...

Die Aufforderung gilt sowohl für Hobby-Botaniker…

Leiden ist mit der Bahn (ICE bis Utrecht) leicht zu erreichen. Ausführliche Informationen über die Stadt unter Leiden Marketing

... als auch für Street-Art-Adepten

… als auch für Street-Art-Adepten

Text und Bilder zum Stadturlaub in Leiden: Ralf Johnen, Juni 2015. Der Autor war auf Einladung von Leiden Marketing, dem Museum Lakenhal und des Niederländischen Büros für Tourismus & Convention in Leiden.

Und natürlich in allen Farben des Regenbogens

Und natürlich in allen Farben des Regenbogens

 

2 Kommentare

  1. Ein gelungener Artikel, der Lust macht, lieber einmal Leiden zu besuchen anstatt immer nur Amsterdam. Für Reisende, die wirklich Land und Leute kennen lernen möchten, sicher eine Empfehlung.

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