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Innerlich leer

Die Pop-Intellektuellen Mark Greif und Diedrich Diederichsen diskutieren in Köln über den Hipster von heute.

Der Hipster hat keinen guten Ruf. Sie zitiert mit Klamotten, Frisur und Habitus irgendwie die Sixties. Und er – ausgestattet mit Pilotenbrille, Pornoschnäuzer und Skinny Jeans – treibt sich in den Straßen der Großstädte herum, wo er überbelichtete Polaroids schießt und ähnlich unnützen Kram macht.

Gerne lebt der stets gut ausgebildete und durchaus wohlhabende Hipster in Städten wie Köln, wo er vorzugsweise im Stadtteil Ehrenfeld durch seine Anwesenheit die Mieten in die Höhe treibt. Politische Botschaften sind ihm ebenso fremd wie subversives Potenzial oder gar der Wille zum Diskurs. Insofern ist die Popkultur, mit der er sich schmückt, für ihn nicht mehr als eine austauschbare Hülse.

„Es ist deprimierend“, sagt Mark Greif (Jahrgang 1975), der als Mitbegründer des Magazins „N+1“ rasch zu einem der avanciertesten amerikanischen Nachwuchsintellektuellen aufgestiegen ist. Im Kölner Literaturhaus ist er nun auf einen Geistesverwandten getroffen, der in den 80ern ähnlich streitbare Thesen entwickelt hat, als es in seiner damaligen Stammkneipe, dem heute ach so hippen Six Pack, noch keine Türsteher gab, und Köln unangefochtener Mittelpunkt der westdeutschen Intelligentsia war: Diedrich Diederichsen (Jahrgang 1957).

Undistinguierte Überlegenheit

Der Mitgründer von „Spex„, der mittlerweile als Hochschullehrer in Wien wirkt, deutet die Hipster von heute als Personen, die für sich eine undistinguierte Überlegenheit gegenüber dem Rest ihrer Generation beanspruchen. „Sie besitzen ein gewisses Gespür und ein bestimmtes Wissen. Beides lässt sich nicht anlesen. Im Ergebnis sind sie unauthentisch, aber das auf authentische Weise.“

Es dauert nicht lange, ehe in diesem Kontext der Name Lana del Rey fällt, das aktuellste Beispiel für ein Popsternchen, das seinen Ruhm einer eher unbestimmten Rückwärtsgewandtheit verdankt. Am ehesten, so Diederichsen, sei da noch die Hoffnung zu erkennen, vom globalen Hype um die Fernsehserie „Mad Men“ zu profitieren. Er, der in den 80ern nicht müde wurde, Bands wie den Gun Club oder The Fall zu huldigen, bringt jedoch auch seine Verachtung für die schottische Band Belle & Sebastian zum Ausdruck, die sich seiner Meinung nach am liebsten auf ebenso weinerliche wie selbstreferenzielle Art mit ihrer Kindheit befassen. Auch das sei Musik für die Hipster von heute.

Nike-Schuhe statt Rauchwaren

Greif sucht derweil in einem endzeitlich anmutenden Pessimismus nach Erklärungen: Die Hipster aus der Zeit nach 2000 seien die erste sichtbare Subkultur, die nicht korrumpiert werden konnte, weil sie bereits korrumpiert an den Start gegangen ist: „Der Verkauf von Unterwäsche war an ihre Bewegung gekoppelt.“ Eine Mitschuld gibt er Magazinen wie „Vice„, die nur mehr ein Gefühl für Rebellion suggerierten, und deren Leser sich anstelle von Rauchwaren an Nike-Turnschuhen erfreuten.

Wo aber ist der gesellschaftliche Überbau entstanden für jene Leute, die aussehen, als seien sie aus  Kodacolor-Filmen rekrutiert? Ist es der indifferent Hang zur Ironie, wie Diederichsen mutmaßt. Oder etwa die Tatsache, dass alle Akkorde schon gehört und alle Melodien schon gespielt sind? Leere und Ratlosigkeit also. „Vielleicht“, bietet Greif an, „liegt es auch an der gestiegenen Lebenserwartung“. Wer schließlich könne heute mit 23 Jahren ernsthaft von sich behaupten, erwachsen zu sein. Bei all den Ungewissheiten der Gegenwart und mit der keineswegs unrealistischen Aussicht vor Augen, bis zu einem Drittel des Arbeitslebens als Praktikant zu verbringen.

Cool wie der Dandy – aber leer

Es folgt ein fast schon apologetischer Deutungsversuch, der allerdings einer gewissen Plausibilität nicht entbehrt. Der Hipster, meint Diederichsen, wolle wohl einfach cool sein, im Sinne von dandyhaft cool. Attraktiv sein und gut ankommen. Doch bei diesem milden Statement verharrt er nicht lange. Womöglich, ergänzt er, könne sich eine Subkultur heute nicht mehr entfalten, weil Leute wie Mark Greif gleich ein Symposium dazu veranstalten – wie auch im Falle der Hipster. Bis hin zu revolutionär-kommunistischem Black Metal aus Skandinavien werde heutzutage alles gleich akademisch ausgeschlachtet.

Es ist eine ebenso ernste wie amüsante und eine durchaus relevante Diskussion. Vielleicht aber ist sie auch bald ein Fall für die Pophistoriker, denn Rettung scheint in Sicht. Ihr Name: Occupy Wall Street. „Plötzlich“, sagt Greif, „waren all die jungen Leute da“. Sie waren wütend und sie hatten ein gemeinsames Ziel: Den Kampf gegen die Finanzwelt – nicht das schlechteste Fundament für eine Jugendbewegung. Greif selbst hat mehrere Ausgaben einer inoffiziellen Postille dazu beigetragen. Und auch Diederichsen gesteht, dass es Hoffnung gibt.

Mit gemischten Gefühlen allerdings muss Programmleiterin Insa Wilke den Abend verfolgt haben. Sie nämlich hatte zu Beginn des Abends freudig kundgetan, dass „endlich“ einmal die jungen Leute den Weg in den Kölner Vorort Bayenthal gefunden hatten. Dann wurden sie demontiert. Oder waren das am Ende keine Hipster bei der Diskussion?

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