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Im Kleinen Saal mit Georgy Tchaidze

Berlin, Konzerthaus, Kleiner Saal Parkett, Gestühl

„Durften sie das?“, sagt die Dame von Platz 3 der Reihe E für Ehrengäste zu mir und nickt in Richtung meines Weinglases. Ich sitze auf Platz 4. Die Dame auf Platz 2: „Das ist die Kinematisierung der Klassik.“ „Haben sie was dagegen?“, frage ich. Ein Naserümpfen, starrer Blick nach vorn. Das sei das absolute „no go“ – mit Getränken auf einem Konzert wie diesem aufzukreuzen. Ich entgegne: „Ach, wissen Sie“ und komme mir blöd vor, mich auf das Sprachniveau heraufbegeben zu haben.

Ran an die Tasten - das wäre zu grobschlächtig ausgedrückt

Ran an die Tasten – das wäre zu grobschlächtig ausgedrückt

Dann kommt Georgy Tchaidze auf die Bühne und beendet die Diskussion unwissentlich, beginnend mit seinem musikalischen Fest. Zunächst Nikolai Medtner, dessen Kompositionen für Tchaidze „diese Atmosphäre des Welkens, Sterbens und Abschieds vom Leben ausstrahlt, an vergangene Epochen erinnert, in überwiegend blassen Farben“.

Wie ein Vogel streckt sich der gebürtige St. Petersburger, als müsse er Sehnen im Hals dehnen und schließt die Augen. Dann setzt er an. Neben seinen Fingern leisten auch die Füße, alles Jahrgang 1988, an den Pedalen Filigranarbeit. So sieht es aus, so hört es sich an und so steht es im Programmheft. „Mit feiner Sensibilität und ausgefeilter Technik“ sei der russische Jungpianist gesegnet, wird die Londoner Tageszeitung „The Telegraph“ darin zitiert, die auf den Emporkömmling aufmerksam geworden war, nachdem dieser den Nachwuchswettbewerb Honens International Piano Competition 2009 als 1. Preisträger abgeschlossen und Mitte März 2012 sein Solodebüt in der Wigmore Hall in London gegeben hatte.

Nun aber Berlin. 3. April 2012, 20 Uhr, Konzerthaus, Kleiner Saal, Parkett, Ehrenplatz. Manchmal hört man die Ledersohle auf das Metall tapsen hier in der zweiten Reihe. Dann eine Pause. Ein Anflug von Applaus von den hinteren Plätzen, doch den erstickt der Pianist mit einer Grimasse. Er presst die Lippen aufeinander und lässt die Mundwinkel nach unten sinken. Was soll das denn, ihr Banausen? Die Dame auf Platz 3 muss schwer durch die Nase atmen.

Georgy Tchaidze nimmt wieder Platz: Sakkoknopf auf und weiter geht's

Georgy Tchaidze nimmt wieder Platz: Sakkoknopf auf und weiter geht’s

Der Pianist beginnt zu schwitzen, seine Schläfe glitzert. Auch die Innenseite des Konzertflügeldeckels reflektiert das Licht. Wie ein Spiegel zeigt er die Hämmer, wie sie auf die Saiten einprügeln, sie manchmal aber auch nur zart anstupsen. Dann wirft Tchaidze eine Hand nach oben, als müsse er den Tasten einen Faden ziehen und staucht seinen Nacken dabei noch mehr. Wo sind wir eigentlich im Programm? Schon bei Prokofjews „Sonate Nr. 4 c-moll op. 29“? Tchaidzes Augen scheinen geschlossen. Ab und an sieht man sie, doch der Blick geht nach oben ins Leere. Sein Mund ist geöffnet wie bei einem Karpfen, der nach Luft schnappt, sie aber nicht braucht. Dann mache auch ich die Augen zu. Lost in Music.

Die Vorstellung ist perfekt. Zur Pause kommt diesmal standesgemäßer Applaus: heftig, beherrscht mit einem einzigen „Juhu!“ und zum richtigen Zeitpunkt. „Er ist definitiv ein grandioser Pianist“, sagt Frau Platz Nummer 3. Ob sie auch nur einen einzigen Fehler gehört habe? Nein, sie könne die Darbietung im Einzelnen nicht beurteilen, sie kenne Prokofjew nicht so genau und sie sei im Allgemeinen auch keine Kritikerin. Dass ich mir die ganze Zeit Notizen mache, lässt sie offenbar zurückrudern. Jetzt aber Pause. Und das Weinglas ist noch viel zu voll, als das Glöckchen das Pausenende akustisch markiert. Ex und ab in die Ehrenreihe.

„Schade, ich dachte, sie würden nicht wieder kommen“, sagt Frau Stuhl 2. Ich sehe kein Glas in meiner Hand und frage, warum schon wieder so direkt? „Dann wären wir ungestört, sie als Mann haben den Tunnelblick, aber wir Frauen haben den Rundumblick, das stört, wenn sie mit dem Telefon Notizen machen, früher gab es Bleistifte.“ “Sind sie denn Musikkritiker?”, will es 3 nun wissen. Nun ja, nicht richtig, aber eben Journalist, als solcher könne ich nicht anders, als Notizen zu machen. „Da wird ja der Täter zum Opfer“, bricht der Mann auf Platz 1 sein Schweigen, um für den Rest des Abends wieder in eine Art angestrengte Lethargie des zum Genießen Gezwungenen zu verfallen.

Nicken, Grinsen, Weiterklimpern: Tchaidze vor einer seiner Dreingaben

Nicken, Grinsen, Weiterklimpern: Tchaidze vor einer seiner Dreingaben

Tchaidze kommt wieder auf die Bühne gebeamt und eilt virtuos zur Hilfe, indem er erneut die Aufmerksamkeit absorbiert. Jetzt Tschaikowsky mit Auszügen aus – ein Blick ins Programmheft – „Die Jahreszeiten op. 37b“. Dann ist wieder irgendwas zu Ende. Der Pianist knöpft sein Sakko zu, steht auf, nimmt Haltung an, lässt applaudieren, knöpft das Sakko wieder zu, und weiter geht’s mit „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky, das ich zum letzten mal im Musikunterricht in der achten Klasse bei Frau Kiemstedt gehört habe.

Da fällt mir auf, die Schuhe trägt Georgy nicht zum ersten mal beim Klavierspielen. Die Sohle ist da besonders abgenutzt, wo sie immer wieder aufs Pedal trifft. Gehört wohl dazu wie die rauen Hände zum fleißigen Maurer oder die ausgebeulten Jackettaschen zum Mathelehrer. Bei den drei Zugaben gibt sich Gregory verschmitzt. Irgendetwas scheint zu grinsen in seinem breiten Gesicht, die absolute Konzentration des Auswendigspielers bekommt Risse. Den letzten Ton begleitet er mit einem fast schon unverschämten Kopfnicken zur Seite. Aus dem Publikum kommen Ansätze von Lachern. Dann rauschen hunderte von Handflächen. Die Menge brodelt, hieße das übersetzt in die Discosprache. Zu recht, denn Tchaidze ist wirklich ein grandioser Pianist.

Georgy Tchaidze zum Nachhören

Konzerthaus Berlin

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