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50 Tage ohne Sonne: Die Polarnacht im norwegischen Kirkenes

Der Hafen von Kirkenes während der Polarnacht

Es werde Licht: Ankunft im Hafen von Kirkenes

Mit der MS Finnmarken zum Wendepunkt der Hurtigruten

Es ist kurz vor 9 Uhr. Ich nähere mich dem Wendepunkt der Hurtigruten. Es ist nicht ansatzweise so dunkel, wie ich vermutet hatte. Schließlich sollen heute an diesem Ort hier zum letzten Mal Sonnenstrahlen zu sehen sein, ehe sich die populäre Licht- und Wärmequelle für die nächsten 50 Tage verabschiedet.[Weiterlesen]

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Am Beispiel Preziosa – Kostbare Momente einer Schiffstaufe (Teil 1)

Der Abend beginnt mit seinem Ende. Das für 18.30 Uhr angesetzte Dinner ist seit einer halben Stunde Geschichte, als ich um 21.00 Uhr durch die Sicherheitsschleuse der “MSC Preziosa” schreite. Ich bin wie so häufig ein wenig hastig auf Reisen gegangen, schnell am Vorabend ein paar Sachen in den Koffer geworfen und online eingecheckt, Sitzplatz geändert. Der Rest muss schon klappen.

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Folge: eine leicht ansteigende Nervositätskurve am Ziel der Reise. Anzüge habe ich gemäß Dresscode zwar im Gepäck, nicht aber den Reisepass, der auf einer Kreuzfahrt in der Regel verlangt wird, sobald das Schiff ablegt. Das kommt mir wieder in den Sinn, als vor mir in der Schlange ausschließlich Menschen mit dem weinroten Reisedokument in der Hand auf Zutritt in den Schiffsbauch warten, der sich an der Pier am Porto Antico vor uns erhebt. Letztlich sieht mich der Sicherheitsmensch mit dem gedrehten Kabel am Ohr nur etwas komisch an, als ich ihm Personalausweis und Handy mit der Buchungsnummer auf dem Display hinhalte. Zutritt kein Problem – die MSC Preziosa wird vertäut liegen bleiben für diese beiden Tage der Taufzeremonie in Genua.

Porto Antico - Dort parkte die "MSC Preziosa" ein

Porto Antico – Dort parkte die “MSC Preziosa” ein

Aber auch die Organisation der Reise bis in die ligurische Regionalhauptstadt war nicht gerade ein Meisterstück. Hinter mir liegen der Flug nach Nizza, drei Stunden Transfer in einem überhitzten, mit zehn Leuten völlig unterbesetzten Reisebus und ein Tagesprogramm mit Schiffsführungen ohne meine Anwesenheit. Immerhin: An der Rezeption sucht man aus hunderten von Schlüsselkarten (Fachsprech: Cruise Card) blitzschnell die passende zu Kabine 11195 heraus, eine mit Balkon von insgesamt 1751 Kabinen des neuen, 333 Meter langen Stolzes der Reederei MSC Crociere, der voll besetzt 4345 Menschen befördern kann.

Kabine mit Aussicht

Kabine mit Aussicht

Ein Page schnappt sich meinen Koffer, wir gehen über dicke, weiche Teppiche. Um uns herum glitzert es überall, Kronleuchter, Spiegel, Augen. Nur Menschen in Abendgarderobe, satt, angeschwipst, bester Laune.

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Ohne zu duschen, in dem Glauben, noch meinen Platz am Dinnertisch einnehmen zu können, werfe ich mich schnell in Schale und lasse Tür Nummer 11195 zufallen. Vorm L’Arabesque versperrt mir ein Schild „Restaurant closed“ sowie eine sediert-freundlich dreinblickende Servicekraft den Weg. Also ab in einen der 17 verspiegelten Gästeaufzüge.

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Auf Deck 14 wartet ein Buffet-Restaurant, das auf einem um Kurven und Ecken mäandernden Tisch von vielleicht 200 Meter Länge 20 Stunden am Tag Speisen vorhält. Als ich mir gerade ein paar Penne auf den Plastikteller löffeln will, ergießt sich ein Meer in die übergroße Pfanne. Ein Mann mit Eimer in der Hand lächelt mich an und beginnt zu rühren. Im Laufe des Tages hat sich die Tomatensauce ungewollt zu einer Art zäher Paste reduziert, da muss man nachbessern.

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Dinner for one

Dinner for one

Eine Tour über Deck

Nach dem Essen in Einsamkeit bleibt noch Zeit für eine self-guided Tour über die Decks. Kurz im verrauchten Casino vorbeigeschaut, zieht es mich an die Frischluft. An einer Eisdiele bestelle ich ein Pistazieneis. Ich komme vorbei an einigen comicartigen, bunten Figuren, die wohl Wasser spritzen können, dem nachts stillgelegten Planschbereich für Kinder. Unterhalb der Schornsteine mache ich ein Foto des MSC-Logos, wer weiß, wofür es gut ist. Dann flackert der Himmel grün auf. Ich drehe mich um…

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Alles ist erleuchtet

Alles ist erleuchtet

…und erblicke den altehrwürdigen Leuchtturm Genuas (Torre della Lanterna di Genova), den mit 77 Metern höchsten in Europa, an dem ebenfalls das Reederei-Logo aufleuchtet. Von seiner Spitze aus schießen grüne Laser in den Nachthimmel Genuas und erbeben eine matrix-artige Schraffur.

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Dann verfangen sie sich gebündelt in Höhe der verglasten Borddisko in luftiger Schiffshöhe, die selbst glitzert und blitzt. Ihr Wummern lässt chartskompatible Technoderivate erahnen. Ich hadere, ob ich mir die Interpretation des Nachtlebens à la MSC geben soll oder nicht, und schlendere leicht unentschlossen umher.

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Über zwei Treppen erreiche ich das „Adults-only Top 18 Exclusive Solarium“ – ein Rückzugsgebiet mit potenziell hoher Sonneneinstrahlung für die Schiffsreisenden, die keinen Bock auf Kinderlärm haben. Zwei der Premierengäste haben den Namen dieses offenen Decks wohl etwas überinterpretiert. Zumindest tummelt sich in einer der Liegemuscheln ein aktives Pärchen. Aus Gründen der Diskretion erhöhe ich meine Schrittfrequenz, muss im Vorbeihuschen aber doch sehen, dass er gerade auf ihrem Bauch sitzt und sich die Hose schließt. Mission accomplished.

Vertigo - Die längste Wasserrutsche auf hoher See (Bild: MCS Crociere)

Vertigo – Die längste Wasserrutsche auf hoher See (Bild: MCS Crociere)

(Bild: MCS Crociere)

(Bild: MCS Crociere)

0.30 Uhr zurück in der Kabine verweist die Reederei noch einmal auf die offiziell zu erlebenden Highlights einer Preziosa-Reise: Auf dem Bett liegt jetzt ein offener Brief von Kapitän Giuliano Bossi, der dieses zwölfte Schiff der Reederei und vierte der Fantasia-Klasse preist, als besondere Neuheit habe die Preziosa mit 120 Metern die längste „Single-Wasserrutsche auf hoher See“ an Bord. Zum Einschlafen entscheide ich mich aus dem für die Premierengäste freigeschalteten Angebot an Pay-TV-Filmen für „Men in Black 3“. Ich träume von parasitären Monsterkäfern und glibbrigen Fischmutanten.

Der Weckton aus dem Handy, jetzt endlich die Dusche, Frühstück im Buffet-Restaurant, das immer noch oder schon wieder auf hat, eine Stadtführung durch Genua, die in etwa simulieren soll, was zahlende MSC-Gäste so buchen können, und schließlich taucht zum ersten Mal “die Göttliche” auf.

Minutenlang schon umwuseln sich die Fotografen vor dem Absperrseil in der Safari Lounge auf der Preziosa, die Pressekonferenz mit MSC-Funktionären und dem Kapitän ist gerade zu Ende. Dann reihen sich ein paar Bouncer in akkuraten Anzügen auf und legen die Hände zusammen. Hinter ihnen passiert, kostümiert und mit Halstuch und getönter Tantenbrille: Sophia Loren.

Sie muss von ihren Begleitern hie und da etwas gestützt werden, 78 ist sie schon, die Leinwandlegende, die in letzter Zeit vor allem mit großer Schere in der Hand vor Schiffsbäuchen gesichtet wurde. Zum zehnten Mal wird sie am Abend als Taufpatin eines MSC-Schiffes das Band mit der Schampusflasche  am anderen Ende durchtrennen. Beim Plausch auf der Bühne erzählt sie, wie sie und die Reederei einst zusammen gefunden haben. Von einem MSC-Manager habe sie vor Jahren einen Anruf bekommen, während der Dreharbeiten zu irgendeinem Film in Kanada. Sie habe sofort die Koffer gepackt, um ihr Engagement als Taufpatin anzutreten. Et cetera pp.

Für 16.30 Uhr ist eine Schiffsführung durch einen der Innenarchitekten angesetzt. Treffpunkt Rezeption. Vielleicht steckt mir der Herr ja noch ein paar prickelnde Infos denke ich und zeige pünktlich Präsenz. Und tatsächlich: Eine Stufe der Wendeltreppe im Foyer habe zwischen 2500 und 3000 Euro gekostet, ist zu erfahren. Eingearbeitet sind geschliffene Kristallglas-Steine. Dann tapst die Gruppe deutscher Journalisten in Richtung „Platinum Theatre“. 1600 Plätze.

Mir kommt die Gaddafi-Geschichte in den Sinn, und ich frage nach: „Libyen wollte eine staatliche Kreuzfahrtgesellschaft gründen und hatte dazu die Schiffspläne erworben“, antwortet Maik Homeyer, Marketingchef bei MSC Kreuzfahrten, der sich ins Grüppchen gemischt hat. Nach dem Sturz Gaddafis übernahm MSC und verabschiedete sich von dem Hai-Plan: Demzufolge sollte im Foyer der Preziosa über zwei Stockwerke ein Pool mit lebenden Haien hinter 30 Zentimeter dickem Glas eingebaut werden. Der Unterhaltung dienen für Schiffe dieser Größe nun eher gewöhnliche Dinge wie eine Bowlingbahn oder ein 4D-Kino, der Entspannung ein Spa mit Behandlungen „auf Basis kostbarer Mineralien“.

2000 Gäste zur Premiere

Bei einem nahtlos anschließenden Gala-Aperitif in einer der 20 Bars und Lounges an Bord flöten sich die Gäste noch schnell ein paar hastige Drinks rein, und dann ist laut Programm Ausschiffung angesagt. Über ein verschränktes Konstrukt überdachter Treppen und Gangways schieben sich die über 2000 Premierengäste – Touristiker, Journalisten, Verrückte – wie ein Lavastrom in ein riesiges Zelt mit durchsichtigen Wänden, das an der Backbordseite auf dem Pier neben der Preziosa aufgebaut ist.

Es könne kalt werden in dieser Frühlingsnacht von Genua, deshalb wurden in italienisch-machohafter Höflichkeit ausschließlich an die Damen Microfaser-Decken verteilt. Diese liegen nun unbenutzt unter den Stühlen, denn im Zelt ist es heiß, Kondenswasser tropft von der Decke.

Einzigartiges Schiffskoloss

Nach einer Stunde ist das Publikum weichgekocht, und die Show fängt an. Viertel vor acht ists. Ein aufgedrehter Anchorman stürzt auf die Bühne und moderiert die Prominenz an, die jetzt im Sekundentakt ins Spotlight tritt. Kapitän Bossi und MSC-Chef Pierfrancesco Vago bewerben den Schiffskoloss als einzigartig. SSC-Neapel-Boss Aurelio De Laurentiis besiegelt mit einem Trikot mit Sonderaufdruck irgendeine Zusammenarbeit. Und Genuas Bürgermeister Marco Doria hopst auf die Bühne: „Dies ist ein sehr wichtiges Event für die Stadt“, betont er die wirtschaftliche Bedeutung der Reederei: 2013 gehen 800 000 Gäste am MSC-Terminal an Bord. Viele von ihnen schwärmen in die Hügel der ligurischen Regionalhauptstadt aus, geben dort hoffentlich viel Geld aus, so Prognose und Hoffnung.

Mit wilden Gesten und zugekniffene Augen singt Lokalmatador
 Guino Pauli, eine Art italienischer Joe Cocker, wie meine Nachbarin treffend bemerkt. Es tritt eine Kompagnie junger Baletttänzerinnen aus Genua auf, es redet ein UNICEF-Abgesandter und erklärt das löbliche Engagement von MSC für die Kinder dieser Welt, und dann wird der “Maestro” anmoderiert: Auch Dirigent und Filmmusiker Ennio Morricone hat MSC gebucht, der ein paar seiner Klassiker nebst Orchester abruft – zum Beispiel „Spiel mir das Lied vom Tod“.

Dann ein lautes Dröhnen. Suchende Blicke allerorten. Springt doch noch eine Lüftung an und verabreicht den Anwesenden die rettende Sauerstoffration, erörtere ich mit meiner Nachbarin. Stattdessen schiebt sich auf der anderen Seite der Pier ein anderer Schiffskoloss lautstark neben das Zelt, die MSC Opera. Und wie angekündigt kreuzt auch die MSC Splendida auf.

Was folgt, ist ein kontemplatives Konzert der Schiffshörner der drei Kreuzfahrtriesen, die wie in „Unheimliche Begegnung der Dritten Art“ (Close Encounters of the Third Kind, 1977) in einen Dialog mit den Zuschauern treten, wie die Außerirdischen in dem Spielberg-Streifen mit der Menschheit. Dazu leuchten abwechselnd weiße Riesenlampions auf den Schiffsbugen auf. Die Show der Giganten erntet Riesenapplaus, dann fahren die beiden Gastschiffe mit 5000 Menschen an Bord wieder ab.

Eine Schiffstaufe ist also ein Megaevent. Und das muss wohl so sein, auch wenn es den Dampfer in Form eines baugleichen Schwesterschiffes, im Fall der Preziosa ist das die MSC Devina, eigentlich schon gibt. Kein Superlativ, keine Revolution, wie es vielleicht eine neuartige Kreuzung aus Flugzeugträger und Resortschiff gewesen wäre.

Aber egal, der Silvester-Countdown muss ran. “Four, three, two, one, g-o-o-o!”, grölt der Anchorman. Und mit einem beherzten Kopfnicken bedient die inzwischen präsente “Göttliche” die Schere. “Perfetto, Mamma mia!”, hallt es durchs Zelt, als die Flasche gegen den Bug klatscht, was die Anwesenden im Zelt allerdings nur auf der großen Leinwand verfolgen können.

Aus Gründen des Aberglaubens der Seeleute dürften Schiffe nur an der Steuerbordseite getauft werden, erläutert der Anchorman. Und das Zelt steht dummerweise auf der anderen Seite der Preziosa. Wohl aus Gründen der Logistik konnte der Koloss nicht anders einparken.

Während der Schampus die Bordwand herab rinnt, rieselt es über der Bühne glitzernde Schnipsel, am Himmel steigen Feuerwerksraketen auf. Dann wird kollektiv wieder eingeschifft. Das Galadinner wartet. Und damit beginnt kurz vor ihrer Jungernfahrt auch auf der MSC Preziosa ein Stück Schiffsalltag: Die prominenten Gäste nehmen an der allgemeinen Verköstigung schon nicht mehr teil. Was bleibt, ist der Name des Schiffs: Preziosa – zu Deutsch: kostbar.

Information:

Ihre einwöchige Jungfernfahrt hat die “MSC Preziosa” bereits hinter sich. Bis Ende des Sommers wird das zwölfte Schiff der MSC-Flotte im westlichen Mittelmeer kreuzen. Eine Nacht an Bord kostet 79 Euro, einwöchige Kreuzfahrten regulär ab 499 Euro. Buchungen unter www.msc-kreuzfahrten.de.

Autor: Stefan Weißenborn, April 2013

Die Reise zur Schiffstaufe wurde unterstützt von MSC Kreuzfahrten in München.