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Island, das Land der Vulkane und des Gammelhais – und das Land, in dem ich vor den Sagenhelden kapituliert habe

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E 15: Der Eyjafjallajökull hat 2010 bei seinem Ausbruch halb Europa lahmgelegt

Einige Flecken auf diesem Planeten benötigen keiner großen Worte. So würde meine schamhafte Erklärung gegenüber einem Reiseredakteur lauten, wenn ich ihm erklären müsste, dass ich mit der Vielzahl von 237 Sagenhelden, deren Wirken mir während vier Tagen in Island zugetragen wurde, schlichtweg überfordert war. [Weiterlesen]

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Montreal – Kanada für Hedonisten

Montreal von oben

Montreal soll eine Stadt der Gegensätze sein? “Ach was”, sagt Annique Dufour. “Wir haben hier höchstens den Boulevard St. Laurent als eine Art Demarkationslinie.” Westlich davon wird mehr Englisch gesprochen. Und im Osten halt Französisch. Gut, räumt die zweisprachig aufgewachsene Enddreißigerin ein, die Wolkenkratzer der Innenstadt unterscheiden sich mit ihrer strikt amerikanischen Architektur dramatisch von der europäisch anmutenden Altstadt. Und der 233 Meter hohe Mont Royal überragt das weitläufige Tal des St. Lorenzstroms weit.
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Sommerfrische im Gezeitenland: Die Bay of Fundy in Kanada

Guy Quinn trägt sein Kajak weit den steinigen Strand hinauf. “Das wird nötig sein”, meint er. Wenig später zeigt er auf zwei helle Punkte, die sich auf einem Felsen befinden. Rund 75 Meter weiter, im eiskalten Wasser. “Auch diese beiden werden nach unserem Lunch nicht mehr da sein”, sagt er bestimmt.

Guy Quinn

Guy Quinn

Dann richtet Guy auf einem angeschwemmten Birkenstamm eine kleine Mahlzeit an: kaltgeräucherter Lachs, dazu Cracker, Gurken, Melone und schwarzen Tee.

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Guy ist ein drahtiger Mann mit einem weißen Vollbart. Ein Typ Kanadier, wie es ihn in der Atlantikprovinz New Brunswick häufig gibt: Im Sommer paddelt er mit Touristen zu den unbewohnten Inseln, die sich vor Deer Island aus dem Meer erheben. Den Rest des Jahres unterrichtet er in Montreal Outdoor- und Umwelterziehung. Aktiv sein und im Einklang mit der Natur leben. Das ist es, was ihn treibt. “Geld und Besitz sind mir nicht so wichtig.”

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Die Mühlen der Zivilisation arbeiten in sicherem Abstand zu Deer Island. Das Eiland im äußersten Südosten des Landes ist nur mit einer Autofähre zu erreichen. Die nächste Stadt von einiger Bedeutung ist Boston, etwa sieben Stunden weiter südlich.

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Plötzlich zeigt Guy in Richtung des besagten Felsens, wo eines der beiden Objekte zum Start ansetzt. Ein Weißkopfseeadler, der nasse Füße vermeiden möchte. Bald darauf gibt auch sein Geselle den Standort auf. Wieder einmal spielen die Gezeiten in der Bay of Fundy den stolzen Raubvögeln einen Streich. Aus dem geruhsamen Frühsommertag auf dem Privatfelsen wird nichts.

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Auch der erste Kajakrumpf wird von den Fluten umspült, die nirgendwo auf der Welt so energiegeladen sind, wie in der Bucht zwischen New Brunswick und Nova Scotia: 17 Meter beträgt der Unterschied zwischen Ebbe und Flut an einigen Orten. Ein Naturereignis, das zweimal am Tag bis weit hinein ins Festland tiefe Furchen hinterlässt.

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Wenn das Meerwasser dann wenige Stunden später zurückkehrt, entwickelt es solche Kräfte, dass es in der Hafenstadt Saint John eine Stromschnelle nicht nur aufhält, sondern regelrecht zurückdrängt. Als “reverse falls”, einen umgedrehten Wasserfall, bezeichnen die Einheimischen das Phänomen.

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Höchste Zeit für die Weiterfahrt. Guy navigiert seine kleine Gruppe um eine Klippe herum. “Ein Wiesel”, jauchzt Ron aus Calgary, als er einen pelzigen Vierbeiner sieht. Doch Guy winkt ab. Das Tier, das über einen Teppich aus Algen gehuscht ist, gehört zu einer begehrteren Spezies. Schließlich blicken wir gerade auf “Mink Island”. Die Insel der Nerze. Trotz der rasant einfallenden Flut bleibt das Wasser spiegelglatt. Ein paar neugierige Seehunde nähern sich den Booten. Sie wollen wissen, wer sich in ihrem Revier tummelt.

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Zurück an Land, verspricht Joanne eine transzendentale Erweiterung des Naturerlebnisses. Schließlich nennt sich die Disziplin, die hier ausgeübt wird, “Kayoga”. Joanne bittet die Wassersportler auf blaue Matten. Es gilt, den Körper von den Anstrengungen des Tages zu entlasten: Mit Strategien zur Dehnung bestimmter Körperteile, dann mit Konzentrationsübungen. Beschwerte sich Ron anfangs noch, dass er kein “Stretcher” sei, ist von seiner Matte nun ein leises Schnarchen zu vernehmen. Als er wieder aufwacht, sagt er: “Wow, sogar das Yoga war gut.”

Lektüre für Champions

Lektüre für Champions

Nur wenige Kilometer weiter südlich versucht sich auch Sarah McDonald an der Vermittlung von Glücksgefühlen. Die 36-Jährige Blondine ist Kapitän der “Elsie Menota”.

Sarah McDonald

Sarah McDonald

Das motorisierte Segelschiff ist im Hafen von “Grand Manan” beheimatet, der größten Insel in der Bay of Fundy. Seit zwölf Jahren sticht Sarah an jedem Sommertag in See, denn die Bucht gehört zu den bevorzugten Refugien für Wale. “Die Flut spült alle zwölf Stunden jede Menge Köstlichkeiten herein”, sagt Sarah: Plankton, Makrelen und Heringe.

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Nach rund zwei Stunden lassen sich tatsächlich zwei Minkewale blicken. Kurz darauf steigt eine stattliche Fontäne aus dem Wasser. Der Vorbote dafür, dass nun ein majestätischer Finnwal seine Flosse zeigen wird. Nur der eine Blauwal, der sich laut Sarah in der Buch tummelt, will sich nicht blicken lassen.

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Auch Sandy Flagg lebt vom Temperament des Wassers. Der 52-Jährige verkauft “Dulse” in allen Variationen – Meeresalgen, die Kenner in Salaten verarbeiten oder in Suppen. Mit beträchtlichem Aufwand pflücken Sandys Gehilfen die Gewächse, wenn die Ebbe es gerade zulässt. In Paketen von bis zu 50 Pfund karren sie ihre Beute an Land, wo sie getrocknet wird. Wenn es das Wetter erlaubt. Das Resultat duftet angenehm nach geräuchertem Salzwasser. Kundin Beth Johnston verrät: “Für mich ist das so gut wie Schokolade.”

The waves are clean, but the water is cold

The waves are clean, but the water is cold

Feinschmecker mit einer etwas konventionelleren Ausrichtung bevorzugen den Hummer, der in der Bucht in rauen Mengen vorkommt.

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In St. Andrews by the Sea gibt es kein Restaurant, das während der Saison nicht wenigstens ein Lobster-Sandwich im Angebot hätte. Der Ort ist nur durch eine schmale Wasserstraße vom US-Bundesstaat Maine getrennt – und er hätte das Potenzial, Kanadas einziges Seebad zu sein.

Vornehm: Das Algonquin Hotel

Vornehm: Das Algonquin Hotel

Doch der bedenkenlosen Vergabe dieses Prädikats steht wiederum die Bay of Fundy im Wege: Durch die Gezeiten kann sich das Wasser nicht aufheizen. Nur selten wird der Atlantik wärmer als zehn Grad – obwohl sich der Ort auf einem Breitengrad mit Wien befindet. NewBrunswick12

Pastellfarbene Holzhäuser prägen das Erscheinungsbild von St. Andrews. Dahinter erhebt sich auf einem Hügel das trutzige Algonquin Hotel.

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Wohlhabende New Yorker wussten die Sommerfrische hier schon vor 100 Jahren zu schätzen. Bis heute laufen zahlreiche amerikanische Yachten in den Hafen ein. Je nach Wasserstand verschwinden ihre Masten hinter den Pier-Anlagen. Aber höchstens für ein paar Stunden.

Immer für eine Überraschung gut: Yoga-Fan Ron aus Calgary

Immer für eine Überraschung gut: Yoga-Fan Ron aus Calgary

Informationen:

Die Bay of Fundy befindet sich zwischen den kanadischen Provinzen New Brunswick und Nova Scotia. Die Anreise erfolgt am besten über Halifax, zum Beispiel mit Condor ab Frankfurt (drei Mal wöchentlich ab 500 Euro). Eventuelle Zwischenübernachtung im Hotel „Prince George“ in der Innenstadt von Halifax: princegeorgehotel.com

Flirt im canadian style

Flirt im canadian style

Die beste Reisezeit sind die Monate von Juni bis Mitte Oktober. Im Juni blühen überall entlang der Straßen tausende Lupinen, im Indian Summer (Frühherbst) verfärbt sich Laub sehr ansehnlich.

Lupinen prägen im Frühsommer die Landschaft

Lupinen prägen im Frühsommer die Landschaft

Während der Sommermonate ist das Klima gemäßigt warm (Höchsttemperaturen 18 bis 28 Grad), am Meer jedoch kann es durch den kalten Ozean immer frisch sein. Bei Aktivitäten auf dem Wasser ist entsprechend warme Kleidung erforderlich.

New Brunswick ist der einzige kanadische Bundesstaat, der offiziell bilingual ist. Überall wird neben Englisch auch Französisch gesprochen.

Die Acadiens sind die französischsprachige Minderheit

Die Acadiens sind die französischsprachige Minderheit

„Kayoga“ auf Deer Island mit „Seascape Kayak Tours“, erreichbar mit der kostenlosen Autofähre ab Back Bay.

seascapekayaktours.com

Walbeobachtung auf Grand Manan mit „Whales-n-Sails“, erreichbar mit der kostenlosen Fähre ab Blacks Harbour.

whales-n-sails.com

Fahrrad fährt man in New Brunswick gerne mal im Kilt

Fahrrad fährt man in New Brunswick gerne mal im Kilt

Übernachtung in St. Andrews by the Sea: Fairmont Algonquin ab etwa 150 kanadische Dollar im Doppelzimmer.

algonquinhotel.com

Weitere Informationen:

tourismnewbrunswick.ca

de.canada.travel

Die Reise wurde vom kanadischen Fremdenverkehrsamt CTC und von Tourism New Brunswick unterstützt.

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Rundflug über La Réunion im Zweisitzer

Um 5.15 Uhr geht der Wecker. Nach einem Croissant ohne Kaffee nehmen wir Kurs auf ein Industriegebiet im Nordwestvon La Réunion. Hier hat sich Felix Ulm niedergelassen. “Ein Deutscher?”, frage ich schlaftrunken. Nur um mich dann belehren zu lassen, dass ULM für “ultra light/micro light aircraft” steht. “Eine Abkürzung”, knurre ich, “die keinen Sinn macht”.

Es wird gerade hell, als mir ein Pilot zugeteilt wird: Serge, ein kerniger Typ, der mich sofort an Jack aus “Sideways” erinnert. Eine positive Assoziation. Leider verstehe ich sein Englisch noch schlechter, als sein Französisch. Als Serge den 450 Kilo schweren Pappflieger auf die Startbahn schiebt, ist es 7.00 Uhr. Mir ist durchaus ein wenig mulmig.

Aber egal, jetzt ist es zu spät für Zweifel. Serge quetscht mich in den Flieger, setzt mir einen Kopfhörer auf und legt mir einen Gurt an. Dann klappt er die Plexiglasaußenwand herunter. Und ohne weitere Verzögerung nimmt die mit nur einem kleinen Propeller ausgestattete Maschine Fahrt auf.

Wir gewinnen rapide an Höhe. Serge fliegt eine 270-Gradkurve, die einen Ausblick über Le Port gestattet, ein verschlafen aussehender Hafen. Nach etwas mehr als einer Minute aber befinden wir uns schon am Ausgang einer Schlucht.

Von Wasser ist in der schattigen Felsenspalte nichts zu sehen. Doch ich habe bereits gelernt, dass auf dem Eiland im Indischen Ozean gerne schonmal 200 Milliliter Regen pro Tag fallen. Das ist ein Drittel des Jahresniederschlags von Köln. Und hier regnet es bekanntlich auch nicht selten.

Wir gewinnen weiter an Höhe. Bald befinden wir uns auf etwa 2000 Metern. Zaghaft werfe ich einen Blick auf die Instrumente. 5350 Stunden hat der Flieger schon auf dem Buckel. Angeblich. Das beruhigt.

Serge fliegt so nah am Gipfel eines Berges vorbei, dass ich glaube, von den Bäumen ein paar Blätter abpflücken zu können.

Langsam kommt das Ende des Talkessels in Sicht. Serge steuert auf den Grat zu, über den die Wolken wie eine zähe Melasse hinwegfließen.

Erst 20 Sekunden, bevor wir bei unserem Tempo von nur 100 Stundenkilometern unweigerlich gegen die Kraterwand geknallt wäre, navigiert Serge den Flieger im Stile eines typisch französischen Hasardeurs über die Kante hinweg.

Auf der Wetterseite dieser bizarren Insel ist zunächst nicht viel zu sehen. Dann aber öffnet sich die Wolkendecke. Überall Vulkankrater. Erst sind sie zugewuchert. Bald jedoch sind sie nackt.

Wir erreichen nun jenen Landstrich, den die Bewohner der nur 40 mal 60 Kilometer großen Insel “Le Volcon” nennen. 2600 Meter ist das graue Ungetüm hoch. Er gehört zu den aktivsten Vulkanen des Planeten.

Hinter einer Kante, die den inneren Zirkel des Vulkans markiert, wächst und gedeiht nichts mehr, außer ein wenig knorrigem Gestrüpp.

Als wir uns dem Gipfel nähern, muss ich daran denken, was der mitreisende Kollege P. tags zuvor bei der Wanderung gesagt hat: Wenn La Réunion der Arsch der Welt ist, dann ist das hier das dazugehörige Loch.

Meine theatralische Skepsis der frühesten Morgenstunde ist nun einem – schon wieder! – hemingwayeskem Entdeckergeist gewichen. Zumal Papa zwei Flugzeugabstürze überlebt hat.

Was für eine Insel, denke ich. Die Küstengewässer sind haiverseucht. Dahinter Städte und Dörfer mit viel Verkehr. Dann Almen mit Kühen. Akazien, die einsam in der Landschaft stehen. Die Mondlandschaft des Vulkans, auf der zuweilen sogar Schnee liegt, was Tausende in die Höhen treibt. Und schließlich noch diese drei Talkessel mit ihrer üppigen Vegetation und kreolischen Siedlungen.

Ich ertappe mich bei einem verträumten Gedanken: Das ist wie beim Bleigießen hier. Man nehme ein wenig Masse, schmeiße sie ins Wasser. Und heraus kommt so etwas.

Vier Stunden bis Paris. Dann nochmal zwölf Stunden mit Air Austral. Und 170 Euro für diesen einstündigen Rundflug. Doch die weite Anreise lohnt in jedem Fall.

Beim Landeanflug rücke ich noch mal kurz von meinen schwelgerischen Gedanken ab. Doch auch wenn es mir tollkühn erscheint, so landet Serge den Hobel doch sicher auf der Piste. Später erfahre ich, dass wir fünf Minuten zu früh waren, um auch noch in den Genuss brünftiger Buckelwale zu kommen, die sich in den Gewässern tummeln. Aber das wäre der Reizüberflutung dann vielleicht doch zu viel gewesen. Zumindest zu dieser frühen Stunde.

Die Reise wurde vom Fremdenverkehrsamt der Insel La Réunion unterstützt.

www.felixulm.com/start

www.airaustral.com

www.reunion.fr/de