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Auch Kleinvieh macht Mist: Der zweite Goldrausch von Dawson City

Mythenumrankter Fluss: der Yukon River

Mythenumrankter Fluss: der Yukon River

„Wunder dich nicht, wenn es hier ein bisschen komisch riecht“, sagt Justin. Doch ich höre ihn kaum, während ich im Dreck stehe und mich etwas versonnen umblicke. Ich habe noch nie vor einer solchen Wand gestanden. Eine Wand aus Permafrostboden, der langsam auftaut. „Das ist nur die Mammutscheiße“, ergänzt Justin. Und das höre ich sehr wohl.[Weiterlesen]

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Fliegen wie zu Omas Zeiten: Mit Air North durch Kanada

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Es ist noch gar nicht so lange her, da war das Fliegen romantisch. Keine kampfbereiten Security-Drohnen. Keine Röntgen-Automaten und keine maliziösen Einwanderungsverhinderungsoffiziere. Dafür durfte man als Reisender noch einen Koffer mitnehmen, ohne abgezockt zu werden. [Weiterlesen]

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Ein altmodisches Vergnügen: In der Condor Comfort Class nach Whitehorse im Yukon

Außer mir nur Jäger und Fischer. So lautet meine spontane Diagnose, als ich mich am 1. September am Frankfurter Flughafen wiederfinde. Ich sitze in der Abflughalle und freue mich auf den Flug in der Condor Comfort Class nach Whitehorse im Yukon. „Right place, wrong guy“, sollte ein Freund über Instagram später kommentieren. Aber das ist eine andere Geschichte.[Weiterlesen]

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Montreal – Kanada für Hedonisten

Montreal von oben

Montreal soll eine Stadt der Gegensätze sein? “Ach was”, sagt Annique Dufour. “Wir haben hier höchstens den Boulevard St. Laurent als eine Art Demarkationslinie.” Westlich davon wird mehr Englisch gesprochen. Und im Osten halt Französisch. Gut, räumt die zweisprachig aufgewachsene Enddreißigerin ein, die Wolkenkratzer der Innenstadt unterscheiden sich mit ihrer strikt amerikanischen Architektur dramatisch von der europäisch anmutenden Altstadt. Und der 233 Meter hohe Mont Royal überragt das weitläufige Tal des St. Lorenzstroms weit.
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Sommerfrische im Gezeitenland: Die Bay of Fundy in Kanada

Guy Quinn trägt sein Kajak weit den steinigen Strand hinauf. “Das wird nötig sein”, meint er. Wenig später zeigt er auf zwei helle Punkte, die sich auf einem Felsen befinden. Rund 75 Meter weiter, im eiskalten Wasser. “Auch diese beiden werden nach unserem Lunch nicht mehr da sein”, sagt er bestimmt.

Guy Quinn

Guy Quinn

Dann richtet Guy auf einem angeschwemmten Birkenstamm eine kleine Mahlzeit an: kaltgeräucherter Lachs, dazu Cracker, Gurken, Melone und schwarzen Tee.

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Guy ist ein drahtiger Mann mit einem weißen Vollbart. Ein Typ Kanadier, wie es ihn in der Atlantikprovinz New Brunswick häufig gibt: Im Sommer paddelt er mit Touristen zu den unbewohnten Inseln, die sich vor Deer Island aus dem Meer erheben. Den Rest des Jahres unterrichtet er in Montreal Outdoor- und Umwelterziehung. Aktiv sein und im Einklang mit der Natur leben. Das ist es, was ihn treibt. “Geld und Besitz sind mir nicht so wichtig.”

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Die Mühlen der Zivilisation arbeiten in sicherem Abstand zu Deer Island. Das Eiland im äußersten Südosten des Landes ist nur mit einer Autofähre zu erreichen. Die nächste Stadt von einiger Bedeutung ist Boston, etwa sieben Stunden weiter südlich.

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Plötzlich zeigt Guy in Richtung des besagten Felsens, wo eines der beiden Objekte zum Start ansetzt. Ein Weißkopfseeadler, der nasse Füße vermeiden möchte. Bald darauf gibt auch sein Geselle den Standort auf. Wieder einmal spielen die Gezeiten in der Bay of Fundy den stolzen Raubvögeln einen Streich. Aus dem geruhsamen Frühsommertag auf dem Privatfelsen wird nichts.

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Auch der erste Kajakrumpf wird von den Fluten umspült, die nirgendwo auf der Welt so energiegeladen sind, wie in der Bucht zwischen New Brunswick und Nova Scotia: 17 Meter beträgt der Unterschied zwischen Ebbe und Flut an einigen Orten. Ein Naturereignis, das zweimal am Tag bis weit hinein ins Festland tiefe Furchen hinterlässt.

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Wenn das Meerwasser dann wenige Stunden später zurückkehrt, entwickelt es solche Kräfte, dass es in der Hafenstadt Saint John eine Stromschnelle nicht nur aufhält, sondern regelrecht zurückdrängt. Als “reverse falls”, einen umgedrehten Wasserfall, bezeichnen die Einheimischen das Phänomen.

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Höchste Zeit für die Weiterfahrt. Guy navigiert seine kleine Gruppe um eine Klippe herum. “Ein Wiesel”, jauchzt Ron aus Calgary, als er einen pelzigen Vierbeiner sieht. Doch Guy winkt ab. Das Tier, das über einen Teppich aus Algen gehuscht ist, gehört zu einer begehrteren Spezies. Schließlich blicken wir gerade auf “Mink Island”. Die Insel der Nerze. Trotz der rasant einfallenden Flut bleibt das Wasser spiegelglatt. Ein paar neugierige Seehunde nähern sich den Booten. Sie wollen wissen, wer sich in ihrem Revier tummelt.

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Zurück an Land, verspricht Joanne eine transzendentale Erweiterung des Naturerlebnisses. Schließlich nennt sich die Disziplin, die hier ausgeübt wird, “Kayoga”. Joanne bittet die Wassersportler auf blaue Matten. Es gilt, den Körper von den Anstrengungen des Tages zu entlasten: Mit Strategien zur Dehnung bestimmter Körperteile, dann mit Konzentrationsübungen. Beschwerte sich Ron anfangs noch, dass er kein “Stretcher” sei, ist von seiner Matte nun ein leises Schnarchen zu vernehmen. Als er wieder aufwacht, sagt er: “Wow, sogar das Yoga war gut.”

Lektüre für Champions

Lektüre für Champions

Nur wenige Kilometer weiter südlich versucht sich auch Sarah McDonald an der Vermittlung von Glücksgefühlen. Die 36-Jährige Blondine ist Kapitän der “Elsie Menota”.

Sarah McDonald

Sarah McDonald

Das motorisierte Segelschiff ist im Hafen von “Grand Manan” beheimatet, der größten Insel in der Bay of Fundy. Seit zwölf Jahren sticht Sarah an jedem Sommertag in See, denn die Bucht gehört zu den bevorzugten Refugien für Wale. “Die Flut spült alle zwölf Stunden jede Menge Köstlichkeiten herein”, sagt Sarah: Plankton, Makrelen und Heringe.

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Nach rund zwei Stunden lassen sich tatsächlich zwei Minkewale blicken. Kurz darauf steigt eine stattliche Fontäne aus dem Wasser. Der Vorbote dafür, dass nun ein majestätischer Finnwal seine Flosse zeigen wird. Nur der eine Blauwal, der sich laut Sarah in der Buch tummelt, will sich nicht blicken lassen.

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Auch Sandy Flagg lebt vom Temperament des Wassers. Der 52-Jährige verkauft “Dulse” in allen Variationen – Meeresalgen, die Kenner in Salaten verarbeiten oder in Suppen. Mit beträchtlichem Aufwand pflücken Sandys Gehilfen die Gewächse, wenn die Ebbe es gerade zulässt. In Paketen von bis zu 50 Pfund karren sie ihre Beute an Land, wo sie getrocknet wird. Wenn es das Wetter erlaubt. Das Resultat duftet angenehm nach geräuchertem Salzwasser. Kundin Beth Johnston verrät: “Für mich ist das so gut wie Schokolade.”

The waves are clean, but the water is cold

The waves are clean, but the water is cold

Feinschmecker mit einer etwas konventionelleren Ausrichtung bevorzugen den Hummer, der in der Bucht in rauen Mengen vorkommt.

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In St. Andrews by the Sea gibt es kein Restaurant, das während der Saison nicht wenigstens ein Lobster-Sandwich im Angebot hätte. Der Ort ist nur durch eine schmale Wasserstraße vom US-Bundesstaat Maine getrennt – und er hätte das Potenzial, Kanadas einziges Seebad zu sein.

Vornehm: Das Algonquin Hotel

Vornehm: Das Algonquin Hotel

Doch der bedenkenlosen Vergabe dieses Prädikats steht wiederum die Bay of Fundy im Wege: Durch die Gezeiten kann sich das Wasser nicht aufheizen. Nur selten wird der Atlantik wärmer als zehn Grad – obwohl sich der Ort auf einem Breitengrad mit Wien befindet. NewBrunswick12

Pastellfarbene Holzhäuser prägen das Erscheinungsbild von St. Andrews. Dahinter erhebt sich auf einem Hügel das trutzige Algonquin Hotel.

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Wohlhabende New Yorker wussten die Sommerfrische hier schon vor 100 Jahren zu schätzen. Bis heute laufen zahlreiche amerikanische Yachten in den Hafen ein. Je nach Wasserstand verschwinden ihre Masten hinter den Pier-Anlagen. Aber höchstens für ein paar Stunden.

Immer für eine Überraschung gut: Yoga-Fan Ron aus Calgary

Immer für eine Überraschung gut: Yoga-Fan Ron aus Calgary

Informationen:

Die Bay of Fundy befindet sich zwischen den kanadischen Provinzen New Brunswick und Nova Scotia. Die Anreise erfolgt am besten über Halifax, zum Beispiel mit Condor ab Frankfurt (drei Mal wöchentlich ab 500 Euro). Eventuelle Zwischenübernachtung im Hotel „Prince George“ in der Innenstadt von Halifax: princegeorgehotel.com

Flirt im canadian style

Flirt im canadian style

Die beste Reisezeit sind die Monate von Juni bis Mitte Oktober. Im Juni blühen überall entlang der Straßen tausende Lupinen, im Indian Summer (Frühherbst) verfärbt sich Laub sehr ansehnlich.

Lupinen prägen im Frühsommer die Landschaft

Lupinen prägen im Frühsommer die Landschaft

Während der Sommermonate ist das Klima gemäßigt warm (Höchsttemperaturen 18 bis 28 Grad), am Meer jedoch kann es durch den kalten Ozean immer frisch sein. Bei Aktivitäten auf dem Wasser ist entsprechend warme Kleidung erforderlich.

New Brunswick ist der einzige kanadische Bundesstaat, der offiziell bilingual ist. Überall wird neben Englisch auch Französisch gesprochen.

Die Acadiens sind die französischsprachige Minderheit

Die Acadiens sind die französischsprachige Minderheit

„Kayoga“ auf Deer Island mit „Seascape Kayak Tours“, erreichbar mit der kostenlosen Autofähre ab Back Bay.

seascapekayaktours.com

Walbeobachtung auf Grand Manan mit „Whales-n-Sails“, erreichbar mit der kostenlosen Fähre ab Blacks Harbour.

whales-n-sails.com

Fahrrad fährt man in New Brunswick gerne mal im Kilt

Fahrrad fährt man in New Brunswick gerne mal im Kilt

Übernachtung in St. Andrews by the Sea: Fairmont Algonquin ab etwa 150 kanadische Dollar im Doppelzimmer.

algonquinhotel.com

Weitere Informationen:

tourismnewbrunswick.ca

de.canada.travel

Die Reise wurde vom kanadischen Fremdenverkehrsamt CTC und von Tourism New Brunswick unterstützt.

NewBrunswick07

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Der geliebte Feind: Die Eisbären an der Hudson Bay in Kanada

Alles unter Kontrolle: Terry Elliott

Alles unter Kontrolle: Terry Elliott

Bob Windsor ist kein Hasenfuß. Er ist in der kanadischen Wildnis aufgewachsen und bezeichnet sich selbst als Trapper. In seiner Freizeit jagt er Vielfraße. Hauptberuflich ist er einer von sechs „Natural Resource Officers“, einer Behörde, die sich eigentlich dem Umweltschutz verschrieben hat, die aber in dem kleinen Dorf Churchill zugleich als Eisbärenpolizei fungiert. [Weiterlesen]

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Montreal – Ein Fest fürs Leben

 

Montreal ist eine Stadt der Gegensätze? “Ach was”, sagt Annique Dufour. “Wir haben hier höchstens den Boulevard St. Laurent als eine Art Demarkationslinie.” Westlich davon wird mehr Englisch gesprochen. Und im Osten halt Französisch. Gut, räumt die zweisprachig aufgewachsene Enddreißigerin ein, die Wolkenkratzer der Innenstadt unterscheiden sich mit ihrer strikt amerikanischen Architektur dramatisch von der europäisch anmutenden Altstadt. Und der 233 Meter Mont Royal überragt das weitläufige Tal des St. Lorenzstroms weit.

Biosphere I

Ach ja, und streng genommen existiere unter der sichtbaren Stadt auch noch ein zweites Montreal. Damit meint die temperamentvolle Frau ein weit verzweigtes System von Gängen und 1500 Geschäften, das große Teile der Innenstadt miteinander verbindet, ohne dass man je das Tageslicht erblicken müsste. Warum? “Naja”, sagt Dufour. “Im Sommer macht es Spaß, hier durch die Straßen zu laufen”. Im Winter hingegen, wenn wochenlang minus 20 Grad herrschen und ein eisiger Wind bläst, sei das kein Vergnügen.

Das Konzept basiert auf einer Idee des chinesisch-amerikanischen Architekten I.M. Pei zurück, der in Montreal einen 47 Stockwerke hohen Wolkenkratzer errichtet hat. Trotz vielfacher Nennung als Aushängeschild der Klassischen Modern ist der “Royal Bank Tower” aber allenfalls oberflächlich ein Zweckbau. Sein kreuzförmiger Grundriss  symbolisiert die katholischen Wurzeln der Stadt. Davon aber redet heute kaum jemand. Viel prägender nämlich war Peis Idee, die Nutzfläche auch unterirdisch fortzusetzen und somit die Keimzelle einer zweiten Stadt zu schaffen. „Dadurch“, so Dufour, „können wir jetzt auch im Winter ein Leben führen, ohne durch Schnee und Matsch zu müssen.“

Neoviktorianisch

Montreal trinkt Wein am Mittag

Nicht nur dadurch aber unterscheidet sich Montreal von den anderen Metropolen  Nordamerikas. Wer an einem Sommermittag durch die Rue Saint Paul läuft, meint unter Realitätsverlust zu leiden: Die Straßen der Altstadt sind mit Kopfsteinpflaster belegt. Die vielen Bistros haben Tische auf die Bordsteine gestellt, auf denen Weinflaschen und Bierkrüge stehen. Und die Kellner servieren nicht etwa schnödes Fastfood, sondern Muscheln, Foie Gras oder Hirsch-Tournedos. Überflüssigerweise meint Dufour erklären zu müssen: “Wir genießen halt das Leben.” Am liebsten auf der Dachterrasse des Boutique-Hotels „Nelligan“. Mit Blick auf den rasant vor sich hinfließenden Strom werden hier oben Cocktails und Käsevariationen aus Quebec serviert.

“Wir”, das sind in dem Fall die 3,6 Millionen Einwohner, die der Großraum Montreal zählt. Zu großen Teilen auf einer Insel im mächtigen St. Lorenz gelegen, kann die Stadt durch ihr Gründungsdatum im Jahr 1642 auch im internationalen Maßstab von sich behaupten, einigermaßen alt zu sein. Das macht Montreal nicht nur zum Stolz der riesigen, französischsprachigen Provinz Quebec, sondern beschert ihr rund ums Jahr staunende Besucher aus den nur 50 Kilometer entfernten USA. “Die kommen, weil hier alles so historisch ist.“ Und weil die Franco-Kanadier so liberal sind, dass sie Alkoholkonsum schon mit  19 gestatten.

Die Altstadt

Pannenhilfe im Stile Quebecs

Auf Drinks müssen die Besucher bis spät in die Nacht nicht verzichten, denn als Zugeständnis an das europäisch geprägte Freiheitsverständnis gibt es in der Provinz Quebec die “Dépanneurs”. Pannenhilfen also, die an die Kioskkultur des Rheinlands erinnern. Hinzu kommt ein reges Nachtleben. Die Variante „sehen und gesehen werden“ gilt im italienischen Restaurant „Buonanotte“ am Boulevard St. Laurent. „Hier sehen die Kellnerinnen aus, als kämen sie gerade von einem Foto-Shooting mit Helmut Newton“, sagt Dufour. Wenn U2 in der Stadt sind, mieten sie das ganze Lokal. Ein unprätentiöser Klassiker, auf den sich viele Montrealer einigen können, ist “Foufounes Electriques” an der Rue Ste. Catherine Est. Hier scheinen leben die Jugendkulturen der vergangenen drei Jahrzehnte alle miteinander vereint.

Talking Machines: Die Gauthier-Ausstellung

Sylvain Lacoursiere sind die Gegensätze und Besonderheiten seiner Stadt etwas mehr bewusst. Der leicht melancholische Lehrer bevorzugt es, mit dem Rad durch Montreal zu fahren. Abgetrennte Wege entlang allen wichtigen Straßen ermöglichen das zumindest von April bis November problemlos. Gästen zeigt der 39-Jährige gerne die Kirche Notre Dame de Bon Secours aus 1771, die vom Ostende des Boulevard St. Laurent gut zu sehen ist. Der Sakralbau erhebt sich am Übergang von Altstadt zu Hafen – und auf seinem Kuppeldach thront eine kulturhistorisch bedeutsame Statue: Das da sei ihre “Lady of the harbour”, die der aus Montreal stammende Poet und Songwriter Leonard Cohen in seinem Song “Suzanne” beschwört.

Boulevard der Einwanderer

Heute blickt die ehrwürdige Dame auf Tretbötchen und immer häufiger auch auf Kreuzfahrtschiffe hinab. Wie in so vielen Städten ist die Uferpromenade mittlerweile auch in Montreal fest in Händen der  Touristen. Bis weit hinein ins 20. Jahrhundert jedoch, sagt Lacoursiere, haben die Matrosen dort hat gearbeitet. Viele waren Einwanderer, die sich entlang des Boulevard St. Laurent niedergelassen haben.

Industrie und Wasser

Immer noch zeugt ein Spaziergang in Ost-West-Richtung von der Reihenfolge, in der “The Main” (so der Name des Boulevards im Volksmund) von den Immigranten vereinnahmt wurde: Erst kamen die Chinesen, deren Viertel direkt an die Altstadt anschließt. Apotheken mit landestypischer Medizin und Supermärkte mit asiatischen Waren sind heute unverzichtbare Bestandteile des Stadtbilds. Es folgten die osteuropäischen Juden mit ihren unverwechselbaren Geschäften, dann die Italiener, die Portugiesen, die Griechen und schließlich die Einwanderer aus der Karibik. So ist die Siedlungsstruktur ein Spiegel der Stadtgeschichte, weit weg von Bankenbauten und Museen von „Downtown“.

Eine Viertelmillion Studenten

Wie Sylvain Lacoursiere betont, sind Multikulturalität und Musik nicht die einzigen Vorzüge, die Montreal zu bieten hat: “Die Kriminalitätsrate ist verschwindend gering. Und die Immobilienpreise sind niedrig.” Eine Dreizimmerwohnung ist in guter Lage schon ab 150 000 kanadische Dollar zu haben. Deshalb zieht es die jungen Leute in die Stadt, an den vier Universitäten sind fast 250 000 Studenten eingeschrieben. Garanten für gute Ideen und zugleich die Kundschaft für die Bars und Restaurants in der Rue St. Denis und im „Quartier Latin“.

Jeden Tag: Schlangen vor Schwartz's Delikatten

Rauchfleisch und Kirsch-Cola

Zurück ins jüdische Viertel am Boulevard St. Laurent, wo eine Menschenmenge geduldig in einer Schlange ansteht. Es ist 12 Uhr mittags und sie alle wollen einen Platz bei “Schwartz’ Delikatessen” ergattern

Ihr gemeinsames Ziel: Ein Rauchfleisch-Sandwich, das hier in rauen Mengen mit Pommes Frites und Kirsch-Cola gereicht wird. Noch so eine Eigenheit der Stadt. Es wird hektisch gebrabbelt, Französisch und Englisch durcheinander. Ein Mann namens Hugo Leclerc sagt quer über den Tisch, dass er schon jetzt darauf freut, wenn die Tage wieder kürzer werden. Nicht, weil er dann nicht mehr draußen sitzen kann, sondern weil dann das beginnt, worauf sich alle Bewohner der Stadt einigen können: Im Oktober nämlich beginnt die Eishockey-Saison. Dann spielen die heiß geliebten Montreal Canadians wieder. Und auf „Les Habitants“ (die Einheimischen) können sich alle Bewohner dieser Stadt einigen. Trotz aller Gegensätze.

Weitere Informationen Zu Montreal:

Anreise: nonstop über München (Lufthansa) oder Frankfurt (Lufthansa, Air Canada). Vom Flughafen Trudeau in die Stadt dauert es mit dem Taxu etwa 30 Minuten (etwa 40 kanadische Dollar)

Quer durch die Stadt: am besten zu Fuß, mit der Metro oder mit dem praktischen Fahrradverleihsystem “Bixi”

Beste Reisezeit für Montreal

Mai bis Oktober, im Hochsommer kann es deutlich über 30 Grad werden, sehr kalte aber nicht sehr schneereiche Winter.

Übernachtungstipps für Montreal:

Cinq a sept auf dem Dach des Hotel Nelligan

Hotel Nelligan (106 Saint-Paul Street West, DZ ab 120 Euro) mitten ind er Altstadt in einem restaurierten Backsteinbau, die sonnige Dachterrasse ist ein beliebter Ort für die “Cinq á sept”, das Äquivalent zur Happy Hour.

Le Petit Hotel (168 Rue Saint-Paul Westm DZ ab 120 Euro), ebenfalls in der Altstadt gelegen und hübsch modernisiert, nur eine Nummer kleiner.

Essenstipps für Montreal

Besonders hübsch ist im Sommer das Bistro “Boris” (465 McGill Street), das einen großen Innehof hat; Buonanotte (3518 Boulevard St. Laurent), italienisches Lokal mit hohem Promi-Aufkommen und gediegener Küche.

Die größte Veranstaltung ist das Montreal Jazz Festival (2012 vom 28. Juni bis zum 7. Juli). Dann treten bis zu 3000 Künstler in der Stadt auf, kostenlose Konzerte auf der Place des Festivals werden von mehr als 100 000 Menschen besucht.

Ralf Johnen, aktualisiert im April 2021. Die Reise wurde vom Kanadischen Tourismusbüro (CTC Deutschland) unterstützt.