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Architektur in Chicago: Wunderland der Wolkenkratzer

Bootstour durch die Wolkenkratzerschluchten von Chicago sind übrigens eine unvergessliche Sache

Chicago gilt als die Wiege der modernen Architektur. Eine Bootstour auf dem Chicago River ist eine radikal urbane Erfahrung.

Ausflugsboot vor der Skyline von Chicago mit Lake Point Tower

Foto: Ralf Johnen

Chicago ist überwältigend. Die Skyline, all die Menschen, überall Restaurants oder Geschäfte. Und am Abend die Lichter. Vor allem auf Reisende, die noch nie in Nordamerika gewesen sind, wirkt all dies extrem anders als Europa. Doch nicht nur das – denn die Stadt verändert sich rasend schnell. Überall gibt es neue Trends, weshalb ein Besuch auch für USA-Veteranen selten einfach nur die Erwartung erfüllt.

Mehr als Form Follows Funtion: Wolkenkratzerarchitektur im Wandel

Mehr als Form Follows Funtion: Wolkenkratzerarchitektur im Wandel. Foto: Ralf Johnen

Was hingegen immer wieder aufs Neue wie eine Premiere wirkt, ist ein Spaziergang durch die Häuserschluchten. Dabei ist es nicht nur die Höhe der Bauwerke, die Bewunderung auslöst. Nein, es sind die vielen Stilrichtungen der Architektur in Chicago, die das Ensemble der Wolkenkratzer einzigartig machen.

Architektur in Chicago heißt Form follows function

Viele von ihnen wurden in Chicago kreiert. Den Anfang haben Henry Hobson Richardson, Daniel Burnham, Louis Sullivan und ein paar ihrer Zeitgenossen gemacht. Letztgenannter Architekt (1856–1924) zeichnet zugleich für das bis heute beschworene Credo »Form Follows Function« verantwortlich.

Ausflugsboot vor der Kulisse des Sears Tower in Chicago

Foto: Ralf Johnen

Dieses haben Modernisten wie Mies van der Rohe erst viel später mit aller Radikalität umgesetzt. Sullivan selbst hat sich nicht davon abhalten lassen, Entwürfe wie das Wainwright Building oder das Kaufhaus von Carson, Pierie & Scott dank reichhaltiger Ornamente mit einer bis in die Gegenwart wirkenden poetischen Kraft zu versehen.

Wassertaxi auf dem Chicago River

Foto: Ralf Johnen

Ein Standardwerk über die Baustile Chicagos trägt den Untertitel »Die Entstehung der kosmopolitischen Architektur des 20. Jahrhunderts«. Das bringt die Sache ziemlich genau auf den Punkt. Auch dank der ersten Wolkenkratzer und Bürogebäude, die mithilfe des neuen Eisenskelettbaus in ungeahnten Höhen vorgestoßen waren, war das Selbstbewusstsein der jungen Metropole 1893 bereits so groß, dass Chicago die Weltausstellung ausrichtete.

Der Sears Tower ragt fast 500 Meter in den Himmel von Chicago

Foto: Ralf Johnen

Vertikales Wachstum

Dies ergänzte das Idealbild von der amerikanischen Großstadt um den Willen, mit europäischen Kapitalen wie Paris oder London mitzuhalten. Die reine Imitation der Vorbilder wurde jedoch bald unter der Realität unbändigen Wachstums begraben. Die Expansion in die Vertikale war nicht mehr aufzuhalten. Noch bevor die Route 66 auch nur ein Gedankenspiel war, dienten den Architekten Chicagos die Fassaden der immer höher werdenden Gebäude als Projektionsfläche für Baustile wie Neogotik und Neoklassizismus.

Brutalismus am Chicago River

Formvollendeter Brutalismus am Chicago River. Foto: Ralf Johnen

Diese Wolkenkratzer zitierten auf fast schon geschwätzige Weise Tempel, Kirchen und andere ehrwürdige Bauwerke des alten Europas. Damit war es spätestens vorbei, als sich 1938 in Person von Mies van der Rohe der letzte Direktor des Bauhaus in Chicago niederließ. Als die Route 66 immer mehr zum Schauplatz einer Migration der Massen wurde, nahm die Kunst des Vertikalbaus eine geschliffene Sachlichkeit an. Somit wurde die Vision Louis Sullivans doch noch umgesetzt. Die Evolution des Wolkenkratzers war damit weitgehend abgeschlossen.

Das formidable Wrigley Building in Chicago gilt als Prototyp der neogotischen Wolkenkratzers

Das formidable Wrigley Building gilt als Prototyp der neogotischen Wolkenkratzers. Foto: Ralf Johnen

Mid Century Modern im Wunderland der Wolkenkratzer

Auch war dem typisch amerikanischen Stil des Mid Century Modern der Weg bereitet, der später in Palm Springs und Los Angeles veredelt wurde. Lediglich die vollverglaste Fassade mit gewölbten Flächen und die effektvolle Verschachtelung einzelner Gebäudetrakte mussten noch erfunden werden.

Dies alles kann sich Besucher ziellos per Pedes erkunden, wobei eine gewisse Vorbildung natürlich nicht schadet. Auch stehen diverse Führungen zur Auswahl. Die vielleicht bequemste Variante ist eine Bootstour, die von der Chicago Architecture Foundation organisiert wird.

Nachdem der Mies kam: Form Follows Function prägt die Vertikalarchitektur in Chicago

Foto: Ralf Johnen

Das Spannungsfeld ist enorm: Der Ableger befindet sich vor dem herzzerreißend schönen Wrigley Building von 1920. Daneben schraubt sich ein Glasturm in die Höhe, auf dem der Name des 45. Präsidenten der USA prangt. Während der folgenden 90 Minuten rücken Dutzende weitere legendäre Bauten ins Blickfeld. Unvergesslich!

Die Marina Towers in Chicago werden gerne mit Maiskolben verglichen.

Die Marina Towers waren Cover-Stars eines Wilco-Albums. Foto: Ralf Johnen

Informationen über Architektur in Chicago

Chicago Architecture Center (CAC): Die Nonprofit-Organisation existiert seit 1966. Ihre Mission ist die Hervorhebung der Bedeutung von Design und Architektur. Diese vermittelt sie im Rahmen von 85 unterschiedlichen Führungen. 2018 ist die CAC in Mies van der Rohes One Illinois Center umgezogen. Seitdem bereichert eine Ausstellung mit einem Stadtmodell aus dem 3D-Drucker das Angebot.

Zu den Features der Marina Towers gehören Parkgaragen in luftiger Höhe

Foto: Ralf Johnen

Chicago Architecture Foundation Center River Cruise: 90 Minuten an Bord der First Lady. 112 E. Wacker Drive, Tel. 312 922 8687. Tickets ab 46 $, Passagiere sollten nicht zuletzt darum 30 Minuten vor Abfahrt vor Ort sein

Eigenständige Architekturführungen durch das Wunderland der Wolkenkratzer bietet übrigens die Webseite von GPS My City über ihre App an.

Lake Point Tower in Chicago als Wolkenkratzer mit geschwungener Fassade

Der Lake Point Tower am Hafen. Foto: Ralf Johnen

Das Tourismusbüro Choose Chicago bietet eine Übersicht mit zehn Gebäudeikonen aus dem Wunderland der Wolkenkratzer. Auch gibt es hier Informationen über die Route 66.

Zur Vorbereitung eignet sich der »Pocket Guide to Chicago Architecture« von Judith Paine McBrien (2014, bestellbar über den Online-Buchhandel).

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