Wenn der Winter langsam in den Frühling übergeht, beginnt die Zeit fürs Sonnenskilaufen im Pitztal. Auf den Pisten geht es dabei zuweilen angenehm einsam zu. Ein Erfahrungsbericht.

Guter Anschub: Skiläufer am Steilhang am Hochzeiger
Okay, um 4.50 Uhr aufstehen gehört nicht zu meinen Leidenschaften. Aber im Dunkeln auf die heimischen Straßen zu schreiten und ein paar verwirrte Vögel zwitschern zu hören, hat dann doch wieder etwas. Und die Aussichten für den Rest des Tages sind auch nicht grad schlecht.

Im Frühjahr viel Platz: Abfahrten am Hochzeiger
Bald sitze ich im ICE nach Frankfurt. Es folgen 90 Minuten am Flughafen. Ein Steig- und ein Sinkflug ohne Zwischenphase. Der immer wieder abenteuerliche Anflug auf Innsbruck. Eine Taxifahrt. Die Skiausleihe in Piösmes. Eine klitzekleine Busfahrt nach Rifflsee – und schließlich das lange, tiefe Durchatmen in der Bergbahn.

Sonnenskiliftwärter im Pitztal
Sonnenskilaufen im Pitztal: Überall braungebrannte Typen
Es ist kurz nach 12, als ich auf 2300 Metern ankomme. Die Sonne scheint auf der Sunnaalm. Es sind neun Grad (im Schatten!) und es ist windstill. Ich blicke mich um und sehe: Berge, Schnee, einen Sessellift und einen braungebrannten Typen mit sportlicher Sonnenbrille und Muskel-T-Shirt, der sich an Aerosmith oder so etwas zu erfreuen scheint. Skifahrer entdecke ich auf den ersten Blick nicht.

Gute Adresse zum Sonnenskilaufen: das Pitztal
Leicht nervös schnalle ich mir die Ski unter. Hightech-Geräte Baujahr 2014, mit einem eingebauten Chip, der angeblich bei der Abfahrt freigesetzte Energie speichert, um sie zur Unterstützung meiner Kurvenfahrkünste im richtigen Augenblick an den Ski zurückzugeben. Als wäre ich ein Hasardeur, der mit der Kombination von Flieh- und Schwerkraft nicht zurechtkommt.

Digitaler Lohn nach der Arbeit: Mobiltelefon-Junkies auf der Berghütte am Hochzeiger
Majestätisches Bergpanorama
Egal. Inzwischen ziemlich aufgeregt arbeite ich mich zum ersten Abgrund vor, den ich mich an diesem letzten nominellen Wintertag alleine herunterstürzen werde. Die erste Diagnose erlaubt Entwarnung: Es handelt sich lediglich um eine Art superlangen Ziehweg zum Sessellift, der mich zum Gipfel des Grubenkopf bringt.

Die Biergarnituren stehen an der Talstation bereit
Auf 2800 Metern blicke ich wieder um mich. Im Süden sehe ich ein majestätisches Bergpanorama. Ich habe sie nicht gezählt, aber es sollen mehr als 30 Gipfel mit einer Höhe von mehr als 3000 Metern sein. In den anderen Richtungen ist das Panorama nicht so prahlerisch, aber kaum weniger beeindruckend. Im Nordosten fällt mir eine grüne Schlucht auf: das Pitztal. Ansonsten herrscht hier oben Winter – trotz der wonnigen Temperaturen.

Normalerweise nur selten Einzelgänger: Snowboarder auf einem Berggrat im Pitztal
Sonnenskilaufen im Pitztal: Einsam am Osthang
Skifahrer sehe ich wieder nicht. Also schiebe ich mich zum imaginären Starthäuschen und setze zu ersten Schwüngen an. Erst zaghaft, aber schon nach ein paar Metern mit einiger Selbstverständlichkeit. Weil sich die Abfahrt an einem Osthang befindet, ist der Schnee griffig. Die Piste ist breit. Verkehr, auf den ich achten müsste, sehe ich wieder nicht. Also fange ich an zu pfeifen. Kurz frage ich mich, welchen Song ich da eigentlich im Kopf habe. Ach ja, es ist »All by myself« von Johnny Thunders.

Klarer Fall einer schwarzen Piste: die Benni-Raich-Abfahrt im Pitztal
Nach ein paar kleineren Pausen stehe ich wieder unten. Immer wieder gut, denke ich als ich im Lift sitze: Dieser Kick, aus dem Bett zu fallen, eine gut geölte Reise anzutreten, und ein paar Stunden später aus dem Lift die Berge an sich vorbeiziehen zu sehen. Mehrmals brettere ich denselben Hang hinunter, mal auf der roten Piste, dann auf der schwarzen. Ein Unterschied ist kaum wahrnehmbar. Auf beiden Strecken herrscht kein störender Verkehr.

80-prozentiger Spaß: der Zirbenfall im Pitztal
Fast 8000 Höhenmeter an Tag 1
So komme ich laut App bis viertel vor Vier auf 7810 Höhenmeter. Nicht schlecht für einen Tag, den ich im heimischen Bett begonnen habe. Ich setze mich ein letztes Mal in den Lift, kann nicht genug bekommen. Ein Rausch der noch anhält, als ich nach der Talabfahrt im Bus zum Hotel sitze.

Auch im Frühling tief verschneit: Höhenlage im Pitztal
Als der lange Tag seinen Abschied in die Nacht feiert, nimmt er abermals eine Wendung: Hotel-Patronin Trudi lädt zur Schneewanderung. Im Dunkeln erklärt sie, was es mit der Dorfhexe von Stillebach auf sich hat und warum sie einen Schlüssel zur Dorfkapelle besitzt. Wir nehmen auf den Sitzbänken der Kapelle Platz, die Wanderer singen fromme Lieder.

Gehört auch dazu: Nachtwanderung mit Fackeln
Trudi sagt, dass es noch nicht viel länger als 30 Jahre her ist, als das Normalität war im Pitztal – und auch andernorts. Ein Leben in Armut und voller Aberglauben. Und ein Leben ohne individuelle Mobilität und Internet. Worte, wie ich sie zuletzt von meiner Großmutter gehört habe. Ich fühle mich demütig, als ich an diesem Sonnenskitag ins Bett falle.

Vor der Sonne geschützt: zwei Skiläufer in einer Eishöhle im Pitztal
Informationen zum Sonnenskilaufen im Pitztal
Das Pitztal ist vom Flughafen Innsbruck binnen 75 Minuten erreichbar. Der nächste Bahnhof befindet sich in Imst.

Plötzlich Winter – auch Neuschnee kann zum Sonnenskilaufen im Pitztal gehören
Das Skigebiet Rifflsee gehört zum Skigebiet Pitztaler Gletscher. Über eine Quertangente ist es mit der Gletscherbahn verbunden. In die andere Richtung muss der Skibus verwendet werden. Im Gebiet befördern zwölf Lifte die Skifahrer auf die Berge. Die Tageskarte kostet 70 Euro, wer erst ab 13 Uhr unterwegs ist, zahlt 59 Euro. Eine Wochenkarte mit sechs Skitagen kostet 352 Euro. Der Gletscher ist noch bis in den Mai geöffnet.

Ein Frühlingsmorgen im Pitztal: Neuschnee allerorten
Das Hotel Stillebach ist das einzige Bio-Hotel im Pitztal. Mir hat es dort sehr gut gefallen, weil alles herrlich normal ist. Im Doppelzimmer kostet die Übernachtung mit Frühstück und Abendessen ab 120 Euro. Zum Haus gehört ein Badesee, der sich für Kneipp-Kuren eignet. Die Busfahrt nach Mandarfen zum Rifflsee dauert etwa zehn Minuten und ist kostenlos.

Auch in der Loipe herrlich: Sonnenskilaufen im Pitztal
Text & Bilder: Ralf Johnen, zuletzt aktualisiert im Februar 2025. Der Autor war in Kooperation mit der Tirolwerbung und Pitztal-Tourismus zum Sonnenskilaufen im Pitztal. Entgegen seiner sonstigen Gepflogenheiten hat der Autor bei der Darstellung des Publikumsverkehrs leicht übertrieben. Es war gut für die Geschichte.

Wer zum Sonnenskilaufen ins Pitztal kommt, muss nicht mit überfüllten Pisten hadern
4 Comments
Hi Ralf,
schöner Artikel und tolle Fotos. Da bekomme ich wirklich nochmal richitg Lust mein Snowboard anzuschnallen, obwohl wir jetzt schon offiziel Frühling haben und ich mich auch richtig auf wärmere Temperaturen freue.
Viele Grüße
Mathias – underwaygs.com
Ich kann es Dir nur empfehlen, Matthias. Für Earlybirds sind die Pistenverhältnis formidabel bis in den Mai hinein. Grüße, RJO
Hallo Ralf,
leere Pisten, guter Schnee und Blick auf 30 Gipfel – das hört sich nach einem perfekten Skitag an. Da ich in zwei Wochen selbst nochmal die Pisten im Ötztal unsicher machen werde, mir der angebrochene Frühling aber fast schon die Lust auf Schnee genommen hat, danke ich dir ganz besonders für deinen Blogbeitrag. Die Bilder und dein Bericht haben meine Freude auf den bevorstehenden Urlaub definitiv gesteigert.
Viele Grüße, Daniel.
Hi Daniel, Danke für die netten Worte. Gerade auf dem Gletscher brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen – da gibt’s bis in den Mai griffigen Naturschnee. Und die Jahreszeit erlaubt es ja durchaus, dass es noch zu Neuschnee kommt. Viel Spaß auf jeden Fall, mit hat das gut gefallen in Tirol.