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Formentera, I was here: Verschollene Rockstars und fliegende Gitarren (Teil 1)

Formentera Rockstars

Es soll schon vorgekommen sein: Der Anker einer Jacht bleibt an dem dicken Kabel hängen, durch das auf dem Meeresgrund die Daten laufen. Dann gibt es kein Internet auf der ganzen Insel. Das ist die zweite Anekdote. Ich bekomme sie nach der Fahrt mit der Fähre von Eivissa nach La Savina zu Ohr.

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Die erste höre ich zwei Monate früher am Stand Formenteras auf der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin. Ja, Bob Dylan habe sich einst auf der Insel niedergelassen, angezogen von der magischen Aura der Hippies, die auch diese kleinste Baleare mit den hübschen Stränden, den Felshöhlen und dem klaren Wasser für sich entdeckt hatten. Ob noch ein Zeitzeuge aufzutreiben sei? Nicht unwahrscheinlich, so deute ich die Mime des Mannes am Stand.

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Der erste, den ich vor Ort befragen kann, ist Rico. Ein kleiner Reisebus hat uns am Hafen von La Savina abgeholt. Dort kommen nahezu alle Gäste an auf der Insel, denn Formentera wehrt sich bislang erfolgreich gegen einen Flughafen, kommt man mit dem Flugzeug, geschieht dies über Ibiza.

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Wir hangeln uns von Kreisverkehr zu Kreisverkehr, eine Ampel gibt es auf der ganzen Insel nicht. Dann geht es über einen Kiesweg. Und schließlich wird es sandig. Rico, mittellange Mähne, Sonnenbrille fest justiert und Baby auf dem Arm, ist der Sohn der Betreiber der Blue Bar, die am Strand von Migjorn, dem mal sandigen, mal felsigen, sieben Kilometer langen Streifen der Südküste, in den Dünen liegt.

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Serviert wird hier wie überall auf der Insel der Trockenfischsalat mit frittiertem Brot, Tomaten und Paprika: ensalada payesa. Neben der Institution Fonda Pepe, 1953 die erste Bar auf Formentera, gilt auch die Blue Bar als einstiger Hippie-Treffpunkt.

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Bob Dylan? „Es gibt viele Legenden“, sagt Rico. In der Blue Bar kreuzten von Zeit zu Zeit immer wieder Rockgrößen auf. Robert Plant, einst Leadsänger bei Led Zeppelin oder David Gilmour von Pink Floyd seien schon da gewesen. „Sie haben hier ihren Mohito getrunken, mein Vater hat sie zugequatscht, und dann sind sie gegangen“, sagt Rico.

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Seine Eltern wanderten vor 25 Jahren aus Franken nach Formentera aus und gehören damit nach den Hippies sozusagen zur zweiten Einwanderungswelle, nach wie vor ist die Insel bei Einwanderern äußerst beliebt:  Rund 30 Prozent der 10.000 gemeldeten Einwohner stammen von außerhalb Spaniens. Die Eltern übernahmen irgendwann die Blue Bar, da aber war das Kapitel der Blumenkinder schon längst zugeschlagen. Ricos Mutter dekorierte die Lokation mit allerlei Space-Kitsch. „Berlin Mitte der Neunziger“, kommentiert eine Mitreisende. Rico drückt mir eine CD von Jah Chango in die Hand, seine CD, denn auch er ist Musiker. „Hey, wenn ihr noch was braucht, ich bin hier.“

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„I am from mother earth“, klärt uns Rico auf der Weiterfahrt auf die Hochebene von La Mola aus der Konserve auf, immerhin eine Abwechslung zu den Trash-Techno-Derivaten aus dem Radio, die der Fahrer wohl nicht müde werden wird, auf uns einprasseln zu lassen, wie mir schwant.

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Am Leuchtturm Far de la Mola legen wir den nächsten Halt ein. Wir sind zu einer zum Meer offenen Höhle unterhalb der 140 Meter hohen Abbruchkante herab geklettert, unten das tiefblaue Wasser. „Hier haben die Hippies geschlafen“, sagt Miguel, der Tourguide, der unsere Reisegruppe begleitet und mit Nachnamen ausgerechnet Tur heißt, der aber ist auf der Insel so normal wie bei uns Müller. Wir sind an einem idealen Ort für die nächste Dylan-Version.

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Tur begleitet die Tour

Der amerikanische Musiker habe irgendwann in den Sechzigern einen Motorradunfall gehabt. Das erzähle man sich, sagt Miguel. Seine Haare stehen im Wind. Um sich zu erholen, habe der Exzentriker eine Zeit lang in einer Windmühle gelebt, eine Windmühle, wie sie übrigens auch Pink Floyd auf dem Cover des Soundtracks „More“ auf Formentera verewigten, dessen ist sich Miguel sicher. Auf einem Steinbrocken unter dem Felsdach liegt ein altes zerknittertes T-Shirt, die Wände sind mit zahlreichen „I was here“-Varianten bekrakelt.

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Nächste Station: der Hippiemarkt in El Pilar de la Mola, dem einzigen Ort auf dem Plateau. Als Überbleibsel der Zeit, als die Hippies erst Ibiza, dann Formentera überfielen, ist die Ansammlung der Verkaufsstände natürlich alles andere als eine Zeitkapsel. Feilgeboten wird viel Plunder, alles nicht mein Geschmack, aber alles Handarbeit. Ein liebevoll verziertes Motorrad auf der Straßenseite gegenüber gefällt mit schon besser.

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Dann ein Zwischenfall. In der Mitte des mit buntem Mosaik gepflasterten Platzes bearbeitet ein Mann, der mit seinem grauen Bart und blickdichter Sonnenbrille aussieht, als müsse er Mitglied von ZZ Top sein, eine Akustikgitarre.

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Um ihn herum springt wie angestochen ein anderer Bursche mit clownesker Halbglatze und Einstecktuch. Zielsicher rennt er los und greift sich die arme Britta aus meiner Reisegruppe. Er nimmt sie in den Arm, macht Faxen und Fratzen und hält ihr tatsächlich eine Ballonblume hin, die er in Sekundenschnelle geknotet hat.

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Ratlos, was das denn für eine Show sein soll, wollen wir flüchten, da fällt mein Blick in ein gegerbtes Gesicht hinter einem der Stände, an dem Dinge es Leder baumeln. Es ist wohl Leder-Peter, so steht es auf einem Schild hinter dem Mann an der Wand.

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Leder-Peter, der Name fasziniert mich, ich muss ihn ansprechen. „Du sprichst sicher Deutsch?“ „Ja, ich bin aus Essen“, sagt Peter. Kurz angetippt, und Peter rasselt seine Kurzbiographie herunter. 1978 besuchte er auf Ibiza ein Bob Marley-Konzert, dann kam er nach Formentera und blieb. „Das Wetter war schöner, und die beiden Polizisten waren immer betrunken, der Bürgermeister auch.“ Leder-Peter grinst und zeigt seine Zähne.

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Dann zieht sich sein Gesicht wieder glatt. „Sich zudröhnen, das kannst du heute nur noch in deiner Finca machen. Es ist ja nichts mehr erlaubt.“ Selbst auf dem Platz, wo damals wie heute der Hippiemarkt stattfindet, gebe es mittlerweile Auflagen zu erfüllen. Aber Leder-Peter will nicht klagen. „Ich hatte zehn goldene Jahre.“

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In seiner einstigen Boutique verdiente er gutes Geld mit selbst geschneiderten Lederjacken und Lederhemden, das Handwerk hatte er von der Mutter erlernt. Dann reiste er sieben Jahre um die Welt. Jetzt muss es sein Stand richten, an dem er Lederarmbänder und Ledergürtel mit selbst eingebrannten Mustern verkauft.

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„Hier ist’s immer noch gut“, sagt er, wendet dabei den Blick ab und wirkt plötzlich entrückt. „Ab Juni ist’s hier proppenvoll, die stehen in drei Reihen vor dem Stand.“ Aber das Wichtigste zum Schluss: Auch er hat Bob Dylon auf Formentera nicht gesehen. Er war aber auch spät dran, als er 1978 kam.

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Wir sehr doch der Patient namens Hippiekultur, der in seiner Jugend die Denkweise der Inselbewohner nach deren anfänglicher Skepsis tatsächlich weltoffener machte, nur noch am Leben gehalten wird. Das denke ich mir, als wir den Hippiemarkt von Formentera verlassen. Doch es gibt auch Leute, die angekommen sind in der Zeit, dazu zählt Enric Majoral, der Goldschmied.

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Mit seinen Kreationen hat er Erfolg, sie verkaufen sich gut, auch auf dem iberischen Festland. Auch er kam in den Siebzigern auf die Insel, aus Katalonien. An der Wand seines Ateliers in El Pilar hängt eine Schwarz-Weiß-Aufnahme, die Enric in jungen Jahren bei der Arbeit zeigt. Die Natur der Insel inspiriere ihn, sagt er und meint das mitunter ganz direkt: Eine Arbeit empfindet Neptungras nach, das in Unterwasserwiesen vor der Küste wächst.

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Meine Empathie für Schmuck ist leider begrenzt, und ich habe mich festgebissen an meinem selbst auferlegten Rechercheauftrag: Bob Dylan. Enric hält die Hände abwehrend hoch und lacht. Auch er hat den einflussreichen Musiker nicht gesehen und kennt auch niemanden, der ihn beobachtet haben könnte, wie er in der Windmühle rekonvaleszierte. Keine Chance. „Aber in den Siebzigern war die Insel trotzdem etwas Besonderes“, beschwichtigt Enric. „Es gab keinen Strom, kaum Autos.“ Das „und keine Touristen“, sagt er nicht.

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Für ein knappes Stündchen mehr werden wir von der Beschallung Marke Gnadenlos im Kleinbus bewahrt. Wir wandern den Römerweg Cami Roma von der Hochebene hinab, zurück auf die Taille der charakteristisch geformeten Insel. Römerweg, so wird der Streifen der grob verlegten Steinklötze wegen seiner Anmutung nur genannt, so antik ist er sicher nicht. Aber der Pfad ist wegen der Aussichten, die er bietet, einer der schönsten Wanderwege auf Formentera.

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Die Wanderung endet in dem kleinen Fischerort Es Calo, der als charmante Attraktion einen Hafen mit den typischen Bootsschuppen parat hält. Ins Auge fallen auch im Wind baumelnde schmale Lappen über einem Holzverschlag: Es sind die filettierten Katzenhaie, die dort für den ensalada payesa in der Luft hängen.

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Meine letzte Chance wartet in Sant Ferran, ein kleiner Ort südlich vom Touri-Zentrum Es Pujols. Die kalkweißen Flachbauten reflektieren das Sonnenlicht so heftig, dass ich für den Hechtsprung vom Bus in die Gitarrenwerkstatt von Ekkehard Hoffmann die Sonnenbrille brauche.

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Gitarren-Ekki also. Graue mittellange Haare, ausgebeulte Jeans, hinwendend gekrümmte Haltung und eine offenbar abgöttische Liebe zu Klampfen. 40 Stück besitzt er, wie man sie baut, hat er sich selbst beigebracht. „Was wir bauen, ist besser als alle Industriegitarren“, sagt Ekki. Internationale Rockgrößen sollen bei ihm schon bestellt haben, von Gianna Nannini hatte er Besuch, von einem der Bassisten der Toten Hosen auch. Noch brillantere Namen wollen ihm partout nicht einfallen. Das eigentlich Ungewöhnliche aber ist: Wer will, kann sich unter Anleitung von Gitarren-Ekki sein Instrument selbst bauen. Seit 23 Jahren bietet der 61-Jährige das schon an, auch Formentera Guitars ist mittlerweile eine Institution. „Es gibt ja sonst fast niemanden, der so etwas macht.“

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An einer der Werkbänke steht Jörg Wagner und schmirgelt. „Das nimmt erotische Züge an“, haucht er. Seine Hand streicht über den Hals der unfertigen Gitarre. Jörg zeigt mir ein Bild eines Rockinger-Basses, den will er für den Einsatz in seiner Heavy-Band nachbauen. In seinem Leben daheim in Baden-Baden repariert Jörg in einem Fachbetrieb Hubschrauber, jetzt stehe mal eine Auszeit an, um den Kopf frei zu kriegen.

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Für seine Auszeit hat der Hobby-Musiker 2100 Euro bezahlt, so viel kostet der dreiwöchige Gitarrenbaukurs, den Ekki zum Event ausbaut. Statt das Holz der Gitarrenkörper mit einem Schwamm zu befeuchten – das ist notwendig, damit sich die Holzfasern aufstellen, um die Oberfläche noch glatter zu schleifen – lässt der Meister seine Schüler die Körper ins Meer werfen. „Das Happening macht total Spaß“, sagt Jörg, der seinen Kurs dokumentiert hat.

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Am Morgen genieße ich das globalisierte Frühstück im Hotel Levante in Es Pujols, ein einfaches Haus mit netter Belegschaft, in das wir einquartiert sind.

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Butterberge und Kondensmilchseen – Mini-Containerhafen im Hotel Levante in Es Pujols

Ich verzichte auf den Automatenkaffee, das wellige Gekröse von geröstetem Ham oder das im Kondenswasser stehende Pulverrührei. Ich bin noch satt vom exzellenten Lamm, das am Vorband in einem Restaurant am Ort serviert wurde.

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Ein paar Melonenstücke zu Klängen wie „Bridge over troubled waters“ oder „Let it be“ sollen reichen. Es hätte ja auch Bob Dylan laufen können, aber nein, das wäre Ironie gewesen. Über Nacht hat unser Guide Miguel Tur zu Bob Dylan und seinem angeblichen Aufenthalt recherchiert, ich habe ihn offenbar heiß gemacht. „Ein Journalist aus Ibiza hat die Geschichte damals geschrieben, sie stimmte aber nicht, sie ist aber zu schön und hat sich bis heute gehalten.“ Ganz glauben will ich auch diese Version nicht.

ENDE TEIL 1

Stefan Weißenborn, Mai 2014

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