Die Stadt am Lake Erie ist Ende des 19. Jahrhunderts auf dem besten Wege zu einer wirtschaftlichen und architektonischen Großmacht. Während der Aufstieg 1950 jäh endet, sind die meisten kulturellen Denkmäler geblieben. Nun erlebt Buffalo eine Renaissance.

Sichtbarer Aufschwung: Buffalo und seine Getreidesilos sollen Weltkulturerbe werden
Im Jahr 1900 ist Buffalo die achtgrößte Stadt der USA. Die Industrialisierung ist in vollem Gange, weshalb sich der Hafen mit Zugang zum Lake Erie – und damit auch zu den anderen großen Seen – als enormer Standortvorteil erweist. Auch die Grenze zu Kanada ist nah. Und der Erie-Kanal verbindet die Stadt mit dem Hudson River und New York City. Als wäre das noch nicht genug, befindet sich mit den Niagarafällen im beginnenden Tourismuszeitalter eine Sehenswürdigkeit von Weltniveau in der unmittelbaren Nachbarschaft.

Die Skyline von Buffalo setzt sich aus Perlen der Gründerzeit und brutalistischen Hochbauten zusammen
Weltausstellung 1901
Als Buffalo 1901 die Pan-American Exposition ausrichtet, haben die rund acht Millionen Besucher guten Grund zu der Annahme, sich in einer Weltstadt aufzuhalten. Wenn nicht bereits jetzt, dann in der nahen Zukunft. Von der verkehrsgünstigen Lage und vom wachsenden Wohlstand profitiert auch die Larkin Company.

Erhaben: Das Darwin Martin House in Buffalo mit Pfingstrosen
Das Unternehmen hatte als Seifenproduzent damit begonnen, Waren an Mailorder-Kunden im ganzen Land zu verschicken. Weitere Produkte folgten schnell, weshalb die Firma heute als analoger Vorläufer von Amazon gilt.

Selfie im Darwin Martin House mit von Frank Lloyd Wright entworfenen Möbeln
Die Geschäfte gehen derart gut, dass sich der aufstrebende Manager Darwin D. Martin die Dienste eines ebenso viel versprechenden Architekten sichert, als er ein neues Heim für seine Familie bauen lassen möchte. Es ist der junge Frank Lloyd Wright, den Martin 1903 mit dem Bau einer stattlichen Residenz beauftragt. Es soll einer dieser Präriehäuser werden, mit denen Wright der amerikanischen Architektur seit wenigen Jahren eine eigene Identität verleiht.

Sehenswürdigkeit ersten Ranges: das Darwin Martin House wurde mit viel Sorge restauriert
Frank Lloyd Wright in Buffalo: das Larkin Company Administration Building
Nur ein Jahr später überzeugt Martin seinen Chef John Larkin davon, Wright ebenfalls für den Bau einer neuen Unternehmenszentrale zu engagieren. Als Wrights erstes öffentliches Gebäude 1906 bezugsfertig ist, finden die Angestellten sich in einem lichtdurchfluteten Bau wieder, der über Heizung, Klimaanlage und eingebautes Mobiliar verfügt und der aus feuerfesten Materialien besteht. Nicht weniger revolutionär ist die räumliche Einteilung der Arbeitsplätze in Großraumbüros.

Sehr Mid Century Modern: Das Interieur des Wohnzimmers im Darwin Martin House
Schon bald nach seiner Inbetriebnahme gilt der Bau als großer Wurf. Nachdem sich mit Louis Sullivan, Henry Hobson Richardson und Daniel Burnham bereits andere Großmeister der amerikanischen Architektur mit frühen Vorläufern des modernen Wolkenkratzers und neuartigen Verwaltungsbauten verewigt haben, scheint der Aufstieg Buffalos zu einer Stadt vom Format Chicagos oder New Yorks kaum noch aufzuhalten.

Frank Lloyd Wright zeichnet auch für das Design von Lampen, Fenstern und Gemäuern verantwortlich – auch deshalb waren seine Häuser so kostspielig
Das Ende des Wachstums
Der endgültige Durchbruch zur Metropole aber bleibt aus. Zwar kann sich Buffalo bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts in der erweiterten Spitzengruppe der wichtigsten amerikanischen Städte halten. Fast 600 000 Einwohner zählt die Stadt 1950. Ähnlich wie in Saint Louis oder Detroit nimmt das Schicksal dann aber eine Wendung: Die Industrialisierung gerät ins Stocken, wichtige Bahnlinien führen an der Stadt vorbei und der Siegeszug des Automobils schwächt den Transport über die Wasserstraßen.

Seife der Larkin Soap Company, die als Vorläufer von Online-Versandhändlern wie Amazon gilt
Die Larkin Company existiert zu diesem Zeitpunkt schon fast ein Jahrzehnt nicht mehr. Zunächst die Blütezeit der Kaufhäuser und später die große Depression sowie allgemeine Erleichterungen der Mobilität bringen das Unternehmen in Schieflage, bis es 1942 aufgelöst wird. Als sich 1950 noch immer keine Nutzung für den monumentalen Verwaltungsbau gefunden hat, beschließt die Stadt den Abriss des Larkin Administration Building – und damit einer Sehenswürdigkeit, die in der Gunst der Touristen von heute nicht weit hinter den Niagarafällen liegen würde.

Nahaufnahme eines von Frank Lloyd Wright entworfenenen Fensters
Schwierige Zeiten für Buffalo
Aus heutiger Sicht wirkt der Abriss des Gebäudes wie ein Beschluss zur Selbstaufgabe Buffalos. Tatsächlich ziehen in den 1980er Jahren viele verbliebene Firmen in den sogenannten Sunshine Belt, wo das Klima freundlicher und die Energiekosten niedriger sind. Damit scheint der Niedergang der einst so stolzen Stadt endgültig besiegelt. Die Innenstadt verwahrlost, die Bevölkerung sinkt auf die Hälfte des Höchststandes. Auch das Darwin Martin House ist dem Verfall ausgesetzt.

Ein geborener Dandy: Pappaufsteller von Frank Lloyd Wright
Jahrzehntelang dümpelt die Stadt vor sich hin. Rätselhafterweise sieht es auch in Niagara Falls trotz der wohl bekanntesten Wasserfälle der Welt nicht viel besser aus. So ist es Sportteams vorbehalten, die Hoffnung auf bessere Zeiten aufrecht zu erhalten. Doch sowohl die Buffalo Bills (NFL) wie auch die Buffalo Sabres (NHL) scheitern im Finale um den Superbowl (vier Mal) und den Stanley Cup (einmal).

Downtown Buffalo bei Nacht
Getreidesilos als Weltkulturerbe?
Erst in den 2010ern bahnt sich eine Trendwende an. Der Fracking-Milliardär Terry Pegula investiert als Besitzer der beiden Sportteams in neue Trainingseinrichtungen für die Sabres und ein neues Stadion für die Bills. Zeitgleich erleben auch die Getreidesilos, die zu den größten der Welt zählen, eine postindustriellen Metamorphose.

Die City Hall von Buffalo ist stolze 115 Meter hoch
Einige werden als Buffalo Riverworks zu einem Freizeitpark umgewandelt. Andere dienen als Silo City als angesagte Hülle für Lofts. Doch damit nicht genug. Die Stadt hat einen Antrag bei der Unesco eingereicht, die einst voluminösesten „Grain Elevators“ der USA ins Weltkulturerbe aufzunehmen.

Aus der Albright Know Gallery in Buffalo wurde das AKG Art Museum
Der Aufschwung ist am Darwin Martin House nicht vorbeigegangen. Zwar hatte sich schon ab 1992 eine Stiftung für die Konservierung des kapitalen Baus eingesetzt, doch das Projekt schien schlicht zu umfangreich – auch weil mit Kutscherhaus, Pergola und Gärtnerhäuschen noch weitere Bauwerke zum Anwesen gehören. Schritt für Schritt aber ist die Restaurierung so gelungen, dass das Haus 2019 als Museum wiedereröffnet werden kann. Ein prächtiges Anwesen, in dem sich viele Aspekte der jüngeren amerikanischen Geschichte spiegeln.

Olafur Eliasson hat sich um das Foyer des Museums gekümmert
Olafur Eliasson im Museum
Die erhabene Aura des Darwin Martin House strahlt auf andere Bestandteile der Stadt ab. So hat sich die ursprünglich klassizistisch-biedere Albright Know Gallery ein neues Foyer gegönnt, für welches das Studio Other Spaces von Olafur Eliasson und Sebastian Behmann verantwortlich zeichnen. Mithilfe der skulpturalen Glashülle »Common Sky« hat sich das Ausstellungshaus neu aufgestellt. Es blickt nun als AKG Art Museum der Zukunft entgegen.

Rothko geht immer
Der 2023 eingeweihte Bau darf als spektakulär gelungen gelten. Auch weil sie ihren eigentlichen Zweck erfüllt, als Vehikel für die kaum weniger hochwertige Kunstsammlung zu dienen. Mondrian, Rothko, Warhol und Rauschenberg sprechen eine deutliche Sprache.

Klangvolle Namen wie Louise Bourgeois sind in der Albright Know Gallery allgegenwärtig
Der Eindruck, dass Buffalo plötzlich hip und angesagt ist, setzt sich in der Elmwood Avenue fort. Die Hauptstraße des Univiertels erfreut mit Buchhandlungen und Schallplattengeschäften. Hinzu kommen eigentümergeführte Restaurants, Bars, Supermärkte und Fachgeschäfte. Dabei regiert ein sichtbar liberaler Zeitgeist, der sich in den USA der Gegenwart durch eine üppige Regenbogenbeflaggung und ähnlichen Aushängeschildern bemerkbar macht.

Selfie vor einem Plakat von Rasmus Dahlin, Kapitän der Buffalo Sabres
Neue Waterfront in Buffalo
Auch am lange wenig attraktiven Stadtzentrum ist die Wiedergeburt der Stadt nicht vorbeigegangen. Downtown erfreut neuerdings mit einer voll ausgebauten Waterfront. Hinter den stoisch auf Betonpfeilern aufgebockten Interstates erhebt sich ein Ensemble mittelhoher Wolkenkratzer. Einige von ihnen haben die Aura des Pionierzeitalters konserviert. Besonders schön ist ihr Anblick von den Dächern einiger Backsteinbauten, die heute als Cocktail-Bars dienen.

Buffalo ist bunt – vor allem rund um die Elmwood Avenue
So mag Buffalo auf der Liste der größte Städte der USA heute zwischen Chula Vista und Fort Wayne nur noch Rang 82 belegen. Doch die Stadt besitzt Charakter. Ein starkes Comeback ist ebenso wenig ausgeschlossen, wie künftige Titel für ihre Major League Teams.
Informationen über Buffalo, die vergessene Metropole
Downtown Buffalo befindet sich knapp 40 km südöstlich der Niagarafälle. Bis nach New York City sind es etwas mehr als 600 Kilometer.
Darwin Martin House: 125 Jewett Parkway, Buffalo, montags, donnerstags und freitags von 10.30 bis 15.30, Samstag und Sonntag von 10 bis 16.30 Uhr, Führungen ab 25 Dollar, martinhouse.org.

Pflanzen gegen Faschismus: Auf Elmwood Avenue ist das Realität
Buffalo AGK Art Museum: 1285 Elmwood Avenue, Buffalo, Donnerstag bis Montag von 10 bis 17, Fr bis 20 Uhr, Eintritt 30 Dollar, buffaloakg.org
Buffalo River Works: Freizeitpark unter anderem mit Ziplines zwischen Getreidespeichern, Riesenrad und postindustriellen Skulpturen. 59 Ganson Street, Buffalo, wechselnde Öffnungszeiten, buffaloriverworks.com

When in Buffalo: Portion Wings mit Beilagen
Essen & Trinken: Big Ditch Brewing Company. Hausgemachtes Bier und die berühmten Buffalo Wings unter einem Dach. 55 East Huron St., Buffalo, täglich ab 11 Uhr, bigditchbrewing.com
Übernachtung: Curtiss Hotel. Schickes Boutique-Hotel in einem ehrwürdigen Bau aus der Gründerzeit in guter Downtown-Lage. 210 Franklin St., Buffalo, curtisshotel.com, ab 200 Dollar.

Die Lady of the Mist bei den Niagarafällen
Weitere Informationen über Buffalo
Besuche zum Beispiel die Webseite von Visit Buffalo.
Text und Bilder: Ralf Johnen, geschrieben und zuletzt geprüft im Januar 2026.







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