Wir sind im European Sleeper von Den Haag nach Dresden gefahren. Die Nacht im Vintage-Zug hat bei uns nostalgische Gefühle ausgelöst. Das zwischenzeitliche Fazit lautete: das hier ist wie eine fahrende Jugendherberge – mit Verspätung. Doch dann hat die Reise wieder eine Wendung genommen.

Prächtiger Start, mäßiger Pünktlichkeit: der Bahnhof Holland Spoor in Den Haag
Seit Wochen bin ich ein bisschen nervös. Nicht im unangenehmen Sinne, denn ich weiß, dass ich am Mittwochabend etwas machen werde, was ich viel zu selten tue. So wie Schallplatten von Neil Young zu hören oder Romane aus den Goldenen Zwanzigern zu lesen: Ich werde mit dem Nachtzug fahren. Damit werde ich ein persönliches Versäumnis aus jenem Zeitalter ausmerzen, als dieses Verkehrsmittel noch weit verbreitet war und die Menschen noch ohne SUV oder Billigflieger auskamen. Ähnlich hatte ich es bereits mit Interrail gehandhabt.
Im European Sleeper nach Dresden
Konkret werden wir zu zweit nach Dresden reisen. In einem Privatabteil das sich in einem Waggon befindet, dessen exaktes Baujahr ich trotz akribischer Suche nicht ermitteln kann. Fest steht indes, dass es sich um deutsches Fabrikat und ein Fahrgerät handelt, das in den handdicken Kursbüchern der Vergangenheit als Liegewagen apostrophiert wurde. Herrlich!

Für die Jüngeren: das hier ist nicht „Accidently Wes Anderson“, sondern ein Blick zurück auf den Bahnalltag der 1980er Jahre
Die Tatsache, dass der European Sleeper in unserem Lebensmittelpunkt Den Haag hält und wir noch dazu ganz in der Nähe des Bahnhofs wohnen, macht die Sache noch attraktiver. Abends entspannt 1100 Meter den Rollkoffer ziehen, frühzeitig am Gleis des Bahnhofs Holland Spoor eintreffen, der von ähnlich gelblichen Scheinwerfern beleuchtet wird, wie französische Automobile im 20. Jahrhundert, anschließend einen Schlummertrunk nehmen und am nächsten Morgen entspannt in der sächsischen Landeshauptstadt aufwachen. Zumindest in meiner Vorstellung könnte es kaum etwas Schöneres geben.
Eine Hypothek von 100 Minuten
Ganz so romantisch allerdings kommt es dann doch nicht, denn als wir im Foyer von Holland Spoor stehen, vermeldet der Bildschirm kaltherzig, dass der aus Brüssel kommende Nachtzug eine Verspätung von etwa 100 Minuten haben wird. Wir schauen uns an. Im Ernst? Ein Blick auf die Webseite des Zuges (ja, es gibt aktuell nur einen einzigen European Sleeper) vermag diese Information weder zu entkräften noch zu bestätigen.

Erwachen im European Sleeper: Kaffee prima, Frisur allenfalls mäßig
Also bemühe ich die App der vielgescholtenen Deutschen Bahn, die am gesamten Transportvorgang unbeteiligt ist, dies jedoch nicht zum Anlass nimmt, den potenziellen Konkurrenten von ihrer Smartphone-Plattform zu verbannen. Nein, viel mehr vermeldet der Timeline-Vektor verbindlich, dass sich der Zug soeben in Bewegung gesetzt hat.
Dubioser Zeitvertreib
Ernüchtert beschließen wir wieder nach Hause zu gehen. Vorbei am Prostituiertenviertel, das kurz vor 22 Uhr üppig gefüllt ist mit jogginghosentragender, rauchender Kundschaft. Doch es kommt noch heftiger: Als ich zum Zeitvertreib den Fernseher einschalte, trumpft dieser ein Konzert von André Rieu in meinem geliebten Maastricht auf. Wird es wirklich einer dieser Abende?

Highlight am Morgen: die Frühstücksboxen an Bord des European Sleeper
Wir wundern uns eine Weile über die schunkelnden Menschen, die in jedem Fall gut gelaunt sind und dabei den Eindruck erwecken, jederzeit eine Polonaise durch die hereinbrechende Dämmerung starten zu wollen. Als der Zug sich laut DB-App Rotterdam nähert, brechen wir erneut in Richtung Bahnhof auf. Hatte ich schon erwähnt, dass der Wetterdienst den bislang heißesten Tag des Jahres meldet?
Der European Sleeper rollt ein
Abermals frohen Mutes stehen wir am Gleis, wo um 23.21 Uhr tatsächlich mit einiger Vehemenz ein Zug einrollt, der gleich durch sein sonderbar heterogenes Erscheinungsbild auffällt. Wagen in verschiedenen Farben, einige dunkelrot, andere dunkelblau, ein einzelner in der Mitte in mattem Silber, ein Anzug, den in den 1980er Jahren die französischen TEEs wie der Étoile du Nord trugen. Ein Exot in der Eisenbahnlandschaft der Gegenwart, der auf mich ein wenig wirkt wie der finnische Ministerpräsident in der Runde politischer Schwergewichte, die sich etwa gleichzeitig in Washington für die Ukraine stark machen. Aber das nur am Rande.
Unser Waggon trägt die Nummer 21 und es ist der vorletzte des Zuges. Gedrillt von der Atemlosigkeit der Gegenwart hechten wir mit unserem Rollkoffer ans Ende des Bahnsteiges, doch die Hektik ist eher unbegründet, da der adrett livrierte Nachtzugschaffner keiner Anzeichen von übertriebener Eile zeigt.
Ein eigenes Abteil im European Sleeper
Sekunden später befinden wir uns in unserem Abteil, bei dessen Betreten ich mich sofort in meiner Jugend zurückwähne. Plüschpolster! Schummriges Licht! Vorhänge! Und das alles nur für uns! Ich bin entzückt, als der Zug Fahrt aufnimmt. Bald passieren wir den Bahnhof von Leiden, dann im Tunnel den Flughafen Schiphol und schließlich unsere alte Wohnung in Amsterdam Nieuw-West. Während all dies an uns vorbeizieht wie ein nostalgisches Daumenkino, laben wir uns an einem Gläschen Silvaner aus dem Frankenland, das wir aus mitgebrachten Minigläsern trinken.

Herrlich: Frühstück mit frischem Kaffee und Hohem C im European Sleeper
Zwischenzeitlich klopft ein freundlicher Flame mit Wuschelkopf und schief sitzender Mütze an die Türe unseres Abteils. Er stellt sich als Schlafwagenschaffner vor, wenn wir Fragen hätten: »Stets zu Diensten.« Und jetzt die Fahrscheine bitte.
Der European Sleeper: wie eine fahrende Jugendherberge
Nun wird es turbulent, denn erst in Amsterdam Centraal steigt die überwiegende Mehrzahl der Fahrgäste ein – und die Menge ist unruhig, schließlich hat sie für die Dauer eines Fußballspiels inklusive Halbzeitpause auf dem Bahnsteig gewartet. Es rumpelt und poltert. Erst auf dem Gang, dann in den Nachbarabteilen. Wir hören heitere Ausrufe überwiegend junger Stimmen, auf Deutsch, auf Englisch, auf Niederländisch und in stakkatohaftem Spanisch.
Beim nächsten Halt im zauberhaften Amersfoort hat sich die Lage wieder beruhigt. Das kommt uns sehr entgegen, denn wir haben die Vorhänge zugezogen, unsere Plüschpritschen ausgeklappt, die frisch riechenden und akkurat gepressten Leinenschlafsäcke ausgebreitet und uns auf die beiden obersten Liegegelegenheiten gebettet. Ich erinnere mich vage an meine letzten Worte vor dem Einschlafen: »Das hier ist wie eine fahrende Jugendherberge – mit Verspätung.« Danach mache ich mit dem Fuß das Licht aus.
Nachtzugromantik auf dem Weg nach Berlin
Genussvoll strecke ich mich, wobei ich dank meiner 1,91 Meter an die maximale Ausdehnungskapazität stoße. Auch stelle ich eine an der Seite angebrachte, schlachtschiffgraue Klappe auf, die verhindern soll, dass ich im Falle einer Vollbremsung in die Tiefe stürze. Ich vertraue der Konstruktion, lasse mich genüsslich hin- und herschütteln und aus irgendwelchen Gründen sehe ich vor meinem inneren Auge plötzlich den Trafo meiner Modelleisenbahn, an die ich so lange nicht gedacht habe.

Durch die Nacht: Der Fernsehturm am Alexanderplatz
Schlafen allerdings kann ich nicht. Dafür bin ich viel zu aufgekratzt. So bekomme ich den letzten Halt vor Berlin in Deventer bei vollem Bewusstsein mit – und bei einem ungeplanten Zwischenstopp treibt mich die Neugierde zu einem weiteren Blick aus dem Fenster: wir stehen im Bahnhof von Hannover, wo die Türen nicht aufgehen. Offenbar hält sich das Interesse der örtlichen Bevölkerung in Grenzen, mitten in der Nacht gen Osten zu fahren. Nun wird es aber wirklich Zeit einzuschlafen, sonst werde ich morgen bei der Weinwanderung im Elbland total fertig sein.
Verwirrung in Berlin
Das Erste, was ich danach mitbekomme, sind verwunderte Ausrufe, die aus den Nachbarabteilen zu uns herüberdringen. »No«, sagt jemand, »we don’t get off here«. Oder doch? Die Verwirrung ist groß. Ich blicke aus dem Fenster: Es ist schon recht hell und wir stehen im Bahnhof Berlin Gesundbrunnen, ein Haltepunkt, der auf keiner der Anzeigen angekündigt war, doch aus der DB-App weiß ich, dass die planmäßigen Stopps am Hauptbahnhof und am Ostbahnhof heute aus unbekannten Gründen entfallen, vermutlich eine Reparatur am bröckeligen Berliner Bahndamm, wegen der die Fahrgäste den Zug außerplanmäßig im Norden der Stadt verlassen müssen.
Ich will mein Partikularwissen gerade mittels eines beherzten Ausrufs durch die Abteilwand hindurch teilen, als ich abermals Gerumpel höre, das auf den Aufbruch unserer Nachbarn hindeutet. Eine Lautsprecherdurchsage war nicht zu vernehmen (oder habe ich so tief geschlafen?), offenbar aus Rücksicht auf die anderen Fahrgäste, aber womöglich hat der flämische Schaffner die Betroffenen doch noch in letzter Sekunde auf die Situation aufmerksam gemacht.
Wilder Husarentitt durch die Nacht
Dann die eigentliche Überraschung: es ist kurz nach 6 Uhr – und der European Sleeper hat seine an und für uneinholbare Verspätung vollständig gutgemacht. Es muss ein wilder Husarenritt für die betagte belgische Lokomotive und ihre unermüdliche Gefolgschaft gewesen. Aber es ist unwiderruflich so wie es ist.

Ein Traum für Eisenbahnfans: das Ziel in Dresden
Wir dösen noch ein wenig vor uns hin, bis es abermals an der Abteiltüre klopft. Der flämische Schaffner bringt unser Frühstück, zwei Boxen aus gefalteter Pappe in Form von Koffern. Auch möchte er wissen, ob wir gut geschlafen und vielleicht Lust auf Kaffee haben, dann würde er uns zwei bringen. Wir blicken uns überrascht an und wenden uns dann unserer Frühstücksbox zu: Hohes C, Joghurt, Müsli, Brotaufstrich, Holzbesteck und ein (eingeschweißtes) Brötchen. Slow Travel in Reinform.
Goldene brandenburgische Kornfelder
Auch der Kaffee ist lecker. Und so blicken wir zufrieden auf die goldgelben brandenburgischen Kornfelder, die an uns vorbeiziehen. Meine Gedanken schweifen kurz ab (warum sind die Menschen hier so unzufrieden? Und wieso zum Teufel glauben sie ihre Probleme lösen zu können, indem sie blau wählen?), doch da ich weiß, dass ich keine Antworten finden werde, wende ich mich wieder anderen Dingen zu.
Auf seinem Weg in die sächsische Hauptstadt gerät der Zug nun immer wieder ins Stocken. Hier ein Spurwechsel, dort ein Signal, die üblichen Kalamitäten des bundesdeutschen Bahnverkehrs. So hat der Nachtzug wieder eine Verspätung von gut einer halben Stunden angesammelt, als die Vorstädte Dresdens vorbeiziehen.
Finale im Waschraum
Ich suche noch kurz den Waschraum auf, um mir die Zähne zu putzen. Und auf dem immer noch sauberen WC sehe ich mit Genugtuung, dass sich hier sogar noch die Scheiben herunterdrücken lassen. Eine Gelegenheit, die ich mir nicht entgehen lasse: ich halte die Nase in den Wind. So wie früher, als sich die Fenster in allen Zügen öffnen ließen und die Luft nicht selten nach Kornfeldern gerochen hat.

Von einem schönen Bahnhof zum nächsten: Ankunft in Dresden
Etwas wehmütig blicke ich mich kurz darauf noch einmal in unserem Abteil um. Es ist leicht abgewohnt. Aber es ist sauber und rundherum sympathisch mit seinen kleinen Lämpchen, den etwas zu harten Sitzen, der funktionierenden Klimaanlage und der Abstellfläche für Speisen und Getränke. Allesamt Insignien eines Vintage-Zuges, als welcher die Betreiber den European Sleeper auf der Homepage anpreisen. Eine Beschreibung, die es vom Fahrgefühl über die gelassene Freundlichkeit des Personals bis zum Interieur der Abteile haargenau trifft. Auch weil die Fahrt wie der Aufenthalt in einer Zeitkapsel ist.
Abschied von der Zeitkapsel
Als wir aussteigen, recken wir im majestätischen Hauptbahnhof Dresdens erstmal die Gliedmaßen. An den Türen der Waggons haben sich ein paar Rotzlöffel postiert, die offenbar bis nach Prag durchfahren. Sie halten sich an der Einsteigehilfe neben der Tür fest, schwenken ihre Körper überschwänglich hin und her – und rauchen dabei Zigaretten. Wie damals in den Achtzigern.
Über den European Sleeper
Der European Sleeper geht auf eine Initiative zweier Niederländer zurück. Chris Engelsmann und Elmer van Buuren sind ausgewiesene Eisenbahnfanatiker, die sich das Nachtzugvakuum der frühen 2020er Jahre zunutze machen wollten.
Die Jungfernfahrt des European Sleeper erfolgte im Mai 2023. Seitdem hat der Zug nach Angeben seiner Betreiber mehr als 200 000 Gäste an ihr Ziel gebracht. Dreimal wöchentlich ist der Zug zunächst zwischen Brüssel und Berlin gependelt. Mittlerweile fährt er bis zum ursprünglich avisierten Zielbahnhof in Prag durch.

Vintage: Rauchende Studenten an der Tür des European Sleeper im Dresdner Hauptbahnhof
Tickets für den European Sleeper sind immer mal wieder im Sonderangebot zu haben. Regulär beginnen die Preise bei 50 Euro pro Strecke. Neben den einfachen Sitzen stehen auch Liegewagen mit bis zu fünf Passagieren (ab 80 Euro, ganzes Abteil ab 280 Euro) und richtige Schlafwagenabteile mit Waschbecken (der silberne Waggon) zur Auswahl. Frauen können sich in Wagen einbuchen, die nur ihnen vorbehalten sind.
Neben der Strecke Brüssel-Prag planen die Betreiber Nachtzüge nach Mailand und Barcelona.
Lohnt sich die Fahrt im European Sleeper?
Der Nachtzug ist nicht mit dem Orient Express zu verwechseln. Für Bahn-Fans aber ist die Fahrt ziemlich grandios. Auch Familien und kleine Gruppen (vor aller junger) Freunde sind in dem Zug gut aufgehoben. Vor allem die Strecke Amsterdam-Berlin ist bei allen sehr beliebt.
Ich persönlich möchte die Erfahrung nicht missen – und auch meine Begleitung hatte ihren Spaß.
Text und Bilder: Ralf Johnen, August 2025. Der Autor hat den European Sleeper für eine Dienstreise benutzt, zu der er von Visit Dresden-Elbland eingeladen war.
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