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    Die Highlights von Nordfrankreich: von Laon bis Lens

    6. April 2023

    Die Region Hauts-de-France breitet sich zwischen der belgischen Grenze, der Nordsee und Paris aus. Sie ist weitgehend unentdeckt, steckt voller Überraschungen und ist doch typisch französisch.

    Art-déco Fresko an einem Brückenkopf in Saint-Quentin

    Art-déco Fresko an einem Brückenkopf in Saint-Quentin

    1. Saint-Quentin: Hochburg des Art-déco

    Ein prächtiger Speisesaal mit bleigefassten Fenstern, stromlinienförmigen Treppengeländern und einem Mosaik aus kleinen Fliesen ist unser erstes Highlight von Nordfrankreich. Genau so nämlich präsentiert sich der Seitenflügel des Bahnhofs von Saint-Quentin heute wieder. Ein paar Schritte weiter überspannt eine Brücke die Somme und einen benachbarten Kanal.

    Schriftzug mit Marktplatz und Rathaus in Saint-Quentin

    Hochburg der Skater und des Art-déco: Saint-Quentin

    An ihren Köpfen ragen monumentale Säulen mit dynamischen Mustern in den Himmel, während auf Augenhöhe stilisierte Figuren das Auge erfreuen. Auch in der Stadt fallen palastartige Bauten mit eleganten Fassaden auf, darunter mit dem »Carillon« und dem »Casino« zwei ehemalige Kinos.

    Art-déco-Version des Schriftzuges Egalité, Liberté und Fraternité im Rathaus von Saint-Quentin

    Egalité, Liberté und Fraternité: Französische Ideale im Rathaus von Saint-Quentin

    Mit anderen Worten: Saint-Quentin ist eine Hochburg des Art-déco, jener Kunstrichtung, die sich in weiten Teilen Frankreichs durchsetzte, als in Paris wilden 1920er ihren Lauf nahmen. Aus architektonischer Sicht sicher eines der Highlights von Nordfrankreich.

    Brücke mit Art-déco-Pfeilern vor blauem Himmel im Zentrum von Saint-Quentin

    Betont monumental: Brücke mit Art-déco-Pfeilern in Saint-Quentin

    Kulturelles Herzland

    All dies ist uns früher entgangen, als Nordfrankreich für uns nur Durchfahrtsland auf dem Weg in die Hauptstadt oder weiter in den Süden war. Es ist eine Region, die lange Zeit zum kulturellen Herzland Europas gehörte und die während des Ersten Weltkriegs heftig umkämpft war.

    Monument in Gedanken an die Opfer des Ersten und Zweiten Weltkriegs in der nordfranzösischen Stadt Saint-Quentin mit Frau davor

    Monument in Gedanken an die Opfer des Ersten und Zweiten Weltkriegs in Saint-Quentin

    Saint-Quentin ist seinerzeit zu weiten Teilen zerstört worden, doch aus der Not hat die 53 000-Einwohnerstadt eine Tugend gemacht, die neuerdings in frischem Glanz erstrahlt. Neben den offensichtlichen Juwelen verbergen sich einige Schmuckstücke auch hinter den Fassaden.

    Art-déco-Elemente im Ratssaaal von Saint-Quentin mit Lampen, Tischen und Stühlen

    Nur die Telefone markieren einen Stilbruch: Art-déco-Elemente im Ratssal von Saint-Quentin

    So beherbergt das spätgotische Rathaus von 1509 einen Tagungssaal, der im Stile des Art-déco eingerichtet ist. Und unter dem Dach des Kaufhauses von Monoprix lockt ein prunkvoller Saal, der schon lange nicht mehr der Präsentation von Waren dient. Er wurde zu einem Auditorium umfunktioniert, in dem Marcel Cerdan geboxt hat. Heute befindet sich hier eine Ausstellungsfläche, die über das angrenzende Schmetterlingsmuseum zugänglich ist.

    Informationen zu Saint-Quentin

    Art-déco Route: Stadtplan und Broschüre erhältlich in der Direction du Patrimoine, Hôtel de Ville, saint-quentin.fr

    Essen & Trinken: Villa d’Île, Freundliches Lokal mit junger Küche und Terrasse am Rande der City. Rue d’Isle 111-113, villadisle.com

    Blau erleuchtete Türme der Kathedrale von Laon

    Blau erleuchtete Türme der Kathedrale von Laon

    2. Highlight von Nordfrankreich: Laon, die einstige Hauptstadt Frankreichs

    Ganz anders präsentiert sich eine knappe Autostunde weiter im Südosten Laon. Die Stadt thront weithin sichtbar auf einem Tafelberg, als müsse ihr der Rest der Welt zu Füßen liegen.

    Blick aus einem Turm der Kathedrale von Laon auf das Umland

    Weitblick vom Turm der Kathedrale von Laon

    Genau so war es in früheren Zeiten auch: Schon um das Jahr 500 hat der Bischof von Reims in Laon eine Diözese gegründet und damit eine der fortan bedeutendsten Städte Frankreichs ins Leben gerufen. Im 9. und 10. Jh. war Laon gar Hauptstadt der Grande Nation.

    Straßenszene mit Ballons über einer Einkaufsstraße in der Stadt Laon in Frankreich

    Aufgeblasen: Straßenszene in Laon

    Sichtbarster Ausdruck des Machtanspruchs ist die Kathedrale mit ihren fünf Türmen und einer Kalksteinfassade, die im Abendlicht beständig die Farbe zu wechseln scheint, ehe das Innere der Türme bei Dunkelheit in blauem Licht erstrahlt. Zu ihren Füßen breitet sich die Oberstadt aus, die mit einer Fläche von knapp 100 Hektar deutlich größer ist, als man aus der Ferne vermuten würde.

    Weitwinkelaufnahme der Kathedrale von Laon mit rot erleuchteten Gewölben

    Rote Gewölbe in der Kathedrale von Laon

    Sie besteht aus einem verwirrenden Geflecht enger Gassen, wobei das intakte mittelalterliche Stadtbild für regen Zuspruch von Touristen sorgt. Die Kathedrale gehört zu den größten in ganz Frankreich, am Freitagmittag allerdings ist sie verwaist, was die angenehm melancholische Grundstimmung Laons noch weiter verstärkt.

    Eingangsportal zur kathedrale von Laon mit Statuen und roter Holztüre

    Gotische Grandezza am Portal zur Kathedrale von Laon

    Tipps für Laon

    Informationen zu Führungen durch die Kathedrale und Turmbesteigungen unter tourisme-paysdelaon.com, aisne-tourisme-pro.com

    Souterrains de Laon: Kinderfreundliche Führung durch die geschichtsträchtige Unterwelt der Stadt.

    Craft Bier von Tongerlo auf einem Tisch in Laon

    Im Norden Frankreichs ist Craft-Beer beliebter als Wein

    Restaurant Le Parvis: Regionale Spezialitäten wie Boudin Blanc, eine Art Weißwurst mit karamellisierten Äpfeln und Kartoffelstampf. 3 Place du Parvis, leparvislaon.fr

    Estaminet Saint-Jean: Lokale Spezialitäten in ungezwungenem Rahmen, auch vegetarische Gerichte. 23 Rue Saint-Jean, estaminetsaintjean.com

    Hotel: Logis de Parvis. Freundliche Unterkunft direkt an der Kathedrale, einige Zimmer blicken zudem auf einen reizenden Platz. 3 Place du Parvis, logisduparvis.com

    Außenansicht des Schlosses von Pierrefonds vor blauem Himmel

    Das Schloss Pierrefonds ist nicht annähernd so alt, wie es vorgibt

    3. Pierrefonds: Frankreichs Neuschwanstein

    Ebenfalls schon von weitem sichtbar ist das Schloss von Pierrefonds. Ein beeindruckender Bau mit acht Rundtürmen, Zinnen und einem mächtigen Tor, dessen Gemäuer in überraschend gutem Zustand sind. Erst auf den zweiten Blick ist dies nicht weiter verwunderlich, denn ähnlich wie Schloss Neuschwanstein in Bayern oder Kasteel de Haar in den Niederlanden ist der Prunkbau weniger alt, als er vorgibt.

    Innenhof des Schlosses Pierrefonds mit Treppe, Reiterbild und Zinnentürmchen

    Pierrefonds wird aufgrund seiner prätentiösen Architektur und seines fehlenden Alters zuweilen mit Schloss Neuschwanstein verglichen

    Zwar stand hier, gut 90 Kilometer nordöstlich von Paris, schon im 12. Jh. eine Burganlage. Diese jedoch war nur eine Ruine, als Napoleon III. 1850 zu Besuch kam. 1861 erteilte dieser den Auftrag zum Bau einer kaiserlichen Residenz – und als diese vollendet war, kam 1867 König Ludwig II. zu Besuch, um sich Inspiration für sein hoch über Füssen liegendes Domizil zu verschaffen. Entworfen wurde das Bauwerk von Eugène Viollet-le-Duc, der auch für Nôtre-Dame in Paris verantwortlich zeichnet.

    Ein Meisterwerk von Eugène Viollet-le-Duc

    Wer im Innenhof des Anwesens steht, sieht dass sich der Architekt aus dem Vokabular diverser historischer Baustile bedient. Dabei erfreuen die Gemäuer von Pierrefonds durch detailfreudige Ornamente wie eine Regenrinne, die in ein Reptil übergeht, aus dessen Mund das Wasser sprudelt.

    Statue des Architekten Eugene Viollet-le-Duc an der Fassade des Schlosses Pierrefonds

    Eugène Viollet-le-Duc ist Architekt des Schlosses Pierrefonds

    In den Innenräumen befindet sich eine interessante Skulpturen-Sammlung mit unter anderem der kleinen Schwester der Freiheitsstatue aus dem Atelier von Bildhauer Frédéric-Auguste Bartholdi. Besonders effektvoll sind die »Gisants« aufgebahrt: die liegenden Statuen haben ihren Platz in den Kellergewölben gefunden. Kunstvoll illuminiert lassen sie so manchen Besucher erschaudern.

    Blumen im Schlosspark von Compiegne mit Schloss im Hintergrund

    Stillleben im Schlosspark von Compiègne

    4. Compiègne: Highlight von Nordfrankreich und Stadt des Waffenstillstands

    Nach so viel Geschichte ist es an der Zeit für eine andere Spezialität aus Frankreich. Wir verzichten aufs Frühstück, um uns am Samstagmittag den Vorzügen der Küche hinzugeben. Das »Les Ferlempins« liegt etwas unscheinbar am Südufer der Oise, wo das junge Team uns mit einem Virgin Cocktail begrüßt. Es folgt zunächst köstlich rustikales Brot mit zweierlei Amuses und danach eine stimmige Komposition aus jungen Erbsen, Faisselle (einem Frischkäse) und hausgemachtem Beef Jerky. Nicht weniger überzeugend ist das gegrillte Schweinefilet aus der Picardie sowie das Eis mit Gurke und Thymian.

    Kunstvolles Dessert mit Eis und Früchten im Restaurant Les Ferlempins in der nordfranzöschen Stadt Compiegne

    Kulinarisches Highlight in Nordfrankreich: Eis mit Früchten im Restaurant Les Ferlempins

    Zugegeben: Schon während des Essens unterhalten wir uns wieder über Geschichte. War es nicht hier im lebendigen Compiègne, wo Frankreich und Deutschland in beiden Weltkriegen einen Waffenstillstand unterzeichnet haben? Ja, so war es. Schauplatz war in beiden Fällen ein Eisenbahnwagon – und nicht etwa das Schloss von Compiègne, das nach Versailles und Fontainebleau das drittgrößte auf französischem Grund und Boden ist.

    Bunte Stühle in einer autobefreiten Geschäftsstraße in Compiegne, einem der Highlights in Nordfrankreich

    Ein Leben ohne Autos: Bunte Stühle in Compiègne

    Moderater Andrang in Compiègne

    Wie wir kurz darauf sehen, besitzt das am Rande der City gelegene Schloss bis heute eine royale Aura. Auch wegen des Schlossparks und der großzügigen Ausfallstraße. Anders als die südlich von Paris gelegenen Paläste aber hält sich der Andrang hier in Grenzen, was auch daran liegen mag, dass nur ein Teil der Säle mit historischem Mobiliar ausstaffiert ist. Ein anderer Flügel ist dem Musée national de la Voiture vorbehalten, in dem historische Kutschen und Tramwagen ausgestellt sind. Ein schöner Ort, um in der Vergangenheit zu schwelgen.

    Junge Frau vor einem Blumengarten und dem ehrwürdigen Rathaus der nordfranzösischen Stadt Compiegne

    Versprechen eingelöst: Frau mit Rosengarten in Compiègne

    Weitere Information zu Compiègne

    Chateau de Compiègne chateaudecompiegne.fr

    t’Aim Hotel Compiègne: Prima Stadthotel direkt an der Oise. Rue Pont Neuf 70, taimhotel.com

    Ein roter Oldtimer vom Typ Lambert im Automuseum von Compiegne

    Elegant geschnitten: roter Oldtimer vom Typ Lambert im Automuseum von Compiègne

    Restaurant Les Ferlimpins: 13 Cours Guynemer, lesferlempins.fr

    Torbogen vor einer Kapelle im Garten der Domaine de Chaalis

    Kuam besucht: die Domaine de Chaalis im Norden Frankreichs

    5. Rousseau und Rosengarten in der Domaine de Chaalis

    Wir fahren noch ein Stückchen weiter in Richtung Paris. Anlass ist das ehemalige Kloster Chaalis, von dessen Kirche nur eine Ruine übriggeblieben ist, die sich malerisch in einer Waldlichtung aufbaut. Nachdem wir die aus dem frühen 12. Jh. stammenden Gemäuer gewürdigt haben, ziehen wir uns in eine weitere Attraktion der weitläufigen Domaine zurück: das Rosarium.

    Junge Frau unter Regenschirm an einem Tisch in der Domaine de Chaalis

    Rainy Day Woman # 12

    Es handelt sich um eine zeitgenössische Interpretation des Rosengartens, die den Vorläufer aus dem 19. Jh. ersetzt hat. Die Blumenstöcke sind entlang von Sichtachsen gepflanzt und von ehrwürdigen Mauern umgeben. Bogenförmig ranken sie sich über einen Weg, um hier und da eine Art Dach bilden.

    Statue von Jean-Jacques Rousseau auf einer goldenen Uhr, gesehen im Museum der Domaine de Chaalis

    Statue von Jean-Jacques Rousseau auf einer goldenen Uhr, gesehen im Museum der Domaine de Chaalis

    Ein schöner Anblick, den wir im fortgeschrittenen Frühjahr nahezu allein genießen.

    Detail eine Elefanten in der Domaine de Chaalis

    Schwere Last: Detail eine Elefanten in der Domaine de Chaalis

    Das gilt auch für das Musée Jacquemart-André de Chaalis, das sich in einem ehemaligen Konvent befindet, der später zu einem zweigeschossigen Schloss umgebaut wurde. Zur Sammlung gehört ein Werk aus dem Atelier von Albrecht Dürer, aber auch der Espace Jean-Jacques Rousseau, der sich mit Leben und Werk des naturalistischen Philosophen beschäftigt. Die Sammlung gilt als zweitgrößte ihrer Art.

    Stilleben mit Lilien und Rosen im Garten der Domaine de Chaalis gehört zu den Highlights von Nordfrankreich

    Eines der Highlights von Nordfrankreich: der Garten der Domaine de Chaalis

    6. Chantilly: Pferdesport vor den Toren von Paris

    Den Abend verbringen wir in Chantilly, einer Stadt, die fast an Paris grenzt. Auch sie beherbergt ein Schloss, doch das steht nicht im Mittelpunkt unseres Besuchs. Viel mehr schlendern wir über die Rue de Connétable, die von zweistöckigen, typisch französischen Häusern flankiert wird.

    Schloss mit Pferdemuseum mit Kopfsteinpflasterstraße in Chantilly

    Chantilly gilt als Pferdehochburg Frankreichs

    Am Ende der langen Geraden stoßen wir auf ein weiteres Phänomen, für das Chantilly berühmt ist: Das 35 000-Einwohnerstädtchen gilt als wichtigstes Zentrum für Pferdesport in Frankreich. Das zeigt sich ganz in der Nähe des Schlosses im örtlichen Pferdemuseum. Der Bau wurde 1719 im Auftrag von Louis IV. Henri de Bourbon errichtet, um seinen Vierbeinern eine würdevolle Bleibe zu bieten.

    Fachwerk im Frühstückssal des Hotel de Chantilly

    Fachwerk im Frühstückssal des Hotel de Chantilly

    Das Ergebnis sind 186 Meter lange Stallungen, die selbst wie ein Schloss erscheinen. Der Bau öffnet sich hin zur Pferderennbahn und bildet gemeinsam mit ihr vor allem im Abendlicht ein erhabenes Gesamtensemble. Wieder so ein architektonisches Highlight von Nordfrankreich.

    Oldtimer auf Kopfsteinpflaster vor dem Schloss von Chatilly

    Ein Oldtimer pradiert vor dem Schloss von Chatilly

    Dahinter stoßen wir auf eine Straße, deren Pflastersteine an die Strecke des Radrennens Paris-Roubaix erinnern. Anstelle von Fahrrädern aber sind hier einige Oldtimer unterwegs, deren Insassen auf der Suche nach Romantik sind: Nur durch einen Wassergraben getrennt, kommen sie an Schloss Chantilly vorbei.

    Zusätzliche Informationen zu Chantilly

    Schloss und Musée de Cheval: Rue du Connétable, chateaudechantilly.fr

    Hotel Le Chantilly: Charmante Unterkunft mitten in der Stadt mit tollem Frühstück. 9 Petite Place Omer Vallon, hotel-lechantilly.com

    Restaurant Le Vertugadin: Rustikales Lokal mit amüsantem Patron und guter Küche. 44 Rue du Connétable

    Einkaufen: L’Instant Miels et saveurs, Leckereien aus der Region und ganz Frankreich. 101 Rue du Connétable

    Junge auf Schriftzug Arras vor neuflämischen Häusern

    Platz an der Sonne im Norden Frankreichs

    7. Arras: Gotik, Grand Place und Geschäfte

    Zeit für einen Szenenwechsel. Schließlich besteht der Norden Frankreichs nicht nur aus den Residenzen am Rande der Hauptstadt. Binnen anderthalb Stunden sind wir in Arras – und das kommt einem ziemlichen Tapetenwechsel gleich. Das Städtchen gehörte über Jahrhunderte hinweg erst zur Grafschaft Flandern und danach zu den Spanischen Niederlanden.

    Palmen auf der Place des Héroes von Arras mit Rathaus im Hintergrund

    Subtropische Gewächse im Norden Frankreichs: die Place des Héroes Arras

    Beide Epochen haben das Stadtbild nachhaltig geprägt, denn Arras besitzt mit der Grand Place einen prächtigen Platz, der von Patrizierpalästen mit repräsentativen Giebeln eingerahmt ist. Noch beeindruckender ist die Place des Héros, an deren Nordwestflanke sich der örtliche Belfried aufbaut.

    Der gotische Bau ist 75 Meter hoch, die wir überwiegend per Aufzug zurücklegen, um auf die Stadt und ihr Umland zu schauen. Von oben beobachten wir, wie sich immer mehr Menschen für einen gepflegten Kaffee auf dem Platz einfinden. Wieder unten lassen wir uns von der Braderie verzaubern, die an diesem Sonntagmorgen stattfindet. Die Geschäfte sind geöffnet. Ihre Sonderangebote preisen sie im Freien an.

    Blick auf die Place des Héroes von Arras vom Belfried

    Blick vom Belfried auf die Place des Héroes von Arras

    Weitere Infos zu Arras

    Belfried: 4 Place des Héros

    Festival: Main Square Festival (Ende Juni, Anfang Juli), mainsquarefestival.fr

    Braderie: an einem Sonntag Ende Juni

    arraspaysdartois.com

    Eine Glasfassade mit rechten Winkeln bestimmt das Äußere des Louvre Lens

    Glasfassade mit rechten Winkeln: der Louvre Lens

    8. Highlight von Nordfrakreich: Bergbau und Hochkultur in Lens

    Im nahen Lens suchen wir einen flachen Bau von enormen Ausmaßen auf. Er ist in einen Landschaftsgarten eingebettet und besitzt eine streng geometrische Fassade aus Glas und Aluminium. Ein echter Zen-Ort, der die örtliche Dependance des Louvre beherbergt. Seit 2012 zeigt das wohl wichtigste Museum der Welt in der Bergarbeiterstadt einen Teil seiner Sammlung.

    Innenaufnahme der Depandance des Louvre in Lens mit Spiegelbild

    Moderne Depandance: der ehrwürdige Louvre betreibt in Lens eine Zweigstelle

    Herzstück ist die »Galerie du Temps«, die mithilfe einer Zeitleiste (»Timeline«) einen Überblick über die Entwicklungsgeschichte der Hochkulturen vergangener Jahrtausende bietet. Griechenland, Ägypten und Mesopotamien werden so erstaunlich lebendig. Ganz nebenbei wird deutlich, wie diese Kulturen den Grundstein für spätere Entwicklungen legen – zum Beispiel für das Italien Boticellis und Tintorettos.

    Street Art mit Bergmann und Kindern in der französischen Industriestadt Lens

    Auf Kohle gebaut: Street Art in Lens

    Dies alles steht in schrillem Kontrast zu einer Umgebung, die mit Hochkultur bislang wenig am Hut hatte. Viel mehr gruppieren sich spitze Halden um Lens, stille Zeugen einer Vergangenheit als Bergbauzentrum. Als der Kohleabbau nicht mehr rentabel war, kam dem örtlichen Fußballverein die volle Aufmerksamkeit zu.

    Riesen während des Festival des Géants im nordfranzösischen Lens

    Das Festival des Géants in Lens

    Der Racing Club de Lens ist eine feste Größe in Frankreich – und ein guter Teil der örtlichen Bevölkerung trägt in der Freizeit das rotgelbe Trikot des Teams. Zu Beginn der Nuller Jahre aber setzte sich die Erkenntnis durch, dass für die Zukunft der Sport allein nicht reichen würde. Also hat sich die Stadt darum beworben, als kulturelles Aushängeschild zu firmieren. Bilbao hat diese Art von Strukturwandel mit Erfolg vorgemacht.

    Brauer Rubens Figueimedo in seinem Lokal in Lens

    Erfinder des Bergarbeiterblond: der brasilianische Brauer Rubens Figueimedo

    Informationen zu Lens

    Louvre Lens: 99 Rue Paul Bert, louvrelens.fr

    Brasserie Saint-Théodore: Moderne Brasserie mit preisgekröntem Bier aus eigenem Haus und Biergarten. 238 Rue Paul Bert, saint-theodore.fr

    Parade des Géants: Großer Umzug Ende Juni mit stilisierten Riesen, tourisme-lenslievin.fr

    Chefkoch und Eigentümer Christophe Dufosse im Gewächshaus des Chateau le Beaulieu

    Highlight in Nordfrankreich: Chefkoch und Eigentümer Christophe Dufosse im Gewächshaus des Chateau le Beaulieu

    9. Chateau de Beaulieu: eine Adresse für Genießer

    Höchste Zeit für noch ein Schloss. Doch keine Sorge: Das Chateau de Beaulieu steht nicht im Zeichen der glorreichen Vergangenheit Frankreichs und seiner Herrscher. Vielmehr handelt es sich um einen Landsitz, den Christophe Dufossé zu einer der vornehmsten Unterkünfte der Region gemacht hat.

    Schlossgarten des Chateau de Beaulieu mit Springbrunnen und Trauerweiden

    Der Schlossgarten des Chateau de Beaulieu

    Das Anwesen gehört zum erlesenen Kreis der Relais & Châteaux und besitzt ein mit einem Michelin-Stern dekoriertes Restaurant. Der ehrgeizige Gastronom stammt aus Calais und möchte die Region nachdrücklich in seine Arbeit mit einbinden. Von den köstlichen Erdbeeren bis zu den Tomaten baut er Obst und Gemüse auf dem Areal des Schlösschens selbst an.

    Zucchiniblüten im Garten des Chateau de Beaulieu

    Gaumenschmaus: Zucchiniblüten im Garten des Chateau de Beaulieu

    Das Personal stammt aus der Umgebung – und die Bewohner der hauseigenen Farm hat er in Heimen für misshandelte Tiere aufgelesen. Auch beim Interieur macht er vieles richtig: So hat Dufossé den ehrwürdigen Bau leichtfüßig mit modernem Mobiliar ausstaffiert. Eine echte Genießeradresse, dessen Hauptattraktion der Weinkeller ist. Dieser umfasst einige Tausend Positionen mit einer Preisspanne von etwas über 20 bis zu 20 000 Euro pro Flasche.

    Chateau de Beaulieu: 1098 Rue de Lillers, Busnes, lechateaudebeaulieu.fr

    10. Saint-Omer: Am Rande des Sumpfes

    Gegen Ende des Trips ist uns nach Natur zumute. Also suchen wir mit Saint-Omer ein Städtchen auf, das an drei Seiten von einem Sumpfgebiet eingerahmt wird und das gerne mit dem niederländischen Ort Giethoorn verglichen wird.

    Portal zur gotischen Kathedrale von Saint-Omer

    War um 1500 vollendet: die gotische Kathedrale von Saint-Omer

    Schon im 12. Jh. haben die Bewohner der Region mit der Kanalisierung des mehr als 12000 Hektar großen Marais audomarois begonnen, um später mithilfe von Windmühlen fruchtbare Polder anzulegen. Vor allem im 19. Jh. wurden hier mit Erfolg Blumenkohl, Chicorée und 50 weitere Gemüsesorten angebaut, was für beträchtlichen Wohlstand sorgte.

    Die Kreuzabnahme von Peter Paul Rubens in der Kathedrale von Saint-Omer

    Hochwertige Deko: Die Kreuzabnahme von Peter Paul Rubens in der Kathedrale von Saint-Omer

    Nach heutigen Maßstäben aber ist der Anbau zwischen den Kanälen zu mühselig, nur noch wenige Bauern halten die Tradition aufrecht. An Bord eines Ausflussschiffes lernen wir, was es damit auf sich hat. Später mieten wir uns ein Kanu, um uns das Ganze noch einmal in bedächtigem Tempo anzusehen. Während wir auf dem Wasser schaukeln, lassen wir uns Baguette mit Käse und Madelaines schmecken.

    Klostergarten von Saint-Omer mit Mauern und Büschen

    Tiefergelegt: der Jardin public de Saint-Omer

    Informationen zu Saint-Omer

    Schau auf die Webseite des Städtchens. tourisme-saintomer.com

    Bootstour & Restaurant: La Baguarnette, 3 Rue du Marais, Clairmarais, labaguernette.fr. Ebenfalls sehenswert: die Kathedrale.

    Strandhäuschen in Malo Les Bains bei Dünkirchen

    Branding an der Brandung: Strandhäuschen in Malo Les Bains

    11. Highlight von Nordfrankreich: Dunkerque, Seebad der Belle Époque

    Fehlt noch das Meer, wo wir uns zum Abschluss des Trips ein wenig Wind um die Nase blasen lassen. Hierzu machen wir uns zum Strand von Dunkerque auf. In Malo-les-Bains zeigt sich die geschäftige Hafenstadt von ihrer besten Seite: Auf dem breiten Boulevard weht eine steife Brise und die bunt angestrichenen Strandhäuschen, sogenannte Kioske, verbreiten träge Urlaubsstimmung.

    Art-déco-Fassade mit Erkern und Balkon in Dünkirchen

    Überschwängliche Fassade an einer Villa in Dünkirchen

    Wissend, dass unser Trip fast vorbei ist, schauen wir uns etwas wehmütig in den Straßen rund um die Rue Belle Rade um, die unweit des Meeres das Flair eines Seebades verbreiten. Hier stoßen wir auf schöne Beispiele für eine architektonische Ausdrucksform, die als Pittoresker Stil in die Baugeschichte eingegangen ist.

    Flaggen am Strand von Dünkirchen vor dem Start der Tour de France 2022

    Flaggen am Strand von Dünkirchen vor dem Start der Tour de France 2022

    Farbenfrohe Villen, die hier ein Erker und dort einen ornamentierten Balkon aufweisen. Hübsch verzierte Fensterbögen und Dachgiebel gehören sowieso dazu. Doch auch Art-déco und Belle Époque sind in Malo-les-Bains mehr als nur eine Erinnerung.

    Art-déco-Details an einer Hausfassade in Dünkirchen

    Art-déco-Details an einer Hausfassade in Dünkirchen

    In der Avenue Gustave Lemaire zum Beispiel wartet eine Villa auf Bewunderer, deren Baumeister sich ganz offensichtlich auf dem Vokabular Antoni Gaudís bedient hat. So schließt sich der Kreis zum Auftakt der großen Tour durch Frankreichs Norden in Saint-Quentin.

    dunkerque-tourisme.fr

    Stadtansicht von Guise mit Blumen, Treppe und Kopfsteinpflaster

    Blumen, Treppe und Kopfsteinpflaster: Stadtansicht in Guise

    Weitere Informationen zu den Highlights von Nordfrankreich

    Schau auf die Webseite der Region Hauts de France.

    Text und Bilder: Ralf Johnen, zuletzt aktualisiert im April 2025. Der Autor war auf Einladung der Region Hauts de France im Norden Frankreichs.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

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